Fotografie

„Es muss mich berühren“ – Drei Ausstellungen von Sibylle Bergemann

Die Fotografin Sibylle Bergemann gehörte zur Boheme der DDR und hat ein international ­bedeutendes Werk hinterlassen – das jetzt drei Ausstellungen zeigen

Bonjour ihr süßen Zaubermäuse, Adalbertstraße, Berlin, 1990; Foto: Sibylle Bergemann

An seinem Tisch mit karierter Plastedecke setzt der Herr in Frack und Fliege elegant Messer und Gabel auf die Bockwurst vor sich auf dem Teller an. Doch die Schwarz-weiß-Aufnahme aus den 1970er-Jahren in Clärchens Ballhaus wirkt nicht so, als hätte sich die Fotografin Sibylle Bergemann (1941–2010) über diesen vornehmen Gast lustig gemacht. Es liegt eine Menge Sympathie in diesem Bild, so wie bei allen Abbildungen ihrer Protagonisten. Meist sind es selbstbewusste Frauen, die eine ganz eigene Würde ausstrahlen. Ob abgelichtete Fabrikarbeiter oder Models, ihnen allen begegnet die Fotografin mit Hochachtung und Empathie. Ebenso in ihren späteren Farbaufnahmen, die sie unter anderem in Afrika gemacht hat. Stolze, in prächtige Gewänder gekleidete Menschen fotografiert sie vor bröckelnden Fassaden, den rot gewandeten Senegalesischen Krieger in würdevoller Haltung vor einer Nescafé-Reklame.

„Wenn ich was sehe, drück ich drauf, es muss mich berühren. Wenn’s unscharf ist, egal“, sagt die Fotokünstlerin in dem Porträtfilm von Sabine Michel, der in der Reinbeckhalle gezeigt wird, fertiggestellt 2011, ein Jahr nach Bergemanns Tod. Das trifft natürlich nur auf die Spontanfotografien zu. Doch berührt haben die Fotokünstlerin ihre Protagonisten ganz gewiss, das ist nicht zu übersehen.

Sybille Bergemann, die 1966 bei dem namhaften Fotografen und ihrem späteren Ehemann Arno Fischer in die Lehre gegangen war, arbeitete seitdem als freischaffende Fotografin. Die durch die Luft segelnde Engels-Statue von Ludwig Engelhardt, 1986 vor dem Palast der Republik eingeweiht, wurde nach der Wende zur Ikone. Dabei habe sie diese dokumentarische Fotoserie im Auftrag des Kulturministeriums über die Entstehung des Marx-Engels-Denkmals nicht als Widerstandskämpferin gemacht, betont die Fotografin. „Aber natürlich waren wir nicht so blöd, nicht zu sehen, was da passierte.“
Am 29. August 2016 wäre die Künstlerin 75 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass haben die Galerien Loock und Kicken Berlin in Zusammenarbeit mit den neu eröffneten Reinbeckhallen in Oberschöneweide und den Nachlassverwalterinnen Bergemanns, Tochter Frieda von Wild und Enkelin Lily, eine Werkschau zusammengestellt. Im Verlag Kehrer entstand ein Fotobuch, in denen die Arbeiten zum größten Teil enthalten sind.

Eigentlich sei sie ja Hochstaplerin, hatte Sibylle Bergemann, die keine akademische Ausbildung besaß, auf Fotoreise in Afrika zu einer Freundin gesagt. Und sie warte immer darauf, dass es mal jemandem auffalle. Aber nein, keiner hat es gemerkt. Ihre wunderbaren, eindrucksvollen Fotos erschienen in den DDR-Magazinen „Sonntag“ und „Sibylle“, später unter anderem in „GEO“, „Zeit“,  „Spiegel“ und dem „New York Times Magazine“.

Sybille Bergemann Retrospektive Reinbeckhallen Berlin, Reinbecksstr. 9, Oberschöneweide, Fr+Sa 14–18 Uhr, So 11–18 Uhr, bis 30.7., Eintritt 5 €

Frauen. Und in Farbe Loock Galerie, Potsdamer Str. 63, Tiergarten, Di-Sa 11–18 Uhr, bis 29.7., Eintritt frei

Der Rand der Welt Kicken Berlin, Linienstr. 161A, Mitte, Di–Fr 14–18 Uhr, bis 1.9.; Publikation zum 75.: „Sybille Bergemann“, Kehrer Verlag 2016, 48 €

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