Ausstellungen

Erwin Wurm in der Berlinischen Galerie

Erwin Wurm in der Berlinischen Galerie

Endlich ist Erwin Wurm in seiner ersten institutionellen Ausstellung in Berlin zu sehen. Er ist nicht nur  einer der bekanntesten zeitgenössischen deutschsprachigen Künstler, sondern hat auch eine Verbindung zu Berlin, wo er 1987 als DAAD-Stipendiat ein Jahr lang gearbeitet hat. "Damals hatte ich ein Atelier im Wedding", erinnert sich Wurm, "und habe viel mit Wegwerfmaterialien wie Pappen und Dosen gearbeitet. Zudem war Malerei damals noch ein wichtiger Teil des Arbeitsprozesses, ursprünglich wollte ich ja eigentlich Maler werden." In seine Berliner Zeit fällt auch der beginnende Bruch mit seiner bisherigen Arbeitsweise und eine Orientierung weg von seinen künstlerischen Vaterfiguren aus den Kunstakademien und dem Minimalismus. Von hier aus war es ein langer Weg bis zu seinen emblematischen Fat Cars und den ab den späten Neunzigern entstehenden One Minute Sculptures. Letztere werden auch Teil der Ausstellung in der Berlinischen Galerie sein. One Minute Sculptures sind eine Kombination aus einem Alltagsgegenstand und einer kurzen Handlungsanweisung, wie man sich zu diesem Gegenstand verhalten soll. Der Besucher stellt sich also zum Beispiel mit einem über den Kopf gestülpten Stuhl in einer seltsamen Pose in den Raum. Für eine Minute natürlich. Davon kann dann eine Fotografie angefertigt werden.
Wenn man das Konzept weiterdenkt, hat Wurm im Vorgriff und unbeabsichtigt zu den anderen Implikationen der One Minute Sculptures, wie dem Einfließen von Zeitlichkeit in die Konzeption von Skulpturen, auch noch so etwas wie einen ironischen Kommentar zur Selfie-Kultur geliefert. Im übrigen können die Besucher der Ausstellung natürlich selbst Ausführende der One Minute Sculptures werden und mit ihrem eigenem Körper sozusagen zur skulpturalen Masse werden.
Der Titel der Ausstellung ist Programm: "Bei Mutti". Herrlich knapp und lakonisch. Da denkt man irgendwie an die siebziger, achtziger Jahre, an Schrankwände, schrecklich gemusterte Sofas und an die TV-Figur Ekel Alfred. All diese Assoziationen treffen denn auch zu, sind womöglich sogar ganz im Sinne des Künstlers. "Der Titel", sagt Wurm, "wird vielleicht auch missverstanden. Mir geht es in dieser Ausstellung insbesondere um Häuslichkeit und Alltäglichkeit, um die Alltagsgegenstände, die uns tagtäglich umgeben. Das ist ein Thema, um das meine Arbeiten immer wieder kreisen." Der Titel "Bei Mutti" ist eben nicht nur komisch, sondern steht als Ausdruck ja auch stellvertretend für eine Epoche, in der Mutti noch die Mutter sein konnte, ebenso aber auch die Hausfrau, manchmal gar die Wirtin der bevorzugten Eckkneipe. Gleichbleibend ist immer nur der Bezug auf ein "Zuhause", das Heim, das Heimelige und Häusliche.
So ist ein zentrales Exponat der Ausstellung denn auch das berühmte Narrow House, eine Nachbildung des Wurmschen Elternhauses in Bruck an der Mur, geschrumpft, vor allem aber auf eine den menschlichen Körper gerade noch zulassende Enge gestaucht und eingerichtet wie in den 60er Jahren. Man betritt so diese Welt der Provinz und erlebt die Enge am eigenen Leib. Natürlich ist das Narrow House eines von diesen typischen Siedlungshäusern der Zeit, No-Name-Architektur, wie sie Österreich und Deutschland zwischen Neukirchen und Berchtesgaden in ihrer ganzen Trostlosigkeit prägt. Hinzu treten neue Arbeiten modellierter Nachbildungen von Vintage-Möbeln in Ton aus den 50er und 60er Jahren, wie sie die Jugend des Künstlers begleitet haben und sich heute wieder einiger Beliebtheit erfreuen. Auf den Tonmodellen ist Wurm dann herumgelaufen, hat auf ihnen gesessen, sich körperlich an ihnen ausgetobt und sie deformiert, hat sie um- und weitergedeutet, wie zum Beispiel einen butterfarbenen Kühlschrank, der durch seine äußere Farbe auf sein theoretisches Innenleben verweist.
Man merkt schon, der menschliche Körper, das ist ein ganz zentraler Aspekt der Wurmschen Arbeit und seines skulpturalen Schaffens. Er nutzt diesen als Ausgangspunkt, als Material, wie in den One Minute Sculptures, als Instrument, wenn er mit seinem Körper die Tonmodelle bearbeitet, oder als Bezugspunkt wie im Narrow House, das sich zum Körper des Besuchers verhält und dieser sich wiederum gezwungenermaßen zum Haus in Bezug setzt. Der Körper – zumindest der des Menschen – weist aber auch immer über sich selbst hinaus, auf den ganzen Menschen, der nicht nur Physis ist.
Ein weiterer und bislang eher weniger bekannter Werkzyklus, der Teil der Ausstellung werden wird, sind die Zeichnungen Wurms. Meist handelt es sich bei diesen um Ideenskizzen zu den One Minute Sculptures. Die in der Berlinischen Galerie gezeigte Auswahl wird aus der ganzen Zeit seit den 90er Jahren zusammengestellt sein. So gibt es auch für die mit dem Werk des Künstlers bereits vertrauten Besucher noch etwas neues zu entdecken.
Bleibt der Humor. In Wurms Ausstellungen kann gelacht werden. Oder gegrinst. Er selbst sagt: "Humor ist eine Waffe". Und mit dieser versteht er treffsicher zuzuschlagen

Text: Philipp Koch

Foto: Eva Würdinger / Erwin Wurm, VG BILD KUNST, Bonn 2016 / Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Paris, Salzburg

Berlinische Galerie Alte Jakobstraße 124–128, Kreuzberg Mi–Mo 10–18 Uhr, 15.4–22.8

Mehr über Cookies erfahren