Ausstellungen

Erste Einzelausstellung des Eliasson-Schülers Felix Kiessling

AlexanderLevy_FelixKiesslingWas kann das Institut für Raumexperimente leisten, dass Olafur Eliasson im letzten Jahr mit einiger Fanfare auf dem Pfefferberg eröffnet hat? Wie wird seine handverlesene Schülerschar ausgebildet? Die Ausstellung von Felix Kiessling gibt erste Antworten auf diese Fragen. Sie ist zugleich ein Test, ob die Kooperation der Universität der Künste (UdK)mit Eliassons Institut ein Zukunftsmodell für künstlerische Ausbildung sein kann.
Dass Eliasson-Schüler Kiessling die Soloschau zeigen kann, ist das Verdienst von Alexander Levy, der erst im vergangenen Jahr die Levy-Galerie in der Rudi-Dutschke-Straße aufgemacht hat. Er gehört wie Johann König zu einer Gruppe von Junggaleristen, die in Berlin Dependancen der erfolgreichen Galerien ihrer Väter führen.
Alexanders Vater Thomas Levy hat seit den 1960ern in Hamburg eine der umsatzstärksten Galerien Deutschlands aufgebaut, die Künstler aus Surrealismus und Pop-Art vertritt und den Nachlass von Meret Oppenheim verwaltet. „Ich bin komplett in der Kunstatmosphäre aufgewachsen“, erzählt Levy junior. „Wir haben über der Galerie gewohnt. Bei Tisch wurde über Kunst geredet. Kunst hing an den Wänden. Für mich ist ­diese Welt selbstverständlich.“
Es stört Levy nicht, in die Fußstapfen ­seines Vaters zu treten: „Ich hätte meine ­eigene Galerie aufmachen können, aber ich musste ja nicht.“ Der zurückhaltende und für Berliner Verhältnisse eher konservativ ­wirkende Kunstgeschäftsmann ist stolz auf seine Herkunft und will die Firmentraditionen fortsetzen. „Mein Vater hat mich eigene Fehler machen lassen und nie in eine Ecke gedrängt.“ Höchstens durch Akzente will er sich vom Firmengründer absetzen: Ihm sei wichtig, die kuratorische Seite einer Galerie­schau auszuweiten, Ausstellungen anders erfahrbar zu machen und seine Künstler in ihrer Entwicklung stärker zu begleiten.

Als Erstes hat sich der 26-Jährige eine Ausstellungsreihe mit jungen Künstlern wie Kiessling vorgenommen, die zum ersten Mal außerhalb der Kunstakademie ausstellen. Was lag da näher, als mit einem Schüler aus dem Studio Eliasson zu beginnen?
Levy deutet auf fünf schwebende Sternkreuze aus Stahl – ein schönes Spiel mit Volumen und geometrischen Formen. Aus einer Wand wächst eine Familie fast ­per­fekter Würfel aus Katzengold, in der Geologensprache „Pyrit“ genannt. In einem ab­ge­dunkelten Raum rotiert an dünnem Faden ein Betonplanet, eingehüllt in rauschende Klänge, die Kiessling im nächtlichen Berlin aufgenommen hat. Die Ausstellung „Neu­ordnung“ schafft eine quasi begehbare Wirklichkeit. Sie zeigt formal reduzierte Arbeiten, die die Grenzen der menschlichen Wahr­nehmung verschieben.
FelixKiesslingDann betritt der Künstler die Galerie. Er ist Anfang 30, eher zierlich, in Schwarz ­gekleidet und hat einen Dreitagebart. Er spricht rasant und sprüht vor Ideen, beschleunigt durch die dritte Tasse Kaffee und die zehnte Zigarette.
Kiessling redet gerne über seine Arbeit. Auch das hat er gelernt am Institut für Raumexperimente, wo er parallel zum Studium an der UdK eine fünfjährige Ausbildung absolviert. Das projektbasierte Training am Institut soll Brücken zwischen neuen Medien und Wissenschaften schlagen, so will es ­Eliasson, den Kiessling eher als Mediator denn als ­Professor beschreibt. Indem Eliasson die Schüler in sein eigenes Studio holt, gibt er ihnen den Raum für Experimente, den Klassenzimmer an der Uni nicht bieten können.
Die Arbeit am Institut beschreibt Kiessling als intensiv: „Es wird ein hartes Tempo vorgegeben, man wird ständig beobachtet und kritisiert, aber auch überschüttet mit Inspiration“. Alles findet in einem einzigen großen Raum in dem Atelierhaus auf dem Pfefferberg statt. „Manchmal flüchte ich deshalb in die Isolation meines Privatateliers.“

FelixKiesslingImmerhin, die Schüler sollen den Meister offenbar nicht nachahmen. Im Vergleich zu den imponierenden Arbeiten Eliassons, die wie jüngst im Martin-Gropius-Bau riesige Räume füllen und über den bewussten ­Einsatz kleinster gemeinsamer Nenner geschmacklich massengefällig sind, geht Kiessling den umgekehrten Weg. Seine Werke sind nicht pompös, sondern stark konzentriert und minimalistisch reduziert. Zugleich lässt sich erahnen, dass der Jungkünstler allein in Seminaren an der UdK wohl kaum dazu ­inspiriert worden wäre, Räume derart mutig zu bespielen. Durch winzige Veränderungen und den Einsatz nüchterner Materialien lädt Kiessling seine Werke mit Bedeutung auf. Wachstum und Wandel aller natürlichen Dinge, Auf­lösung und Neuordnung – diese Themen ­beschäftigen ihn. In einem der Räume hängt eine Betonplatte, die von einem Krankenhaustropf befeuchtet wird und durch Bak­terien und Sporen in der Luft (sehr) langsam mutiert. In der Arbeit „Machй“ stecken unter anderem 30 Seiten Text zu Malewitschs ­Suprematismus, Briefe vom Großvater und 50 geschredderte Seiten über Chaos- und Systemtheorie.

Wenn Felix Kiessling theoretisiert, sagt er Dinge wie: „Ein Kunstwerk ist eng mit ­seiner Umgebung, der Gesellschaft und den ­kul­turellen und geografischen Determinanten verbunden.“ Und natürlich mit dem Betrachter, den er selbstironisch als „Enduser“ ­bezeichnet – ein Begriff, der ihm versehentlich rausrutscht und sofort leidtut.
Künstler und Galerist, so unterschiedlich sie sind, verstehen sich blendend. Tag und Nacht standen sie in der Galerie und überlegten gemeinsam, welche Werke wie in die Ausstellung gehören. Zwar sieht Levy seine Aufgabe als Galerist ganz klassisch als „ein Dienstleister, der dem Künstler Buchhaltung, Organisation, Lagerung und Marketing ­abnimmt“. Dennoch hofft er, wie sein Vater mit Künstlern einen Austausch aufzubauen, der ins Privatleben übergeht.
Die Ausstellung sah der Papa erst zur ­Eröffnung. Und was sagte der? Diplomatisch antwortet Levy: „Es muss meinem Vater ja nicht gefallen.“   

Text: Laila Niklaus
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Felix Kiessling „Neuordnung“
LEVY Berlin, Rudi-Dutschke-Straße 26, Kreuzberg, Mi-Sa 12-18 Uhr
bis 4.9.2010

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