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Ein Essay zu „Radikal Modern“ in der Berlinischen Galerie

Radikal Modern

Die 60er- und 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts haben architektonisch und städtebaulich einen schlechten Ruf. Waren die 50er-Jahre noch von der Idee eines sympathisch zurückhaltenden Wiederaufbaus geprägt mit schwungvollen, leicht und verspielt wirkenden Nierentischformen und bunt-abstrakten Farbkompositionen, nahm die Wirtschaft in den 60ern richtig Fahrt auf und manifestierte sich zunehmend auch in voluminöseren Bauten mit neutraler Sachlichkeit und funktionalen Grundrissen.
Die Gebäude der Nachkriegsmoderne zeichnen sich dabei meist durch eine „ehrliche“, unverkleidete Materialität aus: Ziegel, Metall, Holz und vor allem Beton und Glas sind die vorherrschenden Baustoffe. In keiner anderen Stadt manifestierte sich der in Beton gegossene Fortschritt so deutlich wie in Berlin, der „Hauptstadt der Moderne“. Die Neubauten der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und das Europa-Center, als eine der ersten Shoppingmalls in Deutschland, sowie das Haus des Lehrers mit der angeschlossenen Kongresshalle (BCC) am Alexanderplatz und natürlich die Werbe-Ikone schlechthin: der Berliner Fernsehturm – sie alle standen für den Aufbruch in eine neue Zeit. Und speziell in Berlin wurde das Baugeschehen auch als Wettkampf der Systeme verstanden.
Thomas KrügerEin rein wachstumsorientierter „Bauwirtschaftsfunktionalismus“ erzeugte gestapelte Wohnburgen und einfallslose Büro-Kisten. Die autogerechte Stadt, Ergebnis fast kultischer Verehrung des neuen Prestigeobjektes Auto, produzierte monofunktionale Schlaf- und Bürostädte – und brachte als Parallelentwicklung die Fußgängerzone hervor. Die der Stadtautobahn, die zum Glück auf dieser Strecke nie gebaut wurde, geschuldeten Hochhausbauten am Mehringplatz und am Kottbusser Tor geben Zeugnis ab vom gnadenlosen Stadtumbau zugunsten des Pkw-Verkehrs, ebenso wie es die Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße auf nicht zu übersehende Art und Weise tut. Die Stilbezeichnung „Brutalismus“, abgeleitet vom französischen „bйton brut“, also Sichtbeton, geriet zur missverständlichen Charakterisierung einer ganzen Epoche.
Dabei wird oft übersehen, dass diese Zeit auch architektonische Perlen hervorgebracht hat, die eine nähere Betrachtung verdienen. Die Vermeidung jeglichen Pathos und eine unprätentiöse, noble Zeitlosigkeit zeichnen die besten Beispiele der Epoche aus. Man muss sich allerdins einlassen auf eine Architektur, die eher schroff, nüchtern und funktional daherkommt. Sie war von Visionen geprägt, die den neuen Menschen in den Mittelpunkt stellt, der einen bedingungslosen Aufbruch in eine verheißungsvolle Zukunft wagt. Nicht zufällig verlief parallel der Aufbruch ins All mit Kosmo- und Astronauten, Sputniks und Mondlandung.
Dieser Neubetrachtung widmet sich zurzeit die Ausstellung „Radikal Modern – Planen und Bauen im Berlin der 1960er-Jahre“ in der Berlinischen Galerie mit teilweise erstmals veröffentlichten Zeichnungen und Modellen. Gerade Berlin liefert besonders anschauliches Material: In der geteilten Stadt tobte der sogenannte „Krieg der Bauten“. Während die moskautreuen Planer mit der klassischen „Korridorstraße“ der Stalinallee demonstrieren wollten, dass nun die Arbeiterklasse in Palästen wohnt, folgte als direkte Antwort der Bau des Hansaviertels im Rahmen der Interbau 1957. Der Westen zeigte hier mit einer in den Tiergarten eingebetteten Stadt-Landschaft und differenzierten Wohnbauten weltbekannter Architekten wie Alvar Aalto, Oskar Niemeyer, Walter Gropius und Le Corbusier, wie eine internationale, weltoffene „Stadt von morgen“ aussehen könnte.
Nach Stalins Tod 1953 verschrieb sich Ost-Berlin aber bald wieder der sachlichen Moderne und rationalisierte die Wohnungsproduktion. Im Gegensatz zu den Zuckerbäckerpalästen der Stalinallee war die „Platte“ die kostengünstige und vor allem im ambitionierten Zeitplan realisierbare Meterware.

Foto oben: TU-Pressestelle / Böck

Foto unten: Thomas Krüger

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