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Ein Essay zu „Radikal Modern“ in der Berlinischen Galerie

Radikal Modern

Neben dem elementar wichtigen Wohnungsbau, der im Westen im Märkischen Viertel oder in der Gropiusstadt als Ersatz für marode Altbauten in Megadimensionen verwirklicht wurde, standen weitere große Bauaufgaben in ganz Berlin an: Theaterbauten wie Deutsche Oper und die Erweiterung der Komischen Oper, Museen wie die Neue Nationalgalerie, das Bauhausarchiv und das Völkerkundemuseum in Dahlem sowie unzählige Schulen, Mittelstufenzentren und Universitäten. Dazu kamen im Osten Freizeiteinrichtungen, zum Beispiel Großgaststätten wie das inzwischen abgerissene „Ahornblatt“ an der Leipziger Straße oder Schwimmbäder wie Fischerinsel und Freibad Pankow, im Westen Gemeindezentren und Kirchen wie der Kreuzberger St.-Agnes-Komplex des Architekten Werner Düttmann.
In keiner anderen Epoche wurden in so kurzer Zeit so viele öffentliche Bauten errichtet wie in den 60er-Jahren. In Berlin entstanden als herausragende Beispiele Kulturbauten wie die Akademie der Künste im Tiergarten, das Haus der Berliner Festspiele, die Philharmonie, die Kinos Zoopalast, Kosmos und International. Technisch geprägte Ikonen wie der Fernsehturm am Alexanderplatz, der Steglitzer Bierpinsel, aber auch der sechseckige Flughafen Tegel wurden zeitgleich mit bedeutenden Bildungsbauten wie „Rost- und Silberlaube“ der Freien Universität oder der Architekturfakultät der Technischen Universität errichtet.
Radikal ModernJahrelang galt der großflächige Abriss von Gründerzeit-Altbauten zugunsten von Neubauten als alternativlose Maßnahme, um die Städte endgültig von dunkler, menschenunwürdiger Bausubstanz zu befreien. Diese „zweite“ Zerstörung nach der des 2. Weltkrieges wird von vielen Fachleuten heute als bedauerlicher Irrtum beklagt und brachte die ganze Epoche in Verruf. Bücher wie „Die gemordete Stadt“ von Wolf Jobst Siedler (1964) und „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ von Alexander Mitscherlich (1965) leiteten schließlich ein Umdenken ein. Neue Planer-Generationen unter dem Einfluss der 68er-Studentenrevolution sollten später in den 80er-Jahren die „behutsame Stadtsanierung“ zum Credo erheben und Berlin-Kreuzberg vor der „Kahlschlagsanierung“ bewahren. In etwa zeitgleich erlebt die Postmoderne, die mit Zierrat, bauhistorischen Zitaten und viel Farbe die verloren gegangene Identifikation der Bewohner mit ihrer Stadt ermöglichen sollte, als Gegenreaktion eine kurze Blütezeit.
Die architektonischen Perlen der Nachkriegsmoderne geraten erst jetzt in das Visier des Denkmalschutzes, denn es benötigt in der Regel 30 bis 50 Jahre, bis wir uns mit den schützenswerten Bauten und Stadträumen der Eltern- und Großeltern-Generation befassen. Gerade weil sich eine breite Akzeptanz dieser wichtigen Baukulturepoche noch nicht so recht durchsetzen konnte, sind Bücher, Ausstellungen und Führungen, wie sie jetzt zur Ausstellung „Radikal Modern“ angeboten werden, von großer Wichtigkeit – denn allzu schnell droht die Abrissbirne, wie wir gerade beim ICC beobachten können.

Text: Thomas M. Krüger

Foto oben: Deutsche Oper Berlin

Foto unten: Michael Lindner / WBM

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Über den Autor
Thomas M. Krüger ist Architekt, Autor und Baukulturvermittler, er gründete das internationale Netzwerk stadtführender Architekten „guiding-architects.net“. In Kooperation mit der Berlinischen Galerie bietet sein Büro Ticket B Führungen zur Ausstellung „Radikal Modern“ an: am 13.6. und 11.7. zum Thema „Ostmoderne am Alex“, am 27.6. zu „Westmoderne am Zoo“, Anmeldung unter [email protected], 12 Euro, weitere Informationen unter ticket-b.de

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