Ausstellungen

Digital ist besser – Medienkünstler Simon Denny

Simon_Denny_c_HS-42„Digital Natives“ – so werden der neuseeländische Künstler Simon Denny, Jahrgang 1982, und seine Altersgenossen genannt. Diese Ureinwohner des „Neulands“ Internet verehren eigenwillige Helden: Im Wiener mumok zeigte Denny Kopien der beschlagnahmten Besitztümer des Dotcom-Hasardeurs Kim Schmitz, auch bekannt als „Kim Dotcom“ oder ganz schlicht „König Kimble der Erste, Herrscher des Kimperiums“. Dafür hat Denny, der 2012 mit dem Ba­loise Art Prize ausgezeichnete Shootingstar der Medienkunst, auch einen Grund: „Mich fasziniert Kim Dotcoms Fähigkeit, eine Geschichte zu verkörpern. Die ganze Geschichte seiner Verhaftung handelt von Themen wie Zugang, Eigentum und Urheberrecht – und den unterschiedlichen globalen Machtstrukturen. Er benimmt sich wie ein Charakter aus einem Bond-Film – und wird wegen der illegalen Verbreitung von Filmen geschnappt, in denen er mitspielen könnte.“

Die kargen Wände von Dennys funktionell eingerichtetem Arbeitsraum, der Teil einer von Berliner Szenegrößen wie Modedesigner Vladimir Karaleev oder Videokünstler Philipp Geist genutzten Ateliergemeinschaft in der Leipziger Straße ist, ziert als großformatiges Poster eine weitere spezielle Ikone: Entrückt wie ein junger Beck Hansen blickt 4Chan-Gründer Christopher Poole in ein digitales Jenseits, während er auf einer Konferenz spricht. Doch nicht nur das Netz, das er mangels teurer Hardware als einkommensfern sozialisierter Jugendlicher noch mittels einer vergleichsweise langsamen Leitung kennenlernte, beschäftigt Simon Denny. Auch Fernsehen in allen Formen fasziniert ihn: Von serienmäßigem Trash-TV wie „Jersey Shore“, das er sich während seiner Frankfurter Studentenzeit gern manisch reingezogen hat, über das öffentlich-rechtliche neuseeländische Programm TVNZ 7, dessen Abschaltung er bitter beklagt, bis hin zu Nam June Paiks Experimenten mit dem Medium – deren Rezeption durch die amerikanische Künstlerin Martha Rosler ihn schwer beeindruckt hat.

SimonDenny_DeepSea_c_CourtesyGalerieBuchholzBerlinCologneEbenfalls wichtig für Denny ist das Videokunst-Magazin „Radical Software“, immer mit der klassischen Hacker-Frage im Hinterkopf: Nun, da es all diese tollen neuen Medien gibt – was kann man jenseits der darin angelegten Verfestigung bestehender Medienmacht damit sonst noch so anstellen? Seine Antworten sind großräumige Installationen, die von wichtigen Akteuren des globalen Kunstmarktes wie der New Yorker Gallery Petzel oder der in Köln und Berlin ansässigen Galerie Buchholz international ausgestellt und diskutiert werden – weswegen er sich im Gespräch gern diplomatisch gibt und Floskeln wie „… wenn das, was ich mache, Medienkunst ist, dann …“ einbaut.

Was aber, wenn es einfach nur Kunst wäre – oder wenn es keine Kunst wäre? Denny: „Das macht mir nichts aus. Mir ist es wichtig, interessante Ausstellungen und Projekte zu machen. Die ganze Diskussion drumherum ist zwar wichtig, aber ich halte mich diesbezüglich zurück. Ich versuche, mich auf die Frage zu konzentrieren, was eine gute Ausstellung als solche erfahrbar macht.“ Oder wie man in Berlin sagt: „Wir nennen es Arbeit.“ Auch Dennys nächstes Projekt ist hier ganz richtig: Die kultursoziologische Erforschung der Lebenswelten prekärer Programmierer – in besseren Tagen auch bekannt als „Digitale Bohиme“.

Text: Gunnar Lützow

Foto: Harry Schnittger, Galerie Buchholz Berlin/Cologne (Mitte)

Preis der National­galerie für Junge Kunst

Diese Auszeichnung wollen sie alle, doch nur einer der vier Künstler kann den Preis der Nationalgalerie am 19. September empfangen. Die Nominierten wurden von einer internationalen Jury aus über 140 Bewerbungen ausgewählt. Unter ihnen ist Simon Denny. Mit dem Neuseeländer startet unsere Reihe, in der wir nach Denny in den nächsten tip-Heften Mariana Castillo Deball, Haris Epaminonda sowie Kerstin Brätsch vorstellen. Sie alle sind zwischen 1975 und 1982 geboren und stehen am Beginn oder auch schon mittendrin in einer internationalen Karriere.

Der Preis ist in diesem Jahr erstmals nicht mehr mit 50?000 Euro verbunden, stattdessen gibt es eine Einzelausstellung in einem der Häuser der Nationalgalerie sowie einen nicht dotierten Publikumspreis. Für einige der früher Nominierten wirkte die Auszeichnung, die der Verein der Freunde der Nationalgalerie seit 2000 alle zwei Jahre an in Deutschland lebende Künstler vergibt, als Karrierebeschleuniger. Etwa für Dirk Skreber, der als erster Preisträger gekürt wurde und unter anderem Уlafur Elнasson ausstach. Der Markt stand dem Maler danach offen. Monica Bonvicini erhielt den Preis 2005, Ceal Floyer 2007. Doch traten auch ihre Konkurrenten Siegeszüge an. Anri Sala etwa, der gerade auf der Biennale in Venedig Erfolge feiert, oder Tino Sehgal, der leer ausging in Berlin und nun in Venedig mit dem Goldenen Löwen als bester Künstler ausgezeichnet wurde.

Die Jury setzt sich in diesem Jahr zusammen aus Okwui Enwezor vom Münchner Haus der Kunst, Nationalgalerie-Direktor Udo
Kittelmann, Gabriele Knapstein vom Hamburger Bahnhof sowie Kitty Scott von der Art Gallery of Ontario und MoMA-Kurator Luis Pйrez-Oramas. Doch wem auch immer sie den Preis verleihen werden, im Grunde nützt bereits die Nominierung allen Künstlern.

Ab 29. August werden die „Neuen“ den Wettbewerb antreten und in einer gemeinsamen Ausstellung im Hamburger Bahnhof zeigen, was sie drauf haben. Text: Andrea Hilgenstock

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