Retrospektive

Fahrelnissa Zeid in der DB Kunsthalle

Der Vulkan spuckt Farben: Wie konnte diese Pionierin der Moderne nur vergessen werden? Mit einer großen Ausstellung holt die DB Kunsthalle die türkische Malerin Fahrelnissa Zeid wieder ins Bewusstsein

© Raad Zeid Al-Hussein © Istanbul Museum of Modern Art

Als sie Ende der 1930er Jahre mit ihrem zweiten Ehemann Prinz Zeid Al-Hussein von Berlin ins irakische Königreich reiste, blickte Fahrelnissa Zeid zum ersten Mal aus dem Fenster eines Flugzeugs. Der Anblick Bagdads von so weit oben war für die türkische Künstlerin eine Offenbarung. Es sei nicht ihre Absicht gewesen, eine abstrakte Malerin zu werden, schrieb sie später. Doch mit einem Flugzeug zu fliegen, habe sie verändert. Die Welt stand Kopf, und die Illusion, eine ganze Stadt in den Händen halten zu können, war beeindruckend.

Zeid wurde 1901 in Istanbul als Tochter einer einflussreichen osmanischen Diplomatenfamilie geboren, aus der zahlreiche Künstlerinnen und Künstler hervorgingen. Sie besuchte die 1881 in Istanbul gegründete Akademie der Schönen Künste, an der junge Frauen eine Ausbildung nach westlichem Vorbild erhielten. Mit ihrem ersten Mann Izzet Melih Devrim, einem bekannten türkischen Autor und Präsident eines großen Tabakunternehmens, verbrachte sie 1920 ihre Flitterwochen in Venedig. Danach schloss sich eine lange Reihe von Reisen vor allem ins westliche Europa an. Sie studierte an der Pariser Académie Ranson bei Roger Bissière und bei Namık İsmail in Istanbul, wo sie sich Mitte der 1940er Jahre der „Gruppe D“ anschloss, die mit neuen Kunstströmungen aus dem Westen experimentierte.

Fahrelnissa Zeid, die zuvor figürlich malte, arbeitete an einer Verschmelzung der abstrakt expressionistischen Formensprache mit islamischen Ornamenten und Motiven und fand dabei ihren eigenen, prägnanten Ausdruck. Das als Meisterwerk bezeichnete Bild „My Hell“ entstand 1951 auf einer zwei Meter hohen und mehr als fünf Meter breiten Leinwand, die Zeid über zwei Wände ihres damaligen Pariser Ateliers tackerte, um diese „persönliche Hölle“ handhaben zu können: eine Explosion mosaikartiger, leuchtender Farbfelder, die von einem schwarzen Loch eingesogen zu werden scheinen und zwischen Ordnung und Chaos wabern.

Die 1950er-Jahre sollten die Hochzeit ihrer künstlerischen Laufbahn werden. Bald gehörte Zeid zu den türkischen Künstlerinnen mit den meisten Ausstellungen im Ausland. Ihre vielen Reisen, vor allem die familiär bedingten langen Aufenthalte in London und Paris, schulten den künstlerischen Blick und erweiterten ihren Horizont. Neben ihren Experimenten mit der Abstraktion setzte sie sich intensiv mit dem eigenen Innenleben und ihrer Geschichte auseinander. Das macht ihre Arbeiten so speziell und ausdrucksstark. Sie fühle sich beim Malen als Teil eines Prozesses, in dem sie die Bilder produziert, wie ein Vulkan seine Lava ausstößt, resümierte die Künstlerin im Alter.

Fünf Jahre nach dem Tod des Prinzen Zeid Al-Hussein zog Fahrelnissa Zeid Mitte der 1970er Jahre nach Amman zu ihrem Sohn und dessen Familie. Sie schuf sich auch in Jordanien ihr künstlerisches Umfeld, unterrichtete und förderte junge Talente und widmete sich im Alter wieder intensiv der Porträtmalerei.

Die von der Deutsche Bank Kunsthalle übernommene Retrospektive zu Fahrelnissa Zeid ist die aktuellste in der Reihe von Ausstellungen der Londoner Tate Modern, die sich Künstlern widmet, die in ihrer Zeit international erfolgreich waren, später aber von der westlichen Kunstgeschichtsschreibung vergessen bzw. ignoriert wurden. Sehr oft handelt es sich dabei um Künstlerinnen.

Deutsche Bank Kunsthalle Unter den Linden 13–15, Mitte, tgl. 10 – 20 Uhr, bis 25.3.18

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