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Dieter Roth im Hamburger Bahnhof

Dieter Roth im Hamburger Bahnhof

Ist das nun Musik? Oder ist es „noch nicht Musik oder nicht mehr“, fragt Gabriele Knapstein. Die Kuratorin am Hamburger Bahnhof trifft mit ihrer Frage ins ­Schwarze. Am Universalkünstler Dieter Roth, der zeich­nete, schrieb, musizierte, komponierte, dirigierte, Instrumente baute und mehr, scheiden sich die Geister. Matthias ­Haldemann, Direktor des Kunsthauses Zug, glaubt: „Das kann man eigentlich nicht hören“, eine „Langstreckensonate“ von 36 Stunden Dauer auf kleinen Kassetten. „Wer tut sich das an?“ Sein Mitkurator Michel Roth, Professor an der Hochschule für Musik in Basel und nicht mit dem Künstler verwandt, tat es. Der Schweizer Musikwissenschaftler und Kunst­experte beschäftigt sich schon länger mit dem tönenden Künstler. Der spielte Trompete und Klavier und war vielleicht doch nicht ganz der „praktizierende Dilettant“, für den er sich ausgab und für den ihn alle halten – angesichts des ausufernden Werkes, das vom „Quadrupelkonzert“ bis zur „Klang-Bar“ vielfach Lautmalerisches einbezog. Jeden­falls ergibt sich ein sehr differenzierter Eindruck beim Rundgang durch die spannende Ausstellung auf 3000 Quadratmetern in den Rieck-Hallen des Hamburger Bahnhofs, die in Kooperation mit den Schweizern entstand. Das zirpt und orgelt und ist bei Weitem nicht (nur) als sinn­freier Lärm wahrnehmbar, was dem Besucher ins Ohr dringt. Wenn der ­Nonsens Sinn ergibt, dann bei Roth, der sein Klavierspiel mit Kommentaren wie „Verdammt, die Zeit geht langsam dahin“ oder „Marschieren wir durch die ­Minuten“ begleitete.
Das an der Volksbühne heute wieder für Furore sorgende Bühnenstück aus einem Wort „Murmel Murmel“ stammt ebenso von ihm wie eine „Olivetti-Yamaha-Grundig-Combo“, mit der er akribisch experimentierte – Buchstaben, ihrer Häufigkeit entsprechend, Ton­arten zuordnete. In den Fluxus-Tagen der 60er-Jahre nahmen Nam June Paik und Charlotte Moorman sein „Ton­alfabet“ mit auf Tournee. Mit Günter Brus, Hermann Nitsch und ­Oswald Wiener trat er in den 70ern musizierend auf, produzierte Platten „selten gehörter Musik“. Dieter Roth suchte die Entgrenzung und fand das Neue in der Kunst.

Dieter Roth

Dabei rückt er auf Augenhöhe mit ­Joseph Beuys und lässt Martin Kippenberger hinter sich. Mehr Forscher und Erfinder als Schamane, war der Gesamtkunstwerker ein wegweisender Monolith, dessen Werk die moderne Überforderung einer unübersichtlich gewordenen Welt spiegelt. 200 Arbeiten aus 30 Sammlungen machen mit Roths Beziehung zur Musik bekannt, darüber hinaus aber auch mit seinem künstlerischen Totalansatz, der im Kern um die Vergänglichkeit alles Irdischen kreist, ob still oder geräuschvoll.
Was sich an seiner großen „Gartenskulptur“ ebenso ablesen lässt wie an den originellen Klangexperimenten. „Mein Albtraum ist, abtreten zu müssen, meinen Lautsprecher abschalten zu müssen“, bangte Roth. So begleitete stets die Angst den manischen Zeit-Vertreib. Ist doch Musik beim Hören schon wieder Vergangenheit. Über das als quälend empfundene (Nicht-)Vergehen von Zeit sinniert Roth etwa 1976 in seiner „Radio Sonate“. Ein Philosoph des Existenziellen, der lustvoll zum Minutenkiller wird.   


Text:
Andrea Hilgenstock

Fotos:
Florian Holzherr / Dieter Roth Estate / Courtesy Hauser & Wirth; Karin Mack / VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Hamburger Bahnhof, ?Rieck-hallen Invalidenstraße 50-51, Mitte, Di+Mi, Fr 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, bis 16.8.

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