Ausstellungen

„Eine Einstellung zur Arbeit“ im Haus der Kulturen der Welt

Eine Einstellung zur Arbeit

Wer arbeitet hier eigentlich schwerer? Die Tierärztin im Hintergrund, oder doch der vor der Kamera im Viertelsekundentakt keuchende Hund? Schnappen inklusive, dann ist der Film aus einer Tierklinik in Lodz schon vorbei. Das ist eine der Miniaturen, die auf der Website von „Eine Einstellung zur Arbeit“ zu sehen sind, die die gleichnamige Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt ergänzt. Im Mittelpunkt jedes Mal: Arbeit – bezahlt, unbezahlt, öffentlich, privat, entfremdet oder selbst-verwirklichend. Körperlose Denkarbeit und physische Schwerstarbeit, menschliche und unmenschliche. Auch Ameisen werden zu Filmhelden – als heimliche Sieger der Evolution tragen sie mal Flora, mal Fauna als Beute davon, ganz wie es ihnen beliebt.
Eine Einstellung zur ArbeitDie 400 Filme auf der Website sind nur eine Seite des Kunstprojekts, das Antje Ehmann und Harun Farocki 2011 begonnen haben. In 15 Städten, verteilt über den ganzen Globus, haben die beiden Workshops für Film- und Kunststudenten abgehalten, aus denen heraus die Teilnehmer diese Miniaturen erstellten. Das Regelwerk war simpel, wie Ehmann beim Treffen im Haus der Kulturen der Welt erzählt: „Es gab verschiedene Restriktionen: Nicht länger als zwei Minuten, kein Schnitt im Bild. Die Kamera durfte bewegt, aber nicht an- und ausgemacht werden. Klingt eigentlich ganz simpel, aber manchmal führt Reduktion zu einer größeren Komplexität, statt dass sie etwas reduziert. Diese Formel haben wir 15 Mal durchprobiert und es hat uns nie gelangweilt.“
Das Projekt ist ein Paradox. Es ist die allgemeinste, am weitesten ausgreifende Produktion des Künstlerpaars Ehmann-Farocki, ein Format, das der Fantasie eines Hollywood-Großregisseurs entsprungen sein könnte: 15 Drehorte von Hangzhou (China) über Kairo, Moskau und Mexico City bis Boston, fast 100 Kameras. Und zwei Ideengeber im Hintergrund, die am Ende wieder die Fäden zusammenziehen in einem polyphonen Echo auf das erste Werk der Filmgeschichte, „Arbeiter verlassen die Fabrik“ von den Gebrüdern Lumiиre (1895). Zugleich aber, nach dem plötzlichen Tod Farockis im Juli des vergangenen Jahres, wurde daraus eine ganz persönliche Hinterlassenschaft. Antje Ehmann hat sich in den Wochen nach Farockis Tod dafür entschieden, weiterzumachen, die gemeinsamen Projekte fortzusetzen, wie geplant. „Jetzt ist es ein Vermächtnis. Wir waren gerade fertig mit den 15 Workshops und mitten in den Vorbereitungen für die Ausstellung. Das Projekt war noch am Leben, es ist das aktuellste, womit Harun noch zu tun hatte.“
Eine Einstellung zur ArbeitFarocki, Jahrgang 1944, gehörte zu den Studenten, die im Zuge der 1968er-Revolte von der Berliner dffb relegiert wurden, da schon ausgestattet mit einer Lust an der Analyse, die er wie in „Nicht löschbares Feuer“ in den Dienst der Ideologiekritik stellte. Die Arbeit und ihre Geschichte war immer wieder ein zentrales Sujet in den Filmen, fremde Arbeit, aber auch die eigene, die sich in den 1990er-Jahren auch aus den Kino- und Fernsehkontexten löste. Den Übergang in die Kunstwelt vollzog Farocki in den vergangenen 18 Jahren mit Ehmann gemeinsam. Sie hatte sich in diese Mischung von „Intelligenz und Poesie“ verliebt, „zuerst in sein Werk und dann in ihn“, sagt sie später im Gespräch.
Farocki hat sie bei ihrer Arbeit für die Festivals von Oberhausen und Duisburg kennengelernt, als junge, cinephile Philosophin, die auch die Leidenschaft am Erfassen von Strukturen mit ihm teilte. Ihre Kuratoriums- und Ausstellungsarbeit signierten sie gemeinsam. „Kino wie noch nie“ war 2006 ein Ergebnis dieser Kollaboration, eine Ausstellung, die selbst ein Laboratorium des experimentellen Kinos im Museumsraum war.
Eine Einstellung zur ArbeitJetzt vertritt Ehmann das letzte gemeinsame Projekt alleine, und man spürt, dass darin eine besondere Nähe weiterlebt. Gemeinsam mit Jan Ralske hat sie gerade erst auf der Berlinale einen Montagefilm präsentiert, der in und mit Bildern aus Farocki-Filmen den Dialog mit ihm weiterführt: „Wie soll man das nennen, was ich vermisse?“, fragt der berührende Titel. Einmal spricht Farocki darin mit Blick auf Robert Bressons Gefängnisfilm „Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen“ davon, dass es gelte, die Mittel der Zelle zu nutzen, um sich selbst zu befreien.
Auf den ersten Blick stellt „Eine Einstellung zur Arbeit“ in seiner Vielfalt die Umkehr der Strategien dar, mit denen Farocki in seinen eigenen Filmen nach neuralgischen Punkten gesucht hat, aus denen heraus sich unsere Systeme beschreiben lassen – aber das Projekt ist auch unverkennbar an seine früheren Werke angebunden – wie an „Arbeiter verlassen die Fabrik“ (1995), der diese Urszene in der Filmgeschichte weiter untersuchte.
Die Installation, die nun im HKW zu sehen ist, wird jeweils sechs Arbeiten aus einer Stadt auf einer der 15 Leinwände zeigen, 90 insgesamt. Ehmann hat sie ausgewählt, aus dem Wildwuchs, den sie gemeinsam mit Harun Farocki angelegt hatte. Umgeben wird die Installation von einer zweiten Bildebene, in der eine Sammlung der Workshop-Filme Arbeiter und Arbeiterinnen beim Verlassen ihres Arbeitsplatzes zeigen. Parallel dazu geht die Analysearbeit weiter: Die theoretische Montage wird eine mehrtägige Konferenz liefern, die der Filmwissenschaftler Thomas Elsaesser am Donnerstagabend (26.2.) eröffnet. Der Tag darauf steht im Zeichen einer Würdigung des Filmemachers durch Freunde und Weggefährten, mit einer Einladung an alle: „Mit Farocki denken.“

Text: Robert Weixlbaumer

Fotos von oben nach unten: Fernando Mendez, Cristiбn Silva-Avбria, Mathilde Frieda/Lüderitz Venza, Amy van Houten

Eine Einstellung zur Arbeit, Haus der Kulturen Der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, ?Mi–Mo 11–19 Uhr, 26.2.–6.4.

?www.eine-einstellung-zur-arbeit.net

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