Ausstellungen

Ellen Blumenstein über die Ausstellung „Relaunch“

/Ellen_Blumenstein_14_c_HarrySchnitgerEllen Blumenstein, in Ihrer ersten Ausstellung als Chefkuratorin der Kunst-Werke geht es um die Institution selbst. Warum?
Wir sind gerade dabei, das Profil der KW neu zu entwickeln. Die KW sind vor 20 Jahren aus einem künstlernahen und sehr produktionsorientierten Kontext entstanden. In so einer Zeit wie heute, in der sich Kultur-Institutionen ganz stark fragen müssen, welche Verantwortung sie tragen und wozu Kunst eigentlich da ist, sind die KW ein prädestinierter Ort, diese Themen nicht nur theoretisch zu diskutieren, sondern durch ihre Programme in der Praxis auszuprobieren. Also: Wen kann Kunst erreichen? Für welches Publikum ist man da? Wie kann man den Künstlerinnen und Künstlern in der Stadt eine Plattform bieten?

Warum werden diese Fragen auf einmal wichtig?
Das hat sicherlich mit den sozioökonomischen Veränderungen der letzten Jahre zu tun. Kunst und Kultur ist einer der letzten Bereiche, die noch nicht komplett durch ökonomische Kriterien bestimmt sind und an denen es noch die Möglichkeit gibt, von sich selbst Abstand zu nehmen. Gleichzeitig wird der Druck immer größer. Kunst wird im Sinne des Stadtmarketings immer stärker als ein Standortfaktor wahrgenommen, auch deswegen sehen sich viele Kunstinstitutionen vor die Frage gestellt, wofür sie eigentlich da sind. Beugen wir uns dem Druck oder versuchen wir, einen Freiraum zu erhalten? Und wie könnte dieser Freiraum aussehen?

Wie beschäftigt sich „Relaunch“ mit diesen Themen?
Bevor die erste Ausstellung im klassischen Sinne eröffnet, nehmen wir uns die Zeit, das Haus selbst neu vorzustellen. Die Projekte, die wir in den nächsten Jahren machen wollen, aber auch all das, was uns an der Geschichte der Institution wichtig erscheint, werden mit „Relaunch“ sichtbar gemacht und verhandelt.

Wie kann man sich das vorstellen?
Zum Beispiel wird es im Vorderhaus das Studiolo geben, ein Archiv mit Bibliothek und Arbeitsraum. In den letzten 20 Jahren haben über 2?000 Künstler Ausstellungen oder Veranstaltungen in den KW gemacht und wir haben sehr viel Material dazu gefunden, das wir zugänglich machen möchten. In Zusammenarbeit mit dem diaphanes-­Verlag eröffnen wir einen Buchladen, der mit seinem Sortiment auf das Programm der KW reagiert. Im dritten Geschoss probieren wir neue Formate aus und arbeiten mit verschiedenen Partnern aus Berlin zusammen, zum Beispiel mit „ARCH+“, der Zeitschrift für Architektur und Stadtentwicklung, die auch bei uns ins Haus einziehen wird. Feed, ein Soundspace aus Neukölln, wird regelmäßig bei uns soundbasierte Veranstaltungen machen und mit dem Arsenal und dem Foreign-Affairs-Festival kooperieren wir im Rahmen von gemeinsamen Ausstellungsprojekten.

Sie wollen das Haus noch weiter öffnen?
Ja. Am liebsten hätte ich den Counter nach vorne in den Durchgang verlegt. Nicht, damit man dort bezahlt, sondern damit ganz klar ist, dass das gesamte Gebäudeensemble Teil der KW ist. Das geht vor allem aus Denkmalschutzgründen nicht. Aber als Teil von „Relaunch“ habe ich gemeinsam mit Nedko Solakov die verschiedenen Räume und ihre Funktionen markiert und er hat diese kommentiert, sodass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in eine Erzählung eingewoben werden.

Nedko Solakov ist bei „Relaunch“ nur ein Künstler auf einer beeindruckend langen Teilnehmerliste. Was machen andere?
Insistere, das sind Ulf Aminde und Sabine Reinfeld, haben einen Avatar von mir geschaffen, der einen Monat lang immer dann auftauchen wird, wenn ich nicht da bin. Die Idee ist, durch den Avatar zu spiegeln, was ein Kurator macht, wie das Verhältnis des Künstlers zum Kurator ist und welche strukturellen Zwänge und Möglichkeiten eigentlich so eine Institution bedingen.

Das ist sehr komplex. Denken Sie, das Publikum will das?
Dass etwas komplex ist, heißt ja nicht zwangsläufig, dass es nicht zugänglich oder langweilig wäre. Ich hoffe, das Projekt wird vor allem auch Spaß machen.

Sie waren 2011 eine der Initiatorinnen von Haben und Brauchen. Die Aktion hat im Vorfeld der Ausstellung „Based in Berlin“ darauf aufmerksam gemacht, unter welch prekären Bedingungen Künstler in Berlin arbeiten. Was davon nehmen Sie jetzt mit an die KW?
Da Haben und Brauchen eine Gruppe ist, die sich aus freien Akteuren zusammensetzt, war klar, dass sich meine Position darin verändert, wenn ich in eine Institution gehe. Aber meine Wahrnehmung dessen, was in der Stadt passiert, bleibt die gleiche. In der gegenwärtigen Diskussion um die City Tax kann ich mich auch aus der Institution heraus positionieren. Mit Haben und Brauchen haben sich die Akteure zum ersten Mal seit Jahrzehnten miteinander solidarisiert und über ihre individuellen Interessen hinaus gehandelt. Die Öffentlichkeit, die aus dieser besonderen Situation heraus entstanden ist, gilt es zu erhalten.

Sie eröffnen „Relaunch“ zum Gallery Weekend. Das Kunst­geschehen in Berlin richtet sich inzwischen extrem nach diesem Termin aus. Warum auch Ihr Haus?
Da zieht auch bei uns das Argument, dass es am Gallery Weekend eine erhöhte Aufmerksamkeit für Kunst in der Stadt gibt. Außerdem sind an diesem Wochenende viele internationale Gäste in der Stadt. Ich freue mich, wenn auch diese Gäste zu meinem ersten Projekt kommen können.

Kommt das internationale Publikum denn wirklich?
Allerdings. Für das internationale Fachpublikum sind die KW fester Bestandteil eines Berlin-Besuchs und die Erfahrung zeigt, dass die Besucher zum Gallery Weekend selbst zu Schließzeiten an die Tür klopfen und sagen: „Wir wollen rein.“ Nachdem ich berufen wurde, erhielt ich Glückwünsche aus der ganzen Welt von unterschied­lichsten Seiten, die mir schrieben, wie wichtig ihnen die KW als Institution sind. Und das finde ich ganz toll.

Was wünschen Sie sich für die KW?
Eine ausreichende finanzielle Ausstattung. Davon abgesehen wünsche ich mir etwas, das ich allein nicht bewerkstelligen kann, aber wofür ich die Voraussetzungen schaffen möchte: Die KW sollen ein lebendiger Ort sein und den können nur das Publikum und die Akteure selber herstellen.

Noch genereller gefragt: Wie sollen das Publikum und die zeitgenössische Kunst zusammenkommen?
Es gibt eine gefährliche Tendenz zur Event-Kultur. Diese Entwicklung hat zwar auch etwas Positives, nämlich die Aufmerksamkeit, die zeitgenössische Kunst durch sie erfährt. Dieses Potenzial sollte man nutzen, aber dabei auf keinen Fall das Publikum unterschätzen. Man muss nicht die Inhalte verflachen, damit mehr Besucher kommen. Mir ist es wichtig, dass Kunst nicht nach dem ersten Aha-Effekt vorbei ist, sondern zum Nachdenken anregt. Und das geht nur, wenn eine Ausstellung auf mehreren Ebenen funktioniert und nicht bloß ein Spielplatz ist.

Interview: Stefanie Dörre

Foto: Harry Schnittger

Relaunch KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, Mitte, Mi–Mo 12–19 Uhr, Do 12–21 Uhr, 28.4.–25.8.

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