Ausstellungen

Ein streitbarer Schlussakkord

Ellen Blumenstein

So nah kommen Erdenbewohner der Sonne selten: Bequem an die Brüstung der Galerie gelehnt, sehen sie sich in der Halle der Kunst-Werke einem riesigen Feuerball gegenüber, der orangefarben und rot lodert. Die Illusion ist perfekt: Die NASA-Aufnahmen von unserer Sonne, die Katharina Sieverding animiert hat, glühen so stark, dass der Film zu wärmen scheint. Der Beitrag der bekannten Fotokünstlerin macht den Auftakt zur Gruppenausstellung „Secret Surface – Wo Sinn entsteht“, ein furioses Entree für die letzte Schau von Ellen Blumenstein, deren dreijährige Amtszeit als Chefkuratorin der Kunst-Werke (KW) im Juni endet.  
Es ist ein würdiger Abschied der 39-Jährigen, thesenstark und offensiv, so, wie sich Blumenstein vor ihrer Zeit an den KW für eine basisnahe Kulturpolitik engagierte, gemeinsam mit ihren Mitstreitern vom Künstlernetzwerk „Haben und Brauchen“. Typisch für ihre Tätigkeit an den KW wirkt er allerdings nicht. Zwar hat sich Blumenstein auch hier starke Gesten erlaubt. Sie hat die Verschalungen der Säle entfernen lassen, damit wieder Tageslicht und Stadtbild in die alte Fabrik dringen. Der Bedeutung des Films für die Kunst hat sie eine große Ausstellung gewidmet und eine dem New Yorker Künstler Ryan ?Trecartin, dessen Material-, Bild- und Soundschlachten fremd wirkten im eher frugalen Berlin. Doch vor allem hat sie für Diversität gesorgt: mit Dutzenden von Kleinausstellungen, Gesprächen, Filmen und Performances.
In nur drei Jahren präsentierten sich an den KW so unterschiedliche Künstler, Musiker, Publizisten, Wissenschaftler und Kuratoren wie Kate Cooper, Elisabeth Bronfen, Christian Jankowski, Robert Henke, Ulf Aminde, Angela Melitopoulos, Christian Falsnaes, Kader Attia, Hito Steyerl, Nedko Solakov, Anka und Wilhelm Sasnal, Mournira Al Solh, Lukas Töpfer, das Team der Architekturzeitschrift „Arch+“, um nur einige zu nennen, und nicht zuletzt ­regelmäßig Berliner Projekträume. Nicht eine charismatische Einzelkämpferin hat die KW geprägt, sondern eine plurale Künstlerschaft.
Das war mutig, schenken Publikum und Medien ihre Aufmerksamkeit doch vor allem Starkünstlern und großen Themenausstellungen. Hoch waren daher die Erwartungen an die Mottoschau „Fire and Forget“ zur Faszination von Waffen, die Blumenstein 2015 gemeinsam mit dem Kurator Daniel Tyradellis ausrichtete, dem Autor des Buchs „Müde Museen“, eines leidenschaftlichen Plädoyers für publikumsfreundlichere Ausstellungen. Sogar so hoch waren die Erwartungen, dass Blumenstein und Tyradellis sie nicht mehr erfüllen konnten: „Fire and Forget“ war einfach eine ordentlich gemachte Gruppenschau.
Nun also „Secret Surface“, die „geheime“ oder  „verborgene“ Oberfläche, „wo Sinn entsteht“, wie der Untertitel weder grammatikalisch noch inhaltlich ganz korrekt lautet. Denn die Beiträge der 26 Künstler und Künstlergruppen handeln zwar von der Suche nach dem Sinn des Lebens, finden jedoch lässt sich dieser nicht.
Besonders deutlich wird das in der Halle, die dem Blick ins All gewidmet ist. Um Sieverdings Sonne gruppieren sich Fotos, Plastiken und Filme etwa von Eduardo Basualdo und Andy Holden, die Planeten und Sterne, Himmel und Horizont, Entfernung und Zeit thematisieren: das Universum, ein unendlicher Projektionsraum für Sehnsüchte, Ängste und Fantasien. Dennoch hat Blumenstein die Suche nach einem Gott, nach einer transzendenten Ordnung ausgeklammert, und das, obwohl Kriege und Terror der Gegenwart unter dem Deckmantel religiöser Leitbilder stattfinden.
Folgerichtig aber geht es in den oberen Stockwerken um die obsessive Selbstvergewisserung eines Menschen, der sich allein im All wähnt. So persifliert die Künstlergruppe Auto Italia South East in ihrer schrillfarbigen Filmmontage „My Skin is at War with a World of Data“ (2012), die manisch-modische Beschäftigung mit Fingernägeln, Haut und Haaren. Und Frances Stark projiziert in ihrer Installation Sex-Chats zu dezenten Klängen aus Mozarts „Don Giovanni“ in kursiver Typo auf die Wände – „Osservate, Leggete con me“ (2012) gleicht Liebesgeflüster von Avataren, das ohne zweite Verschriftlichung verloren ginge.  
So weit, so in sich logisch. Allerdings behauptet Blumenstein auch, die säkulare Gegenwart bilde sich über Oberflächen aus. Den ersten Stock beherrschen Arbeiten, die den Kult um Popstars, Kleidung, Smartphones und Inneneinrichtungen verhandeln, etwa von Ying Miao, Trisha Baga, Viktoria Binschtok und Spiros Hadjidjanos. Hier fehlen eine Gegenthese und deren argumentative Entkräftung. Haben doch zuletzt eben nicht mehr Oberflächen Weltbilder revolutioniert, sondern Fakten aus Tiefen, vom Meeresgrund, aus dem arktischen Eis und dem All mit seinen frisch nachgewiesenen Gravitationswellen. Ellen Blumensteins Ausstellung lässt sich manches vorwerfen, nur eines nicht: dass sie nicht streitbar wäre.
Wenn die Kuratorin nun zwei ihrer Ausstellungen aus den KW nach Frankfurt am Main und London bringen wird, verlässt sie ein gut aufgestelltes Haus. Mit der Erhöhung des aktuellen Berliner Kulturhaushalts können die Kunst-Werke jetzt zwei Ausstellungen pro Jahr aus ­eigenen Programmmitteln bestreiten, sagt KW-Direktorin Gabriele Horn. Der Nachfolger, die Nachfolgerin kann sich glücklich schätzen. Wer das ist, soll Mitte März bekannt gegeben werden.  

Text: Claudia Wahjudi

Foto: Harry Schnittger

Secret Surface Kunst-Werke Auguststr. 69, Mitte, Di–So 12–19 Uhr, Do bis 21 Uhr, bis 1.5.,  6/erm. 4 Euro; nächste Performance: Do 3.3., 19 Uhr: niv Acosta (3 Euro)

Mehr über Cookies erfahren