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"Father Figures Are Hard To Find" im nGbK

"Father Figures Are Hard To Find" im nGbK

Der junge Australier Sean Crossley, selbst im Glas gezeugt, weiß nicht, wer biologisch sein Vater ist. Für ihn ergibt das, wie er sagt, eine Gleichzeitigkeit von zu wenigen und zu vielen (potentiellen) Väter. In der nGbK hat Crossley ein Triptychon errichtet. Wenn man simpel will, kann man im Abstrakten Sperma sehen. Es lohnt sich, genauer zu schauen, da es bei Crossley auf den Prozess der Entstehung ankommt: In Zwischenschichten sind Dokumente eingelagert, verbunden mit dem Thema Vaterschaft.
"I will be your father figure / Put your tiny hand in mine / I will be your preacher teacher / Anything you have in mind”, singt George Michael 1988 in seinem Nummer-Eins-Hit "Father Figure”. Der schwule Sänger spielt im Video zum Song einen Taxifahrer, der einem (übrigens weiblichen) Modell verklickert, er würde allzu gern ihr Daddy sein. Sugar Daddy?
Der Ausstellung jetzt in der nGbK jedenfalls, die im Titel auf den Song anspielt, geht es um jene selbstgewählten Väter: "Wir haben nicht die Väter im Titel, sondern die Vaterfigur", sagt Markues aus dem kuratorischen Team. "Die funktioniert anders als der Vater. Es geht um erbauliche Eigenschaften, losgelöst vom Körper. Wir merken, dass sich jeder mit Väterlichkeit und Vaterfiguren beschäftigt. Wir wollen nicht weg-, sondern mit Twist hingucken." –  "Wir sagen gerade nicht ‚New Father Figures‘, sondern ‚are hard to find‘", ergänzt Kollege Raoul Klooker. "Wir bieten Vaterfiguren an, die wir großartig finden."
Konrad Mühe, Sohn des 2007 verstorbenen Schauspielers Ulrich Mühe ("Das Leben der Anderen") hat aus allen Filmen, in denen sein Vater mitspielte, ein fiktives Interview montiert. Die Fragen, die er an den Vater stellt, sind nicht zu hören, aber sie lassen sich erschließen. Intime Vater-Sohn-Konflikte. Zuspruch und Entschuldigungen fordert der Sohne auf diese Weise vom Vater ein, die der zeitlebens mutmaßlich nicht gegeben hat. Das alles auf Grundlage von Sätzen, die Fremde geschrieben haben. Die montierten Film-Schnipsel switchen sogar Wort für Wort.
Warum wirbelt uns das Thema Vaterfiguren eigentlich so sehr auf, von Franz Kafka ("Brief an den Vater") bis Star Wars ("Luke, ich bin dein Vater")? (Beides muss in der Schau nicht gezeigt werden, um es trotzdem mitzudenken.)"Das hat schon mit Subjekt-Formierung zu tun", sagt Raoul Klooker. "Wodurch man geprägt ist. Man ist ja kein unbeschriebenes Blatt. Für mich hat das auch mit Reproduktion von Gesellschaft zu tun. Was ist die Keimzelle des Staates, der Gesellschaft?"
Wie die Ausstellung gebaut ist, zeigt: Das Sujet soll auch Spaß bringen. Alle für die Schau eingezogenen Wände sind mit Jeans-Stoff ausgekleidet. Eine mehr oder eigentlich weniger subtile Hommage auf die "Dad Jeans", sowieso das Lieblingskleidungsstück aller Väter. Aller. Apropos Kleidung: Big Daddy ist 22 Jahre alt, Online-Athlet und deshalb einer, zu dem 11 Millionen Menschen aufschauen. Big Daddy heißt eigentlich anders, aber das ist sein Username im weltweit größten Elektro-Strategiespiel "Dota 2". Der Künstler Timo Seber, 31, hat auf ein T-Shirt aus steifem braunen Leder ist einen Screenshot daraus gedruckt (Abb.).
Egle Otto zeigt Heiligenscheine, die sie im Stil männlicher Kollegen imitiert: Botticelli, Giotto, da Vinci, Raffael. Daraus erwächst eine abstrakte Komposition, die verblüffend an Hilma af Klingt erinnert, die lange aus der Kunstgeschichte ausradiert blieb, bis sie 60 Jahre nach dem Tod und 2013 auch im Hamburger Bahnhof ausgestellt wurde.
"Die Ausstellung soll kanonkritische Perspektiven aufzeigen", sagt Markues. Dazu passt auch Rotimi Fani-Kayode, der nach seinem Outing von der nigerianischen Familie verstoßen wurde. Seine homosexualisierte Aneignung von Yoruba-Motiven (Abb.) spielt an aufs Fetischisieren nigerianischer Masken durch Väter der Moderne wie Picasso oder Gauguin. "Viele großartige schwule Künstler eine Generation vor uns, wie Fani-Kayode, sind physisch nicht mehr da durch die AIDS-Epidemie. Auch diese Leute wollen wir aus dem Vergessen holen." Erstmals öffentlich zu sehen sind fünf Zeichnungen des schönen Kommunisten Roland M. Schernikau auf Zeitungspapier, die eine homoerotische Lesart der abgebildeten Männer forcieren.

"Father Figures Are Hard To Find" im nGbK

"Im Vergleich zu vielen queeren Ausstellungen", sagt Raoul Klooker, "wollen wir aber nicht zurückweise – mit diesem oft oberflächlichen Queer-Avantgarde-Habitus, der so tut als müsste man sich nicht mit Herkunft beschäftigen, weil man sich postmodern sowieso neu erschaffe. Wir fragen: Wie kann man sich in eine Genealogie einordnen abseits der kanonisierten Väter der Moderne? "
Die New Yorker Club-Prinzessin Juliana Huxtable etwa, übrigens hochgeschätzt von Björk, hat zur Schau Bodypaint-Selbstporträts beigesteuert (Abb.): hyperstilisierte Posen wie auf Postern, die man an gefühlt jedem zweiten Kiosk in Harlem kaufen kann, etwas verfremdet im Stil von "Dragonball"-Mangas. Huxtable, eine Transgender-Frau als selbstbewusste väterliche Ikone.
Klooker erklärt: "Dass Menschen, die nicht weiß, westlich, europäisch, cis-männlich, hetero etc. sind, vom Vatersein ausgeschlossen werden – diese Position wollen wir kapern. Wir fragen: Welche alternativen kunsthistorischen Vorbilder gib es, die als Vaterfiguren übersehen wurden?" Lily Benson und Cassandra Guan etwa regen mit ihrer Filmballade zu "Mamadada" Elsa von Freytag-Loringhoven dazu an, drauf klarzukommen, dass nicht Marcel Duchamp, sondern besagte Pionierin das Ready-Made erfunden hat. Für viele sicher ein Tritt in die Eier.
Die Schau selbst funktioniert wie ein assoziatives Geflecht. Wer Lust hat, muss sich im April gar nichts anderes vornehmen, gibt es in der nGbK doch jede Woche gleich zwei zusätzliche Events mit noch mehr Input. Vanessa Sinclair, aus New York, etwa wird historisch aufzeigen, wie Väterbilder durch die Psychoanalyse verzerrt wurden. Sadie Lune, KAy Garnellen und Mad Kate performen eine queere Familie.
Markues aus dem Team lacht viel und versprüht beste Laune, hält dann aber doch inne und sagt: "Ich kann mir Rotimi Fani-Kayode als Vater vorstellen." Man meint, eine Sehnsucht zu hören. Nach Wahlverwandtschaft.

Text: Stefan Hochgesand

Fotos: Rotimi Fani Kayode/ Courtesy Of Autograph ABP;

nGbK Oranienstr. 25, Kreuzberg, ?Sa–Di 12–19 Uhr, Mi–Fr 12–20 Uhr, bis 1.5.

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