Ausstellungen

Double Sexus bei Scharf-Gerstenberg

Bellmer_DiePuppeSie sind sich nie begegnet: Louise Bourgeois, die Matadorin mit dem Spachtel, und der Puppen-Erotiker Hans Bellmer. Er, 1902 in Kattowitz geboren und 1938 von Berlin nach Paris emigriert, begeisterte die Surrealisten. Sie, 1911 in Paris zur Welt gekommen, im Atelier von Fernand Lйger ausgebildet und 1938 nach New York gegangen, wurde erst nach seinem Tod berühmt. Dabei gibt es im Werk der beiden erstaunliche Parallelen, wie jetzt erstmals die stimmige Ausstellung „Double Sexus“ zeigt.

Beflügelt von der Macht des Eros sind beide Künstler – die geniale Bildhauerin, die mit ihren 98 Jahren noch immer tätig ist und auch immer besser wird, sowie der Zeichner und fotografierende Plastiker, den eine Aufführung von Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ 1934 inspirierte, sich eine Puppe als weibliches Ersatzwesen zu bauen. Die Fotos dieser seiner Olympia-Kreationen hängen heute im Museum. Man kennt die Verrenkungen seiner amputierten Ladies mit ihren ausgekugelten oder verqueren Gliedmaßen.
Die Modelle für diese Experimente am weiblichen Objekt existieren nicht mehr, nur die Fotografien des 1975 verstorbenen Surrealisten. Dafür wartet die Ausstellung mit drei anderen Bellmer-Plastiken auf. „La demi-poupйe“ von 1971, eine Leihgabe der Sammlung Hoffmann, wirkt wie die einbeinige und einbrüstige Vorgängerin von Sarah Lucas’ „Bunny“ (1997). „Die Halbpuppe“ mit dem roten Vagina-Schlitz im Schädel sitzt schlapp auf einem Stuhl und mutet an wie ein Sparschwein, das auf seine bessere Hälfte wartet. Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie, der die Idee zu der Ausstellung hatte, berichtet, dass Bellmer sich für sein Universum verstörender Erotik immer rechtfertigen musste. Schließlich gab es früher noch keine vergleichbare Offenheit in Sachen Sex wie heute.

Trotz Wandel der Zeiten warnt der Chef: „Wir müssen Sie darauf aufmerksam machen, dass es Werke in der Ausstellung gibt, die ihren ethischen Vorstellungen widersprechen können.“
 Die sind klitzeklein und kommen gut getarnt in einem Kabinett zur (pornographischen) Geltung. Dies auch nur für diejenigen, die einen schwarzen Deckel lüften mögen. Bei Louise Bourgeois fällt hingegen auf, dass sie Bellmers ernsthafte Betätigung mit Humor zu toppen versteht. Verschmitzt und rätselhaft wie eine Sphinx lächelt sie von einem Foto, das Robert Mapplethorpe 1982 von der 71-Jährigen machte. Es zeigt die Künstlerin im Affenfellmantel mit einem riesigen Phallus unterm Arm – Frauenpower im Männerlook.

Natürlich ist der Schniepel ein (ironisches) Kunstwerk, genannt „Fillette“ (von 1968/69). Es hängt gleich neben dem Foto der Phallus-Göttin, das „kleine Mädchen“ in Form eines Penis’, der erst bei näherer Betrachtung eine Vagina offenbart. Für Louise Bourgeois verkörpert es sie und ihre vier Männer – drei Söhne und ihren Ehemann, Robert Goldwater, mit dem sie einst nach New York ging. Wie Bellmer litt sie unter der gestörten Vaterbeziehung ihrer Kindheit, was beider schöpferische Kraft beflügelte.

Puppe_vonHansBellmerGemeinsam ist ihnen vor allem das Spiel mit dem Doppelgeschlechtlichen. Vielleicht, weil sie mit ihrer Kunst unbewusst die Macht des Vaters brechen wollten. Die Skulptur „Nature Study“ (1984/2001) – laut Kuratorin Silke Krohn ein Selbstporträt von Louise Bourgeois – zeugt mit vorwitzigem Furor vom androgynen Charakter der Männer und Frauen. In Erscheinung tritt ein monströses, rosafarbenes Fruchtbarkeitssymbol aus Gummi – als Torso ohne Kopf, dafür vielbrüstig.
Diese bollerbusige Göttin mit den Krallen einer Sphinx spielt an auf Diana von Ephesus, der Stierhoden umgehängt wurden. Die Hoden sehen ja ein bisschen aus wie Brüste, nur warzenlos. Bellmer wiederum hat Diana von Ephesus 1934 gezeichnet. Die Papierarbeit in der Nähe der Bourgeois-Plastik fordert zum Vergleich auf. Innerhalb der fünf Abteilungen, in welche die Schau gegliedert ist, sticht immer wieder die ähnliche Thematik ins Auge, bei unterschiedlicher Perspektive. Die weibliche Sicht auf Eros und Fruchtbarkeit erscheint verspielter, witziger, die männliche konventioneller, aggressiver. Während Bellmer seine fotografierte Puppe ans Kreuz nagelt, eine Art Zerstörung des (Un-)Heiligen, gerät die Puppe bei Bourgeois zu einer weiblichen Weltkugel in „Endless Pursuit.“
Der 2008 eröffneten Sammlung Scharf-Gerstenberg wird die Ausstellung guttun. In der Beliebtheit der 17 Staatlichen Museen rangiert das Haus in Charlottenburg mit seinen Schätzen des Surrealismus auf dem vorletzten Platz – jedenfalls, was die nackten Zahlen angeht. 47.000 Besucher fanden im vergangenen Jahr dorthin, während es zu Berggruen vis а vis 78.000 schafften. Da kommt diese erste Sonderschau wie gerufen. 

Text: Andrea Hilgenstock
Fotos: VG Bild-Kunst Bonn 2010, bpk/Nationalgerlie, SMB, Sammlung Scharf-Gerstenberg/Hans Bellmer/VG Bild-Kunst Bonn 2010

Double Sexus
Sammlung Scharf-Gerstenberg, Schloßstraße 70,
Charlottenburg, Di-So 10-18 Uhr,
bis 15.8.2010

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