Ausstellungen

„Else Lasker-Schüler. Die Bilder“ im Hamburger Bahnhof

Prinz-Jussuf-von-Theben

Voller Grazie pustet ein orientalisch gewandetes Wesen mit Pluderhose, Turban und Schnabelschuhen in einen Dudelsack, und eine glitzernde Schlange reckt sich in die Höhe. „Der Schlangenanbeter auf dem Marktplatz in Theben“ ist charakteristisch für die feine Arbeitsweise Else Lasker-Schülers. Das Reptil ist aus zerknülltem Schokoladen­stanniol. Die Beine der Zentralfigur hat sie ausgeschnitten und die Ausschnitte mit Papier hinterklebt. Das markante Profil des Schlangenanbeters mit betonter Augenpartie und ausladendem Hinterkopf erinnert nicht zufällig an die altägyptische Kunst der Amarna-Zeit, wie Berliner sie von Nofretete und ihrer Sippe kennen. Lasker-Schüler gehörte zu den ersten Besuchern der Museumsinsel, die 1913 die frisch ausgebuddelten Funde zu Gesicht bekamen. Auch die Parallelstaffelung der Marktmenge entspricht vollkommen der Organisierung des Raums, wie sie viele Kalksteinreliefs im Ägyptischen Museum aufweisen.

Wer die Ausstellung im Hamburger Bahnhof betritt, wird empfangen von einem berühmten Porträt, das längst zur Iko­ne geworden ist. Wir sehen Else Lasker-Schüler als „Fakir“ in Pluderhosen mit „echter egyptischer Flöte“ sowie kinnlangem pechschwarzen Haar, was 1912 an sich schon einen Affront darstellte. Sie plante, den „Fakir von Theben“ in einer szenischen Lesung auf Arabisch vorzutragen. Am Seminar für Orientalische Sprachen an der Berliner Universität fand sich der ägyptische Lektor Wally bereit, den Text der Dichterin zu übersetzen. Warum findet diese große Vorstellung Lasker-Schülers als bildender Künstlerin im Ham­burger Bahnhof statt? Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann verweist auf den Beinamen „Museum für Gegenwartskunst“ und sagt: „Die faszinierende Künstlerin wird auf diese Weise nicht nur musealen Kennern in Erinnerung gerufen, sondern auch einer jüngeren Generation von Besuchern vorgestellt und erfährt damit Gegenwärtigkeit. Dem komplexen bildnerischen und literarischen Werk Else Lasker-Schülers wird dadurch auch eine Zukunft bereitet.“ Um ihre bildnerische Präsenz war es schon einmal besser bestellt. Manche sahen bislang in ihren Zeichnungen und Illustrationen nur ein Akzidens zu ihrem dichterischen Њuvre, schnödes Dekorum ihrer Briefe und Dichtungen, kurzum: einen Nebenschauplatz. Doch damit wird man der Künstlerin nicht gerecht, die dezidiert die Gleichrangigkeit ihrer „beiden Begleiterinnen, der Dichtung und der Malerei“ erklärte. Nun ist sie wieder in Berlin, am zentralen Ort ihrer Aktivitäten, angekommen, wo sie Ausstellungstriumphe feierte.

Else

So wurden 1919 Zeichnungen Else Lasker-Schülers im Kunstsalon des Berliner Verlegers Paul Cassirer gezeigt. Über 100 ihrer Zeichnungen stifteten Freunde Else Lasker-Schülers auf Initiative Cassirers im Jahr 1920 der Nationalgalerie. Sie wurden 1937 als „entartet“ gebrandmarkt, durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und in alle Winde verstreut. Die meisten Blätter sind bis heute verschollen, doch sieben von ihnen können gezeigt werden. In zäher Recherchearbeit hat Ricarda Dick das erste Werkverzeichnis von Lasker-Schülers bildnerischen Arbeiten zusammengestellt, aus dem die Schau nun schöpfen kann. Die Besucher werden überrascht sein angesichts der Fülle von rund 130 Bildern und Illustrationen – ebenso wie über ihre 50 Jahre währende künstlerische Entwicklung. Vier Jahrzehnte lebte Else Lasker-Schüler in Berlin und mischte hier im Epizentrum des „Sturm“, zwischen Karl Kraus und Gottfried Benn, die Avantgarde auf, avancierte gar zur „Königin der Caféhäuser“. Vermutlich repräsentiert keine Künstlerin das umtriebige Berlin der 1910er und 20er Jahre besser als Lasker-Schüler, die sich ebenso ernsthaft wie verspielt in allen Künsten erprobt, als Dramatikerin und Performerin auftritt. Doch drängt Kurator Dieter Scholz dieses ergiebige Kapitel des schillernden Berliner Bürgerschrecks mit seinen ungezählten Anekdoten bewusst zurück, er verlässt sich stattdessen auf die Qualität ihrer Grafiken. Neben der „größten Lyrikerin, die Deutschland je hatte“ (Benn), soll nun endlich die bildende Künstlerin angemessen gewürdigt werden. Als die Tochter eines Wuppertaler Bankiers 1894 mit ihrem Mann nach Berlin zog, mietete sie sich sofort ein Atelier im Tiergartenviertel an und nahm Mal- und Zeichenunterricht bei Simon Goldberg, einem Schüler des berühmten Max Liebermann.

Goldberg erteilt seiner Schülerin exotischen Anschauungsunterricht bei den berüchtigten wie populären „Völkerschauen“ im Berliner Zoo, die Menschen außereuropäischer Kulturen wie Tiere präsentierten. Auch während der Gewerbeausstellung von 1896 im Treptower Park werden in der Kulisse der „Märchenstadt Kairo“ nicht allein Moscheen und Minarette aufgeboten, sondern darüber hinaus „echte Araber“ nebst ihren Dromedaren, Eseln und Büffeln. Das ist der Stoff, aus dem die Welten des „Prinzen Jussuf“ sind, der später auf durchgepausten Dickhäutern oder gar einem Bison reiten wird. Streut die Künstlerin zunächst Sterne, Mondsicheln und Kometen in ihre Korrespondenz ein, so erweitert sich das Repertoire bald um (Toten-)Köpfe, Hände, Füße und orientalische Gebäude. Sie hantiert damit nach dem Baukastenprinzip, das an Hieroglyphenschrift denken lässt. Souverän greift sie die vielfältigen Kunstströmungen ihrer Zeit auf, die sie nicht zuletzt durch ihre Nähe zum „Sturm“-Kreis unmittelbar kennenlernen konnte, entwickelt gleichwohl einen unverwechselbaren eigenen Stil.

Am ehesten könnte man ihre Spannweite wohl mit Kokoschka vergleichen, der zwischen jugendstiligen „Träumenden Knaben“ und seinem berserkerhaften Zyklus „Mörder, Hoffnung der Frauen“ oszilliert. Andererseits berührt sich ihre Malweise, die sensibel flüssige Umrisszeichnungen und magisches Kolorit auslotet, bereichert durch tapetenartige Schraffuren und Wellen, mit Paul Klee. Die sukzessive Anverwandlung ihrer berühmten Jussuf-Gestalt, der gleichermaßen im Alten Testament wie in einer Koransure vorkommt, ist eine gezielte Fiktionalisierung zwischen den Kulturen wie den Geschlechtern. Mal trägt er betont männliche Züge, mal legt sie ihn weiblicher an. Joseph/Jussuf, der von seinen Brüdern an eine nach Ägypten ziehende Karawane verkauft wurde, steht auch für das Fremdsein im eigenen Volk. Zugleich bezieht er seine Macht aus der Fähigkeit, Träume zu deuten. Else Lasker-Schülers betont orientalisierende Selbstdarstellung war eine Herausforderung an die assimilierten Juden, die ihre traditionellen Gebräuche dem deutschen Bürgertum angepasst hatten. Als sie 1934 erstmals faktisch nach Ägypten reist, fordert die reale Erfahrung des Orients Revisionen: Sie bekennt, sie sei „Jussuf von Theben in Berlin am intensivsten“ gewesen.

Text: Martina Jammers

Foto: Jüdischer Verlag im Suhrkamp-Verlag

Else Lasker-Schüler. Die BilderHamburger Bahnhof, 21.1.–1.5.2011

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