Ausstellungen

„Emil Nolde: Die religiösen Bilder“ in der Nolde Stiftung

Anbetung_der_KoenigeVerzückt hält die junge Mutter ihr Neugeborenes in die Höhe. Neugierig betrachtet es der Vater aus dem Hintergrund. Nur ein angeschnittener Futtertrog mit Eselskopf sowie die Sternschnuppe am oberen Bildrand weisen die Szene als Heilige Nacht aus. Fast wund erscheint das fleischrosa Bündel, ungestalt in der Form, die Geburtsarbeit nicht verklärend. In einem anderen Gemälde hocken, reichlich konsterniert, Adam und seine extrem blauäugige Eva vor dem verlorenen Paradies. „Da haben wir den Salat“, scheinen sie zu seufzen. Emil Nolde bricht seine „biblischen und Legendenbilder“ herunter auf Menschenmaß. Es gelingt ihm, die Wucht der unfassbaren Ereignisse zu vermählen mit unseren elementaren Erfahrungen.

Nach dem Genuss verseuchten Trinkwassers, das den Maler todkrank gemacht hatte, malte er beim Wiedererstarken wie im Rausch 1909 seine ersten religiösen Bilder. Darunter sein berühmtes Pfingstbild, das seit 1974 zu den Schätzen der Berliner Nationalgalerie gehört. Violett züngeln die Flammen über den Häuptern der Jünger. Das in der Bibel geschilderte „Brausen vom Himmel“, das alle vom Heiligen Geist erfüllt habe, vermittelt sich durch die gleichfalls lilafarbene Erregung auf Stirnen und Wangen. Max Liebermann war 1910 entrüstet über Noldes Werk und drohte: „Wenn det Bild ausjestellt wird, lege ick mein Amt nieder!“ Liebermann setzte sich durch. Noldes Gemälde wurde zurückgewiesen, der Maler aus der Berliner Secession ausgeschlossen.

So sehr Nolde tradierte Ikonographien ignorierte und betuliche Betschwestern damit vor den Kopf stieß – so sehr berührt uns heute die Vehemenz seiner Bilder. Allein sein neunteiliger, großartig expressiver Zyklus aus dem Leben Jesu, der mit dem Geburtsbild beginnt und ansonsten in seinem Atelier in Seebüll an der dänischen Grenze hängt, lohnt einen Besuch in der Jägerstraße. Packend auch sein Triptychon „Martyrium I-III“, in dem er schonungslos die Zeit der ersten Christenverfolgungen auf die Leinwand packt. Er selbst sagte über seine Bilder: „Ob sie nun biblisch religiös empfunden, ob Legende nur oder als dramatische Ereignisse höchster Spannungen gemalt wurden, ich weiß nicht, was bestimmend war.“

Text: Martina Jammers

Foto: Nolde Stiftung Seebüll

tip-Bewertung: Herausragend

Emil Nolde: Die religiösen Bilder Nolde Stiftung Sebüll – Dependance Berlin, Jägerstraße 55, Mitte,
tgl. 10–19 Uhr
bis 12.2.2012

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