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„Ernste Spiele“ von Harun Farocki im Hamburger Bahnhof

Farocki_SG1_Watson_03_c_HarunFarocki2010„Watson is down!“ Regungslos und einsam liegt er im Staub der afghanischen Berglandschaft, gestürzt aus dem Schützenpanzer, der sich im Konvoi unbarmherzig weiterbewegt. Ein Scharfschütze hat ihn getroffen. Ein doppeltes Unglück: Watson gibt es zweimal in Harun Farockis Installation „Ernste Spiele“ (2010), die in den kommenden Monaten als neuer Teil der Sammlung des Hamburger Bahnhofs gezeigt wird. In vier kurzen Filmen – „Watson Is Down“ ist einer davon – untersucht Farocki Innen- und Außenansichten der Hightech-Kriege im Irak und in Afghanistan. Soldat Watson erscheint in den Doppelprojektionen von virtuellen und realen Bildern einmal als Avatar in einer aggressiven Rechnersimulation und einmal als realer Soldat, der seine Computerfigur in einem nüchternen Schulungsraum in Washington durchs virtuelle Kriegsgebiet steuert. Seinen Tod quittiert der reale Watson mit einem resignierenden Blick. Verletzlichkeit versteckt sich darin, Angst vor der Nachbesprechung vielleicht, Frust über sein Todesurteil: Game over.

Harun Farocki arbeitet seit Ende der 60er-Jahre als scharfsinniger Autor und Filmemacher an einem vielfältigen Њuvre. Im Mittelpunkt stehen die Bilder selbst und ihr Verhältnis zur Wirklichkeit. Seine Themen reichen von der Vietnamkrieg- und Systemkritik („Nicht löschbares Feuer“) bis zu Modellierungen unserer Konsum-Umgebungen („Schöpfer der Einkaufswelten“). „Mitte der 90er-Jahre forderte mich ein Kurator in Frankreich auf, etwas Selbstreflexives zu machen. Das war die Arbeit ‚Schnittstelle‘, die auch im Hamburger Bahnhof laufen wird“, schildert Farocki im tip-Gespräch seinen Eintritt in installative Kontexte. Er wirkt dabei immer noch so jugendlich, dass es schwerfällt, zu glauben, dass er gerade seinen 70. Geburtstag gefeiert hat. Seine damaligen Erfahrungen überkreuzten sich mit einer anderen Entwicklung: „Ich dachte: Super! Jetzt habe ich endlich einmal Gelegenheit, Sachen zu machen, die sich im Fernsehen schwer realisieren lassen. Und parallel setzte sich bei vielen Sendern dieses BBC-Modell durch, wie Dokumentarfilm auszusehen hat. Einen Film zu machen, in dem es keinen Kommentar gibt, der aber zugleich genauer zugreift, ist heute unheimlich schwer“.

Farockis Werkzeuge sind auch in seinen Installationen umfassende Neugier auf alle Spielarten des Films, analytischer Verstand und die Bilder selbst. Ihre Montage lässt Gedanken wie Lichtbögen zwischen hoch aufgeladenen Polen springen. „Ernste Spiele“ findet solche Momente in Trainingscamps, in denen Soldaten zwischen Hunderten Statisten agieren oder in der Nachbereitung der Kriegs­einsätze durch Armee-Psychologen, die bei Übungen ihre künftigen Patienten selbst spielen.

Harun_Farocki_2009_2_c_MJFeger„Ich habe ja schon viele Filme mit Rollenspielen gemacht“, kommentiert Farocki das Setting. „Ich liebe sie, weil sie fast Brecht’sche Lehrstücke sind, mit ihrer Reduktion, die im Spielfilm so schwer herstellbar ist.“ Den Zugang zu diesen Schauplätzen bekam der Filmemacher nach einem halben Jahr geduldigen Wartens. Farocki hat aus der Arbeit aber auch das Gefühl mitgenommen, dass das Informationsmanagement des US-Militärs nur mit gravierenden Störungen funktioniert. „Nachdem wir das Material schon geschnitten hatten“, erzählt Farocki, „kam nach Monaten von einer Pressestelle eine beleidigte Mail, sie hätten gelesen, dass ich ein Feind der amerikanischen Streitkräfte wäre – was sich noch dazu nur auf philosophische Texte über mich als Quelle bezog. Sie konnten nicht einmal vorher im Netz nachgucken. Das haben sie sechs Monate später gemacht.“

Text: Robert Weixlbaumer

Fotos: Harun Farocki 2010 (oben), Markus J. Feger 2009 / Laws

Harun Farocki – Ernste Spiele Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50-51, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, bis 18.01.2015

Download der ausgestellten Filme für 20 Ђ unter www.realeyz.tv; neueste Arbeiten Farockis unter www.eine-einstellung-zur-arbeit.net

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