Ausstellungen

Einblick in den Berliner Kunstmarkt

Andreas_Helfer_Atelier_c_david_von_beckerAngefangen hat alles mit einem Häuflein Abtrünniger, die dem Messeformat Art Forum Berlin etwas Inspirierenderes entgegensetzen wollten, und dem ungeliebten, mit anderen Kunstmessen konkurrierenden Termin im Spätherbst. Mehr Ausstellung und weniger Markt, mehr Inhalt jenseits der üblichen Präsentation im Kojen-Format lautete die Devise der Galeristen, die 2008 die Messe abc – art berlin contemporary initiierten. Als Konkurrenz zum vom Senat geförderten Art Forum sah man sich dennoch nicht, sondern als Ergänzung. Nun gibt es das Art Forum bekanntlich nicht mehr – auch wegen dieser Abspaltung, aber nicht nur.

Und wie macht die abc weiter? Sie ist gewachsen. Von anfangs 44 Teilnehmern stieg ihre Zahl auf rund 120. Vom kuratorischen Ausstellungsprinzip hat man sich inzwischen verabschiedet. Es gibt keine Themenvorgabe mehr, die alle verbindet. Im vergangenen Jahr etwa stand Malerei im Mittelpunkt. Was wer in diesem Jahr zeigt, bleibt den Galeristen überlassen, die 4?000 Euro pro Künstler-Position zahlen. „Wir wollten den Galerien mehr Freiraum bieten“, sagt abc-Sprecherin Silke Neumann. „Die Hängung verantwortet aber wieder Marc Glöde, der die abc in den zwei Vorjahren auch schon kuratiert hat.“ Es scheint, als sei die abc auf dem Weg, die Messe Art Forum zu ersetzen. Nur, dass die Veranstalter ihr innovatives Format auf eigenes Risiko fahren. Ihre Privat-Initiative wird nicht staatlich gefördert. Neu in der Führungsriege der neun Galerien, die die abc stemmen, sind Guido W. Baudach und Mehdi Chouakri, zu den Veranstaltern gehören außerdem Joanna Kamm, Martin Klosterfelde, Jochen Meyer, Tim Neuger, Esther Schipper, Alexander Schröder und Asia Zak. Sie alle zählen zum Kreis der führenden Galeristen in Berlin.

Die Lasten verteilen sich also auf viele Schultern. Und die neun Galerien, die die abc ausrichten, kooperieren in diesem Jahr auch erstmals mit Museen, Kunstvereinen sowie der Messe Preview innerhalb der vom Senat mit 250 000 Euro moderat bezuschussten Berlin Art Week. Eine gute Sache, diese Zusammenarbeit von Institutionen und Galerien, wie Galerist Guido W. Baudach meint, weil dadurch „mehr Öffentlichkeit erzeugt und auch mehr Publikum angelockt wird – ein Umstand, von dem beide Seiten ebenso profitieren wie die Stadt insgesamt.“ Denn natürlich ist Berlin als Messe-Standort kein Selbstläufer und bietet immer noch Potenzial. Bruno Brunnet, mit seiner Galerie Contemporary Fine Arts (CFA) einer der erfolgreichsten Galeristen der Stadt, findet: „Da ist Zukunftsmusik drin. Das ist zum Herbstbeginn die einzige Veranstaltung, die Sinn macht.“

Wie viele Besucher schon an normalen Tagen zur Kunst strömen, lässt sich bei CFA vis-а-vis der Museumsinsel besichtigen. Auch „die nach wie vor zunehmende Zahl international erfolgreicher Künstler aus aller Herren Länder in der Stadt“ spricht, so Baudach, für die Kunstmetropole. Sein Kollege Brunnet hat vom internationalen Messe-Hopping langsam die Nase voll. Durch diese Art von Eventkultur sei das System versaut worden. „Der Standort der Galerie muss gestärkt werden“, sagt Brunnet. Man sei gestartet, um „optimale Bedingungen für unsere Künstler rauszuholen. Jetzt müssen wir uns mit Champagnerfirmen und Banken zusammentun und dem Lifestyle frönen.“ Um davon wieder etwas wegzukommen, setzt er auf Inhalte wie die Themenschau „Kids“. Und um den Galerien-Standort Berlin zu stärken, aufs heimische Pflaster der abc.

„Hier werden keine Millionenumsätze gemacht wie in Basel. Berlin lebt vom unteren und mittleren Preissegment. Dafür sind auch Kunden da“, erklärt der Galerist überraschend offen. Er meint damit Preise zwischen 5?000 und 100?000 Euro. Wobei es naturgemäß mehr Mühe koste, 20 Werke а 5?000 Euro zu verkaufen als ein hochpreisiges. Aber wenn die Künstler gut sind und fleißig, klappt auch dies. Er sei dabei, von dem einen Prozent Hochpreis-Kundschaft für einzelne Stars des Kunstmarkts zu den 99 Prozent Kunst-Liebhabern zu kommen, die noch überzeugt werden wollen. Bodenständigkeit ist angesagt, und das gilt natürlich auch für manchen Kollegen, der sich ins Hochpreis-Segment vorgearbeitet hat. Zurück zu den Wurzeln und zur eigenen Stadt spart auch Transportkosten und Aufwendungen im Ausland, denn viele Künstler leben ja sowieso hier vor Ort. Die abc kann jeder besuchen, auch wer nichts kauft, gleichwohl sei sie „auf ein internationales Publikum ausgerichtet“, wie Baudach bemerkt.

Ob die Feststellung „Capitalism Kills (Love)“, wie ein Neonschriftzug von Claire Fontaine einst verkündete, auch diskutiert wird? Dies ist eine zentrale Frage, inwieweit der Kapitalismus die Kunst, mit der er sich schmückt, verformt und uniformiert. Der Spagat zwischen heimischer Marke und internationalem Markt ist nicht leicht, wie auch die offizielle Pressemeldung der abc andeutet. „Im Wissen um die komplexen Verknüpfungen zwischen lokaler Realität und globalem Marktgeschehen reagiert die abc auf einen Kontext, der deutlich stärker von der Kunstproduktion als von der Vorherrschaft des Marktes bestimmt ist.“

Gerade das macht Berlin noch spannend, dass nicht alles aalglatt und ausgereizt scheint. Denn der Markt normiert auch. Man möchte aber nicht ständig das Gleiche sehen. „Wenn die Galerienlandschaft so stereotyp aussieht wie der Flughafen, ist es doch langweilig“, sagt Marktkenner Brunnet. „Wenn wir etwas Lebendiges haben wollen, ist Berlin der richtige Platz!“ So werden sich bei der abc hier arbeitende Künstler wie Thomas Kiesewetter mit unbekannten von außerhalb mischen. Aus 17 Ländern kommen die 120 abc-Teilnehmer, gleich vier reisen aus Dubai an. Sie heißen Carbon12 oder Grey Noise und präsentieren Sara Rahbar und Ayesha Jatoi. Ob die Scheiche ihnen folgen? Und wäre deren Geld ein Segen? Natürlich werde auf diesem „kostenpflichtigen Marktplatz für zeitgenössische Kunst Geld verdient. Anderenfalls gingen die mehr als 120 Galerien auch kaum dorthin“, glaubt Baudach.

In Zukunft wird sich die abc weiter profilieren müssen. Dazu gehört auch die Entscheidung, inwieweit man sich neuen Märkten wie Dubai öffnet oder eher die lokale Kunstproduktion im Auge behält. Den Fokus auf Berlin als Kunst-Kraftwerk zu legen, erscheint nicht verkehrt. Schließlich sind von hier aus schon einige in die internationale Karriere gestartet. Bislang haben die Galeristen sie zu den Sammlern gebracht, von Messe zu Messe reisend. Nun gilt es, das umzudrehen. Mit dem Gallery Weekend funktioniert dies bereits. 

Text: Andrea Hilgenstock

Foto: David von Becker

 

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