Ausstellungen

Discover US! in den Uferhallen

Discover USIm Moment des persönlichen Triumphs skandiert Homer Simpson gerne „USA! USA! USA!“. Es ist nicht einfach nur die euphorische Lobpreisung seiner Heimat; bar jedes unschönen Patriotismus und jeder Überheblichkeit ist es vielmehr ein Sinnbild für die spontane Verschmelzung der Freude über eine individuell erbrachte Leistung mit dem geistigen Grundgefüge der Vereinigten Staaten. Niemand personifiziert diese Form der amerikanischen Mentalität besser als der fettleibige Sicherheitsinspektor des Kernkraftwerks von Springfield. Trotz Haarausfall, Geldnot und Alkoholproblem verkörpert er den amerikanischen Traum in all seinem Glanz und all seiner Abgründigkeit.

Vielleicht haben die Kuratoren der Ausstellung „Discover US! Carnival Within. An Exhibition Made in America“ nicht an Homer Simpson gedacht, als sie das Konzept der interdisziplinären Schau entwickelten, die vom 28. März bis 3. Mai in den Weddinger Uferhallen mehr als 20 amerikanische und in den USA lebende Künstler präsentieren wird. Doch wenn Sabine Russ, Uta Grundmann und Gregory Volk über die Bedeutung der „karnivalisierten Momente“ sprechen, die der US-Kultur als solcher und den ausgestellten Werken im Speziellen innewohnen, muss man fast zwangsläufig an den gebeutelten Familienvater denken, der es immerzu schafft, aus seinem eintönigen Leben ein Spektakel zu machen, und der, wie vor ihm wohl nur Donald Duck, beweist, dass alles möglich ist, wenn man es nur macht.
So, wie die in Trinidad geborene und heute in Brooklyn lebende Künstlerin Karyn Olivier in ihrem Projekt „It’s not over till it’s over“ ein sieben mal drei Meter großes, schleichend langsames und nur für eine Person ausgelegtes Karussell in einer Einöde auf Long Island installierte. In dieser die Sinnzusammenhänge verrü­cken­den Aktion stellte sie den Karneval, die Sucht nach der Zerstreuung und Verspieltheit auf die Probe. Schließlich ist aber der Karneval oder eben der „karnivalisierte Moment“ nicht nur hier eine Situation, in der festgefügte Verhaltensmuster, Hierarchien und Werte außer Kraft gesetzt werden. Er ist also ein Ausnahmezustand, in dem ein vorübergehender Freiraum erschaffen wird und der damit der Kunst nicht unähnlich ist.
Wenn sich dann aber die New Yorkerin Joyce Pensato in ihren überdimensionierten, düs­teren Gemälden auf die anarchische Zei­chen­trickkatze Felix the Cat beruft oder der aus Seattle stammende David Herbert eine grotes­ke Skulptur von Mickey Mouse baut, dann wird von ihnen ganz bewusst die dunk­le Seite der karnivalisierten Kultur beschworen. Die zuckersüßen Comicfiguren, Grundfesten der Populärkultur, verwandeln sich in Schreckgespenster einer Gesellschaft, die sich selbst ihrer Träume beraubt hat und sie heute nur noch gegen Bargeld und zwischen Werbeblöcken portioniert ausverkauft.

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Die Kunst, zumindest so, wie sie in „Discover US!“ verstanden wird, will die viel beschworene Rolle des gesellschaftlichen Vexierspiegels übernehmen. Sie hin­terfragt die Gigantomanie und Sensationslust oder stellt sie gleich an den Pranger, sie exorziert die bleiernen Jahre der Bush-Regierung und steht, ohne es sich auf die Fahnen zu schreiben, für ein neues Amerikabild ein, jenen mentalen Generationswechsel, der mit der Wahl von Barack Oba­ma seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.
Mit Bildern, Fotos, Videoarbeiten und Performances bilden die Kuratoren dieses Amerikabild subjektiv nach. Diese Ausstellung strebt weder nach Vollständigkeit noch nach stilistischer Einheit, vielmehr wird hier der Versuch unternommen, eine zeitgemäße Sprachregelung für den Bedeutungskomplex USA zu finden. Den Karneval als die Wurzel dieser Suche zu bestimmen und ihn zum Ausgangspunkt einer künstlerischen Auseinandersetzung zu machen, ist dabei eine ebenso überraschende wie kluge Wahl. Es ist wohl auch kein Zufall, dass dieses Projekt von der Jazzwerkstatt Berlin initiiert wurde, einer auf den ersten Blick eher kunstfremden Institution. Jazz aber, als die erste originäre Kunstform der USA, ist genau diesen Weg schon gegangen: aus den Nachtclubs und Bordellen von New Orleans in die Konzerthäuser des bildungsbürgerlichen (und weißen) Publikums. Vom vulgären Karneval zur kultivierten Kontemplation. So darf „Discover US!“ auch als eine abstrakte Hommage der zeitgenössischen Kunst an die Jazzgeschichte verstanden werden. Dass die Ausstellung von einem gut besetzten Jazzprogramm sowie einer Reihe von Conceptual-Writing-Lesungen begleitet wird, versteht sich dabei fast von selbst. Die USA lassen sich schließlich nicht auf nur einer Sinnesebene darstellen – außer vielleicht von Homer Simpson.

Text. Jacek Slaski


Discover US! Carnival Within.An Exhibition Made in America


Uferhallen
Berlin-Gesundbrunnen, Wedding, Di-So 12-18 Uhr, 28.3.-3.5.2009, Vernissage: Fr 27.3., 19 Uhr.

Konzertreihe im Babylon Mitte, nächste Veranstaltung am Do 9.4., 20 Uhr (Jonathan Robinson Trio u.a.).
Mehr Informationen unter www.discover-us.org


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