Ausstellungen

Ernst Wilhelm Nay im Haus am Waldsee

Ernst Wilhelm Nay MetalblauNarkotisierend wirken die farbsatten safran- und sonnenblu­men­gelben Bilder auf den Betrachter. Wie Nachbilder auf der Netzhaut, wenn man an einem strahlend schönen Sommertag die Augen schließt. Diese Wirkung wird noch verstärkt durch die lichtdurchfluteten Räume im Obergeschoss des Hauses am Waldsee. Mehrfach werden Ernst Wilhelm Nays Großformate hier zu monumentalen Triptychen gebündelt, was die Wucht der Farben zusätzlich steigert.

Kühn sind Nays Kombinationen wie etwa Osterglockengelb mit Irisviolett: ein Zusammenprall, wie ihn jeder feinfühlige Florist heute unbedingt vermeiden würde. Die Bildtitel veränderten sich bei diesen „elementaren Bildern“, wie der Künstler sein Spätwerk taufte: von subjektiven, beschreibenden Namen wie „Exzentrik“ oder „Meditation“ hin zu sachlicher Dokumentation der Farbenskala Rot-Gelb-Violett. Ein Titel wie „Rot-Weiß-Schwarz I“ lässt erst mal zusammenzucken und in Zeiten staatstragender Zeremonien an die offiziellen Farben des Kaiserreiches denken sowie jene des Deutschen Reiches in den unheilvollen Jahren von 1933 bis 1945. Doch solche Assoziationen kommen allenfalls beim Titelbuchstabieren. Führt uns doch „Rot-Weiß-Schwarz“ Farb- und Formkontraste vor, die eher an Vegetabiles denken lassen: an aufspringende Pflanzentriebe oder stark stilisierte Piepmätze, die sich gerade anschicken, flügge zu werden. Bei „Schwarz mit gelbem Band“ oder dem schwarz-rot-gelben „Flamboyant“ denkt man unwillkürlich an aufplatzende Schotenfrüchte. Hinzu kommen Spindelformen, Ketten, ovale Scheiben, Farbbänder und Bogenformen. Nays Pos­tulat in seiner Abhandlung zur Chromatik „Die Fläche ist durch die Farbe zur Gestalt zu erheben“ ist hier in idealer Weise realisiert. Nays späte Bilder ließen sich positionieren zwischen Matisse und Hard Edge. Ähnlich wie Matisse setzt Nay Arabesken, naturähnliche Zeichen ein, ergänzt sie indes durch aggressive­re, gezackte Formen. Grund­op­ti­mis­tisch und voller Dynamik kommen Nays Bilder daher. Kaum kann man glauben, dass diese Werke zum späten Њuvre des Künstlers gehören, die meisten nun in Zehlendorf gezeigten gar aus dem letzten Jahr vor seinem Tode. „Die aktuelle Schau nutzt den historischen Abstand“, resümiert Kuratorin Katja Blomberg. „Wir stellen Nay als herausragenden Koloristen und wichtigs­ten abstrakten Nachkriegskünstler in der Nachfolge von Matisse, Klee und Munch vor.“

Ernst Wilhelm Nay rot-gelb-violettEs ist auch eine Rückkehr des „verlorenen Sohnes“, wurde doch genau hier bereits 1952 sein fünfzigster Geburtstag mit seiner ers­ten großen Retrospektive gefeiert. Damals gewährte das Haus am Waldsee mit über 137 Gemälden, Zeichnungen und Gouachen einen Überblick und rehabilitierte damit Nay als einen der wichtigsten deutschen Künstler der Jahrhundertmitte. Angeregt durch eine Ausstellung von Karl Hofer stellt sich der 1902 in Berlin Geborene bei diesem 1924 mit autodidaktisch gemalten Bildern vor und trifft auf großen Zuspruch. Ein Jahr später nimmt ihn Hofer als Stipendiat in seine Malklasse an der Berliner Akademie auf. In den Folgejahren partizipiert Nay an den Ausstellungen der Preußischen Akademie der Künste, des avantgardistisch gesonnenen Kunstvereins Hannover, der Berliner Sezession, der Münchner Neuesten Sezession im Glaspalast und der Ausstellung „Junge Künstler“ in der Galerie Nierendorf. Der endgültige Durchbruch kommt, als Nay 1931 den Staatspreis der Preußischen Akademie der Künste erhält sowie ein Stipendium für die römische Villa Massimo. Nay malt abstrakt-surrealistische Bilder, vorwiegend in Schwarz-Weiß, ab 1932 folgen mythisch-ornamentale Tierbilder. In einem Hetzartikel der Nationalsozialisten wird sein Bild „Liebespaar“ 1933 im „Völkischen Beobachter“ verhöhnt als „Meisterwerk der Gemeinheit“.

Ausstellungen in führenden Berliner Galerien wie Flechtheim und Cassirer und auch die Gunst von Kritikern wie Museumsdirektoren können ihn nicht davor bewahren, dass 1937 zehn seiner Gemälde als „entartet“ beschlagnahmt werden. Nay erhält Ausstellungsverbot. Während mehrerer Au­fent­halte in Norwegen kann er gleichwohl weiterarbeiten und hat das Glück, dass ein Munch-Freund und Kunsthändler ihm in Oslo eine Ausstellung gewährt. Seine berühmten Lofoten-Bilder entstehen hier – Gebilde an der Schwelle zwi­schen expressionistischer, stark dynamisierter Landschaft und Abstraktion. Als 1945 sein Berliner Atelier zerstört wird, kann wenigstens das Gros seiner Bilder gerettet werden, die er in Muskau ausgelagert hatte.

Nach Kriegsende, als er sich in seinem „Hekate-Zyklus“ der Kleinteiligkeit und einer dunklen Farbplatte verpflichtet fühlt, nimmt er sogleich 1948 an der Biennale in Venedig teil, wo man ihn 1956 mit einer Einzelausstellung im Deutschen Pavillon ehrt. Mit seinen „Scheiben“-Bildern, von denen jetzt die eher unbunte, dafür umso meditativere „Symphonie in Weiß“ (1955) zu sehen ist, erzielt er auch große Beachtung in den USA. Auch bei der ersten Kasseler documenta 1955 ist er dabei, eben­so wie bei den folgenden beiden Leistungsschauen der Gegenwartskunst. Längst gilt seine Zuwendung hellen, klar konturierten Farben. Nach einem spektakulären Auftritt bei der documenta III im Jahr 1964 fühlt sich der Künstler mehr und mehr aus dem Ausstellungsbetrieb gedrängt. Was war geschehen? Drei seiner 4 x 4 Meter großen „Augen“-Bilder hatte er nicht nur in einem geson­der­ten Raum, sondern spektakulär von der Decke hängend präsentiert. 150 Kilogramm wog jedes Bild. Mit 15 Personen wurde nun Werk für Werk in die Höhe gehoben und nach den Anweisungen der Kuratoren in Position gebracht, bevor man es an stabilen Drahtseilen befestigte. Nay hat diese Bilder auf dem Boden gemalt, da sie für seine Atelierwände zu groß waren. Wenn man genau hinschaut, sind auch noch einige Fußabdrü­cke des Künstlers zu ent­decken.

Ernst Wilhelm Nay SinusIm September ritt schließlich eine Armada von Kunstkritikern Attacke, losgetreten von einer „Zeit“-Polemik des Malers und Kunstkritikers Hans Platschek: Nays „Scheibenbilder“ seien nichtssagend, Ausdruck einer „rückwärtsgerichteten Utopie“ und überhaupt viel zu exponiert. Als auch noch das Fernsehen ins Haus kam, kommentierte Nay die Journalistenfragen mit der Feststellung: „Die Leute sind nay-rotisch.“ Die aktuelle Berliner Ausstellung bietet nun die Gelegenheit, sich ungetrübt mit dem Corpus Delicti auseinanderzusetzen.
Auch bei nüchterner Betrachtung dieser vielfachen Augenformen, die uns mal unvermittelt, mal glasig und verschwommen, mal verschämt anblicken, vermag man mitnichten den „Bodensatz von Mystizismus, Artis­tentum und Absage an Vernunft“ auszumachen. Platschek entblödete sich damals nicht, Nays Werk grob zu diffamieren: „Wie die Mythen sind die grellen Scheiben affektiv, ihre Buntheit, ihre formale Dürftigkeit, ihre Häufung halten dem Beschauer vor, dass Kunst keine Gedanken zu fassen, der Nichtkundige sich nicht zu erkundigen hat.“ Eine solch ideologische Kritik erscheint absolut nicht nachvollziehbar, kommt einem stattdessen selbst aus zeitgenössischer Perspektive höchst unzeitgemäß vor – und zudem schimmert unschön wie kleinkariert der Kollegenneid durch.
Die Konsequenz war damals für den Maler eine nunmehr zögerliche Aufnahme des Spätwerks bei einigen Privatsammlern. Seit seinem Tod 1968 und der ein Jahr darauf in der Neuen Nationalgalerie ausgerichteten Gedächtnisausstellung ist es aber still um ihn geworden, zumindest in Berlin. In den letzten Jahren erlebte Ernst Wilhelm Nay ein Comeback. Zahlreiche Retrospektiven wurden ihm kreuz und quer durch die ganze Republik ausgerichtet. Wer aufmerksam Pressekonferenzen im Kanzleramt verfolgt, entdeckt hinter den Stehpulten mit den Mikrofonen die berühmt-berüchtigten documenta-Werke von Nay. Peter-Klaus Schuster, einstiger Ge­neraldirektor der Berliner Museen, empfahl die Nay-Bilder für die Pressehalle in der bundesdeutschen Regierungszentrale. Nun stehen die „Augen“-Bilder als Repräsentanten für die kritischen Argusaugen der Öffentlichkeit, welche die Regierungsaugen der Öffentlichkeit begleiten. Allerdings wurde das mittlere Bild hinter einem Vorhang verborgen, „da das Augenmotiv dem damaligen Bundeskanzler zu übermächtig erschien“, wie die Witwe des Künstlers sich erinnert. Nay-rotisch können eben nicht nur Kunstkritiker werden.

Text: Martina Jammers

Ernst Wilhelm Nay und die Farbe
Adresse und infos: Haus am Waldsee
tgl. 11-18 Uhr, bis 9.8.2009

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