Ausstellungen

Drei Ausstellungen von Zeichnungen

Paper Works

In den letzten zwanzig Jahren hat Zeichnung nicht nur eine neue Konjunktur erfahren; sie hat sich geradezu neu erfunden: Neben die Linie tritt das Material Papier selbst, das zerrissen, geschnitten, gefaltet oder skulptural wird. Zeichnung wird in verschiedensten Mischformen mit performativen Ansätzen verbunden, wie bei der Preisträgerin des Faber-Castell Zeichnungspreises, Anastasia Ax. Zeichnung verlässt sogar immer wieder ihr Material, das Papier, und wird per Hand oder mit eigens entwickelten Maschinen in den Raum übersetzt. All diese Ansätze zeigen, wie  Künstlerinnen und Künstler dieses Medium nicht nur zu ihrem Hauptanliegen machen, sondern wie die Grenzen und Möglichkeiten der Linie immer weiter ausgeforscht und erweitert werden.
Nimmt man institutionelle Ausstellungen wie „Drawing now“ im Wiener Albertina oder „Walk the line“ im Kunstmuseum Wolfsburg (die genau diese Ausweitung des Mediums untersuchen) und international am Kunstmarkt erfolgreich Zeichnende wie Jorinde Voigt mit in die Gleichung auf, dann kann man sagen: Zeichnung ist das neue Ding und absolut en vogue.
Paper WorksPassend zu dieser Konjunktur des Interesses und der Aufmerksamkeit für zeitgenössische Zeichnung kann man sich in Berlin gleich an drei Orten in drei Gruppenausstellungen von der Vielfalt des Genres überzeugen: Die Galerien Wichtendahl und Inga Kondeyne (letztere fokussiert ihr Programm schon seit gut zehn Jahren ganz auf das Medium Zeichnung) zeigen in ihren seit September gemeinsam genutzten Räumen mit „Paperworks – Works On Paper“ abstrakte zeichnerische Positionen von sechs Kunstschaffenden. In den fein gearbeiteten, ruhigen und zurückgenommenen Arbeiten von Kazuki Nakahara (der mit spitzem Stift und erstaunlicher Geduld ein feines Gespinst auf das Blatt wirft) und den direkt meditativen Tableaus von Johannes Regin (der feinste Punkte quasi symmetrisch auf dem weißen Blatt anordnet) zeigt sich Entschleunigung und eine zeitliche Komponente, die beruhigend wirkt. Gerade dieser krasse Gegensatz zu unserer heutigen, von digitaler Kultur und dem ständigen Bilder-Ansturm geprägten Gegenwart ist reizvoll: Da nimmt sich jemand Zeit und arbeitet Strich für Strich, Punkt für Punkt mit der Hand – ohne eine figürliche Abbildung zu schaffen. Hinzu treten Positionen von Reinhard Wöllmer, der sich sein Papier selbst herstellt und dieses walzt, um geometrische, mit Farbe spielende skulpturale Wandobjekte zu schaffen, und Tilman Zahn, der sein bearbeitetes Papier zu feinen Strukturen zerreißt und so einen anderen Weg findet, Skulptur und Zeichnung zusammenzubringen.
Die Galerie Kornfeld geht mit „Paper Plains“ einen anderen kuratorischen Weg: Elf Künstlerinnen und Künstler der Galerie wurden gebeten, eine Arbeit auf Papier eigens für diese Ausstellung anzufertigen. Das sind übrigens nicht nur Leute, die sich in erster Linie als Zeichnerinnen und Zeichner verstehen, sondern sie kommen auch aus der Malerei, der Fotografie und der Bildhauerei kommen.
Papaer WorksHinzu treten Arbeiten von elf in New York lebenden Kunstschaffenden im nachgerade klassischen DIN A4-Format. Insgesamt werden 42 Arbeiten gezeigt, die eine breite Herangehensweise an das Medium Zeichnung abbilden, von erzählerisch-figurativen Arbeiten über skulpturale Ansätze bis hin zur Arbeit mit Schwarz auf dem Weiß des Papiers.
Die Vielfalt beeindruckt. Und besser als bei Malerei oder anderen Medien gelingt es dem Betrachter bei der Zeichnung immer wieder, die zugrunde liegenden Ideen nachzuvollziehen – fast so, als würde man dem Entstehen zusehen, an der Prozesshaftigkeit des künstlerischen Arbeitens teilhaben können. ?Persönliche Lieblingsposition sind die an japanische Holzschnitte und Zeichnung angelehnten Arbeiten der Bildhauerin Susanne Roewer, die auf einem Clipboard präsentiert werden und mit einem kleinen skulpturalen Papierelement daherkommen.
Als wäre das noch nicht genug, eröffnete gerade auch noch der vom früheren Galeristen Jan-Philipp Fruehsorge initiierte „Drawing Hub“ mit seiner ersten Ausstellung „Silver Linings“. Zwölf junge zeichnerische Positionen kommen hier zusammen, die sich in ihrem erzählerischen Ansatz sogar treffen. Der „Drawing Hub“ als neuer Kunstort will sich als auf Zeichnung spezialisierter Non-Profit-Space etablieren. In Zukunft sind Kooperationen mit anderen europäischen Räumen für Zeichnung aus Norwegen, Holland und England angedacht. Für Berlin (das mit dem Kupferstichkabinett eine vorzügliche Institution für klassische Zeichnung besitzt) kann ein dediziert auf zeitgenössische Zeichnung ausgerichteter Ausstellungsraum ohne die Zügel kommerzieller Hintergründe eine wirkliche Bereicherung sein.

Text: Philipp Koch

Foto oben: Kazuki Nakahara / Courtesy Galerie Inga Kondeyne

Foto mittig: Eva Walker / Courtesy Wichtendahl Galerie

Foto unten: Johannes Regin / Courtesy Galerie Inga Kondeyne

Wichtendahl & Inga Kondeyne, Carmerstr. 10, Charlottenburg, Di–Fr 13–18 Uhr, ?Sa 12–17 Uhr, bis 6.2.2016

?Galerie Kornfeld, Fasanenstr. 26, Wilmersdorf, Di–Sa 11–18 Uhr, ?bis 23.1.2016

The Drawing Hub, Brunnenstr. 43, Mitte, Di–So 12–19 Uhr

Mehr über Cookies erfahren