Ausstellungen

„Echte Gefühle: Denken im Film“ in den Kunst-Werken

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Endzeitbilder, die trotz Blaufilter nicht kaltlassen: der Film „Ditch Plains“ der jungen Farocki-Schülerin Loretta Fahrenholz

Ein junger Afroamerikaner mit einer Kappe der Pittsburgh Penguins auf dem Kopf krabbelt einen Hotelgang entlang. Der teure Teppich unter ihm lässt üppige Ornamente erkennen, am Ende des Ganges leuchtet ein rotes Licht. Verweist es auf einen Notfall? Gibt es Gründe zur Flucht? Sind wir hier in einem Katastrophenfilm? Es sieht vieles danach aus. Doch „Ditch Plains“ von Loretta Fahrenholz ist eine künstlerische Arbeit, gedacht für den distanzierteren Blick, den wir gemeinhin dem Kunstfeld zuschreiben. Das Kino hingegen ist der Ort der Emotion, der Identifikation, der Überwältigung.

In der Ausstellung „Echte Gefühle: Denken im Film“ werden diese geläufigen Zuschreibungen hinterfragt. Und „Ditch Plains“ (2013) bildet dabei so etwas wie den krönenden Abschluss, eine halbstündige Reflexion auf Endzeitbilder, die uns nicht kaltlassen können. Sie werden uns aber, auch durch die akrobatischen Darbietungen der beteiligten Tanzgruppe Ringmasters Crew, so verfremdet präsentiert, dass sie uns unweigerlich nachdenklich machen. Es bleibt eine Unsicherheit darüber, was wir hier eigentlich genau sehen.

Damit trifft die Arbeit genau in den offenen Bereich, auf den die Ausstellung schon mit ihrem scheinbar widersprüchlichen Titel zielt: „Echte Gefühle: Denken im Film“ verweist ja auf zwei Bereiche, die in der Tradition lange Zeit ausdrücklich voneinander unterschieden wurden. Die Gefühle kommen aus dem Herzen, wir können sie nicht kontrollieren; die Gedanken hingegen kommen aus dem Kopf, sie sollen Ordnung in das Chaos der Gefühle bringen.

Inzwischen sind wir da deutlich weiter, wie auch in dem zentralen „Archiv der Gefühle“ erkennbar wird, das im Hauptraum der Kunst-Werke aufgebaut wurde: Hier kann man am Beispiel vieler bekannter und weniger bekannter Ausschnitte sehen, wie Filme bisher Gefühle inszeniert haben. Angst, Mitgefühl, Scham, Vertrauen – für alles gibt es Codes, die auch solche des Films sind. Es lässt sich hier erkennen, dass die audiovisuellen Erzählformen selbst schon Reflexionen auf Gefühlsmuster sind. Und dass wir immer zugleich emotional wie intellektuell beschäftigt sind, wenn wir uns etwas ansehen – und meist auch noch Ton dazu verarbeiten.

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Der Däne Jesper Just lässt in „No Man is an Island“ einen Mann zu einer Melodie tanzen, die an klassische Hollywood-Musicals erinnert. Der Mann ist kein Fred Astaire, er trägt Glatze statt Melone, und ein graues T-Shirt statt eines Smokings. Und doch bekommen seine Bewegungen allmählich eine Eleganz und Leichtigkeit, die man auf einem normalen Stadtplatz irgendwo in Dänemark einfach nicht erwarten würde. Spontan schließen sich Passanten dem Tanz an, während ein blonder junger Mann auf einer Bank aus irgendeinem Grund vor sich hin weint. Auch „No Man is an Island“ beansprucht das Publikum doppelt und mehrfach. Die Arbeit lädt zur Identifikation ein, denn freie Bewegung im öffentlichen Raum ist nun einmal etwas Erstrebenswertes; sie setzt aber auch unsere Bedenken frei, wir beginnen über Inszenierung nachzudenken, hinterfragen die scheinbare Spontaneität.

Das markanteste Pendant zu Justs vier Minuten langem Video in der Ausstellung „Echte Gefühle“ ist wohl Chantal Akermans Spielfilm „Jeanne Dielman“, in dem eine Hausfrau sich zu prostituieren beginnt. Die Entfremdung der Protagonistin wird hier auch durch die Erzählform spürbar: lange, statische Einstellungen, die allmählich die Spannung erhöhen, bis zu einem finalen Gewaltakt. Für die meisten Arbeiten wurden in den Kunst-Werken eigene Räume gebaut, sodass man tatsächlich von Kinosituationen sprechen kann; bezeichnenderweise ist der Raum für „Jeanne Dielman“, für den man dies am ehesten erwartet hätte, offen geblieben. Man kann das als eine Geste in beide Richtungen sehen. Räume der Exklusivität werden geöffnet. Die für den Kunstbetrieb so typische Flaniermeile an Bildschirmen vorbei hingegen wurde für „Echte Gefühle“ geschlossen.

Die Ausstellungsarchitektur zählt zu den wesentlichen Vorzügen dieser Schau, die mit ihrem Titel auch auf eine wichtige kunsthistorische Thematik anspielt: Von „echten Bildern“ spricht man mit Hans Belting dort, wo uns Bilder aus der intellektuellen Abstraktion des Begriffs herausholen, wo Distanznahme schwierig wird, wo wir zu glauben beginnen. Nicht an einen Gott, sondern an Wirklichkeiten, die uns ganz und gar beanspruchen. Wie eben die Kunst. Oder das Kino.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Courtesy Galerie Buchholz, Berlin / Köln

Echte Gefühle: Denken im Film ?KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, ?Mitte, Mi–Mo 12–19 Uhr, Do 12–21 Uhr, bis 27.4.

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