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Ein Interview mit Frank Horvat

Frank Horvat

tip Herr Horvat, Sie sind Jahrgang 1928, also sicher kein Digital Native. Aber Sie haben eine exzellente Webseite, Horvatland.
Frank Horvat Schauen Sie, das ­Wichtigste für mich ist doch, mit offenen Augen und Ohren zu leben. Meine Website war eine der ersten Websites eines Fotografen überhaupt und wurde verschiedene Male neu gemacht.

tip Sind Sie ein Mensch, der nach vorn schaut?
Frank Horvat Nach hinten in die Vergangenheit blicke ich auch sehr gerne und sehr oft, aber nicht nostalgisch. Was mich eigentlich viel mehr als Fotografie interessiert, ist Geschichte. Es ist nicht so, dass ich viel lese. Aber ich habe ein eigenes Referenzsystem, das so gebaut ist, dass ich sehr leicht etwas daran hängen kann.

tip Welches sind die wichtigsten Ereignisse in Ihrem Referenzsystem?
Frank Horvat Ich sprach gestern bei der Ausstellungseröffnung mit einem Herrn, der mir gegenübersaß und der Ex-Bürgermeister Berlins ist. Ein sehr netter Herr.

tip Klaus Wowereit?
Frank Horvat Ja. Er ist ein Freund von June. Und ich sagte ihm: Was ihr in Berlin erreicht habt, ist etwas ganz Großartiges. Berlin war einmal die Stadt, die den schlechtesten Ruf von allen Städten der Welt hatte. Und ihr habt sie zu etwas gemacht, das einen wirklich guten Ruf hat. Das war so eine Bemerkung, die damit zu tun hat, dass ich immer die Zusammenhänge suche.

Djerbatip Sie sind aus einer jüdischen Familien. Wir führen dieses Interview auf Deutsch, weil das Ihre Muttersprache ist. Der Nationalsozialismus, der von Berlin ausging, hat Ihre Familie gezwungen zu emigrieren. Mit welchen Gefühlen kommen Sie nach Berlin?
Frank Horvat Ich will es mal ganz grob ausdrücken. Ich habe in meinem Leben nie ein Maschinengewehr in der Hand gehabt. Aber ich habe doch jahrelang davon geträumt, irgendwo in Deutschland zu sein und mit einem Maschinengewehr einfach auf Leute in der Straße zu schießen. Die natürlich nichts damit zu tun hatten, aber einfach, um mich zu rächen. Das war ein ganz blöder, idiotischer, gemeiner Traum. Und wenn ich jetzt in Berlin bin und diese Stolpersteine sehe, auf denen steht: „Hier wohnte Herr … „, dann hilft es mir, das zu überwinden. Es hilft mir wirklich, das zu überwinden. Diese Rache­fantasien haben Jahrzehnte gedauert, und ich bin sicher nicht der einzige, der sie hat. Das ist ganz menschlich. Aber das Interessante ist, dass man sie doch überwinden kann und dass die Berliner viel dazu getan haben.

tip La condition humaine, was vielleicht daran anschließt, ist ein Thema in Ihrer Ausstellung „The House of 15 Keys“. Es sind 15 thematische Zugänge zu Ihrem Werk.
Frank Horvat Es sind 15 Richtungen, an die ich denke oder die ich empfinde, mehr oder minder unbewusst, wenn ich fotografiere, und von denen ich später einige in meinen Fotos wiederfinde. Ich denke nachher, irgendwo in dieser Gegend lag es, was mich bewogen hat, auf den Knopf zu drücken.

tip Wie wählen Sie Fotografien aus Ihrem ­Archiv aus?
Frank Horvat Die Entscheidung zwischen Ja und Nein ist eigentlich die Haupttätigkeit des Fotografen. Ich gehe mit meinen Augen und mit meiner Kamera durch die Welt und sehe Milliarden Dinge. Davon knipse ich nur einige Tausend. Und die Wahl der Fotos für mein Buch, aus dem dann die Ausstellung entstanden ist, ist wieder eine Frage von Ja und Nein. Wie ein Computer. Und wie im Leben überhaupt.

tip Die Ausstellung startet mit dem Thema Licht.
Frank Horvat Es ist deshalb interessant, weil man denken würde, Licht ist selbstverständlich. Ist es aber nicht. Licht ist in der Malerei erst im 16. Jahrhundert erschienen. Für mich ist die erste Erscheinung des Lichts ein Bild von Rembrandt, ein Selbstporträt, auf dem sein Gesicht zum großen Teil im Schatten ist, und das Licht macht das Bild.

Givenchy Hattip Sie arbeiten nur mit Tageslicht?
Frank Horvat Ich arbeite auch mit Neonlicht. Was ich nicht mache, ist mit Blitz zu arbeiten. Weil ich dann das Licht nicht sehe, während ich fotografiere.

tip Ein anderes Thema heißt „Eye to Eye“.
Frank Horvat Viele Leute meinen, es sei bei einem Porträt wichtig, dass die Person in die Kamera schaut, denn dadurch öffne sich das Fenster zur Seele. Ich bin damit nicht einverstanden. Es ist eigentlich furchtbar leicht, mit einem netten oder bösen oder verliebten Blick in die ­Kamera zu schauen, das kann jeder. Ich finde es also viel informierender, jemanden zu sehen in einem Moment, wo derjenige nicht entscheidet, wie er erscheint.

tip Sie waren ein berühmter Modefotograf, Ihre Aufnahmen haben alle einen besonderen Twist. Irgendetwas wirkt immer leicht irritierend.
Frank Horvat Ich bin ein Mensch, der sehr leicht gelangweilt ist. Wenn ich mich langweile, dann bringe ich etwas anderes hinein.

tip Sie haben in Ihrer Karriere den Untergang der großen Reportage-Magazine wie „Life“ miterlebt.
Frank Horvat Ich kam spät zu „Life“ und habe einmal oder zweimal Reportagen für „Life“ gemacht. Dass man die Welt durch die Magazine entdeckt, das war schon zu meiner Zeit nicht mehr ganz wahr. Man wollte noch daran glauben, und zehn Jahre später hat schon niemand mehr daran geglaubt. Auch heute tun noch viele Fotografen so, als ob sie daran glauben würden und halten Kongresse über Reportagen in Zeitschriften. Aber es ist lang vorbei.

tip Kannten Sie Helmut Newton persönlich?
Frank Horvat Oh ja, wir befreundeten uns, als er nach Paris kam, und blieben Freunde, wie das halt im Leben so ist. Man sieht sich einmal im Jahr.

Shoe and Eiffeltip Jetzt hängen Ihre Fotografien gemeinsam mit denen von Helmut Newton in einer Ausstellung. Was verbindet Ihre Bilder mit denen von Newton?
Frank Horvat Wir haben beide die Überzeugung, dass ein Foto etwas ist, das nur einmal geschieht. Das nicht zweimal geschehen kann. Und dass ein Foto etwas ist, das der Fotograf im Moment erfindet. Und das hat er, trotz einiger Schwierigkeiten, in der Modefotografie auch am Ende getan.

tip Ich finde Newtons Konzept-Serie grandios, die zwei Fotos kombiniert: Das eine zeigt einen Star wie David Bowie oder Charlotte Rampling auf dem Bett, das andere das Innenleben ihrer Nachttischschublade.
Frank Horvat Großartig. Ganz großartig. Und das hat er sich nicht in der Nacht vorher ausgedacht. Als er das gesehen hat, hat er es gesehen. Es kam im Moment. Und er hätte es nicht wieder machen können. Für Helmut habe ich eine wirkliche Bewunderung.

Interview: Stefanie Dörre

Fotos: Frank Horvat

Museum für Fotografie, Jebensstr. 2, Charlottenburg, Di, Mi, Fr 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, die Ausstellung „Newton. Horvat. Brodziak“ läuft bis So 15.11.

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