Kunst-Weltausstellung

documenta 14

Dass die documenta 14 in Athen eröffnet wurde, hat für Aufregung gesorgt. Nun ist sie in Kassel ange­kommen, die politischen Themen hat sie mitgebracht

Foto: Roman März / Marta Minujín

Anfang April machte sich der schottische Künstler Ross Birrell zusammen mit drei Begleitern zu Pferd von Athen auf den Weg nach Kassel. Mit dem Marathon-Ritt von etwa 2.600 Kilometern folgt er einer der bevorzugten Fluchtrouten von Griechenland nach Deutschland. Flucht, Vertreibung und Migration, das sind wichtige Themen der diesjährigen, politisch aufgeladenen documenta. Eine Vielzahl der rund 160 teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler, in diesem Jahr bemerkenswert viele in Afrika geborene, beschäftigt sich außerdem mit Themen wie Rassismus und Kolonialisierung, Ausbeutung und Unterdrückung.
Vom Zwehrenturm des Fridericianums, seit jeher Zentrum der documenta, raucht es. Die Arbeit des Berliner Künstlers Daniel Knorr hatte bereits im April für Aufsehen gesorgt. Vor der Orangerie, wo bei Sonnenschein die Gäste gemütlich bei Kaffee und Kuchen sitzen, steht die riesige „Blutmühle“ Antonio Vega Macotelas, eine nachgebaute bolivianische Maschine aus der spanischen Kolonial­zeit zum Laminieren von Silber- und Goldbarren, die durch Sklaven angetrieben wurde. Der ghanaische Künstler Ibrahim Mahama ließ die Torwache am Hessischen Verwaltungsgerichtshof mit zerschlissenen Jutesäcken verhängen. Die in Asien hergestellten braunen Säcke werden in Ghana zum Verpacken von nach Amerika und Europa exportiertem Kaffee, Kakao, Reis oder Bohnen und auch Holzkohle benutzt.

Am auffälligsten und von Anfang an der Hotspot der diesjährigen documenta ist das„Parthenon der Bücher“ der argentinischen Aktionskünstlerin Marta Minujín. Das Modell des Athener Parthenons vor dem Fridericianum steht auf einem Platz, an dem 1933 unter dem Nationalsozialismus verbotene Bücher verbrannt wurden. Seit Anfang Juni brummt es im nordhessischen Städtchen, Einwohnerzahl um die 200.000. Die erste von Arnold Bode vor 62 Jahren im ausgebombten Fridericianum eingerichtete und kuratierte documenta, damals noch als Begleitprogramm der Bundesgartenschau, hat sich von einem alle fünf Jahre hundert Tage dauernden Event zu einer der bedeutendsten Weltausstellungen zeitgenössischer Kunst entwickelt.
Wer alle Arbeiten der meist sowohl in Athen wie in Kassel vertretenen Künstlerinnen und Künstler sehen will, muss den Besuch von 22 Ausstellungsorten, drei Kinos und die Besichtigung von Außenarbeiten in zwei Parks und weiteren Standpunkten Kassels bewältigen. Auf Vorschlag des Chef-Kurators Adam Szymczyk, der mit einem Team von 17 Kuratoren und Assistenten arbeitet, sei die Stadt vom Norden ins Zentrum und weiter Richtung Süden zu begehen. Das ist unmöglich an einem Tag zu schaffen, deshalb erfordert die d14 viel Zeit. Und die Idee, sich einer der vier angebotenen jeweils zweistündigen Führungen anzuschließen, auch online zu buchen, ist zur Orientierung empfehlenswert.

Klangkunst ist ein wichtiger Faktor der d14, zum Programm gehören ebenfalls Radiosendungen und Soundarbeiten, die auch außerhalb Kassels empfangen werden können. Der in Berlin lebende nigerianische Künstler Emeka Ogboh untersucht die verschiedenen Klänge von Orten und untersucht diese im Zusammenhang mit den vielschichtigen sozialen Unterschieden. Für die d14 stellt er in Kassel sein Craft Beer „Suffer Head Original Stout“ vor. Dunkel, hoch­prozentig und würzig, nach den Geschmacksvorlieben afrikanischer Migranten entwickelt und gepfiffen aufs deutsche Reinheitsgebot. Es ist ein humorvoller Kommentar zu den Ängsten von Europäern, dass Schwarze die Gesellschaft „einfärben“ könnten. Ogboh findet es in Europa sowieso zu leise. Vielleicht sorgt ja sein Bier für etwas mehr Temperament.

documenta 14: Athen bis 17.7., Kassel bis 17.9. tgl. 10 – 20 Uhr, www.documenta14.de

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