Ausstellungen

Festival Illustrative 2013 im Direktorenhaus

Illustrative_Steven-Tabbutt-subcreationHerr Johanssen, warum haben Sie sich anfangs als Galerist, später als Kurator und Festivalleiter den Illustratoren und der Zeichenkunst verschrieben?
Es braucht Leute, die den Überblick behalten und nach Perlen tauchen. Das wurde meine Aufgabe. 2005 eröffnete ich meine erste Galerie, ganz klassisch mit Malerei, und stieß damals auf ein Grundproblem der Illustratoren. Es gab für sie auf dem Kunstmarkt keine Lobby.

Wie kamen Sie darauf?
Einmal kam der Illustrator Jens Bonnke vorbei und zeigte seine Sachen, und ich schickte ihn weg mit der Begründung: Illustration stellt man nicht aus. Dann schaute ich mir die Arbeiten noch einmal an und dachte, die sind gar nicht so schlecht, das muss man ausstellen – und nicht nur das, sondern noch mehr!

Weshalb tat sich der Kunstmarkt so schwer mit der Illustration?
Weil sie nicht zu den freien Künsten gehört. Bis heute gilt die Definition, dass eine Illustration einen Text ergänzt bzw. erklärt. Illustration zählt zu den angewandten Künsten. Gerade in Deutschland wurde noch bis zum Ende der 90er-Jahre im Kunstmarkt eine scharfe Trennlinie zwischen den angewandten und den freien Künsten gezogen. Oft zu Recht: Angewandte Kunst war dekorativ oder funktional, Illustratoren sind erst mal Dienstleister und keine Künstler. Allerdings hat sich aus dem Pool der Illustratoren eine regelrechte Avantgarde-Bewegung entwickelt, die anspruchsvolle, experimentelle – auch freie – Kunst schafft. Bis in die 90er ging es der Illustration ohnehin relativ schlecht, weil sie durch die Fotografie, die man als frischer, schneller und moderner betrachtete, aus den Medien verdrängt wurde. Seit einiger Zeit wird sie aber als eine spannende, innovative Kunstform wiederentdeckt.

Im Vergleich zu den 70er- oder 80er-Jahren ist die Fotografie heute durch die digitale Technologie und das Internet doch viel präsenter. Müsste die Illustration demnach nicht jetzt noch viel mehr leiden?
Eben nicht, weil sie etwas beisteuern kann, was die Omnipräsenz der Fotografie nicht schafft, nämlich persönliche, besondere Arbeiten, die nicht kopierbar sind. Weil jeder ständig mit seinem Handy Fotos produziert, wird die Fotografie inflationär. Zudem erschöpft sich so langsam ihr Innovations­potenzial, und die Medien sind ständig auf der Suche nach dem Neuen. Wenn ich in einem Magazin also eine besondere Stimmung transportieren möchte, dann schaffe ich das mit einer Illustration besser.

Obwohl sie historisch gesehen die ältere Technologie ist. Wie lässt sich das erklären?
Oder die aktuellere: Die Illustration war schon immer von technischen Errungenschaften angetrieben und geprägt. Das beginnt bei Radierung, Kupferstich und der Lithografie und geht weiter über den Siebdruck bis zu digitalen Werkzeugen wie Photoshop und 2D/3D-Animations-Engines. Da hat sich viel getan. Hier geht es nicht um irgendwelche Filter, mit denen man fix einmal im Computer Bilder verändert, sondern um die Schöpfung einer neuen Ästhetik. Der argentinische Illustrator Christian Montenegro hat zum Beispiel mithilfe des Computers den „Digital Woodcut“ entwickelt. Eine verwirrende Technologie, die wie ein gewöhnlicher Holzschnitt anmutet, bis auf die Tatsache, dass eine Farbpalette verwendet werden kann, die im analogen Verfahren nicht gegeben ist. Er nahm das Beste aus beiden Welten und kombinierte es zu einer neuen Qualität.

Lässt sich überhaupt eine scharfe Trennlinie zwischen Künstler, Zeichner, Grafiker und Illustrator ziehen?
Eine Trennung fällt schwer, es gibt heute viele hybride „Künstler-Designer“, die sowohl künstlerisch als auch gestalterisch arbeiten. Mit ein paar Jahren Abstand sieht man allerdings ganz klar, wer sich in welche Richtung entwickelt hat. Ob sich jemand etwa der freien Kunst zuwendet oder im Bereich Comic, Illustration oder Werbung seinen Platz findet.

Pascal_JohanssenLeistet bei diesem Entscheidungsprozess die Illustrative als Plattform für Illustratoren eine Hilfestellung?
Ja, schon. Die Illustrative ist ja keine große Messe, sondern eine Ausstellung, die eine kleine, qualitative Auswahl trifft. Agenten, Bildredakteure, Galeristen, Kritiker und andere Fachleute sehen die Ausstellung, weil sie auf der Suche nach Talenten sind, dazu kommen die kunstinteressierten Besucher. Die ausstellenden Illustratoren wiederum stellen sich diesem Publikum. Das hat seinen Effekt und beschleunigt Entscheidungen!

Sie arbeiten mit Künstlern aus aller Welt, waren mit der Illustrative in Paris und Zürich zu Gast und planen eine Station in Barcelona. Berlin bleibt aber Ihr Operationszen­trum. Welche Bedeutung messen Sie der Stadt bei?
Weltweit die Nummer zwei nach New York. Was für die Kunstwelt gilt – dass hier alle leben, man sich schnell trifft und die Wege kurz sind –, gilt im Vergleich der Großstädte auch für die Illustration. Als Markt ist Berlin dabei relativ uninteressant, die Kunden sitzen woanders, aber die Illustratorendichte ist einzigartig. Es passiert uns recht häufig, dass wir einen Schweden oder Kanadier anschreiben und die Antwort-Mail kommt aus Neukölln.

In der Kunst spricht man längst vom Berlin-Hype. Ein solcher existiert also auch für die Illustration?
Der Hype ist seit zwei oder drei Jahren da. Aber vielleicht ist es auch gar kein spezifischer Berlin-Hype, sondern wir leben einfach in einer schönen Stadt mit vielen Künstlern, was andere nun auch entdeckt haben und was so bleiben wird.

Herr Johanssen, können Sie eigentlich selbst zeichnen?
Ein wenig, aber viel, viel schlechter als alle, die wir ausstellen. Ich habe Jura und Geschichte studiert, hatte aber immer Freunde aus dem Grafikbereich. Mit einem habe ich mal angefangen, das unvollendete „Tim und Struppi“-Abenteuer „Tim und die Alpha-Kunst“ zu zeichnen. Die Idee war, die Handlung nach Berlin zu verlegen. Daraus ist natürlich nichts geworden und die Erben von Hergй hätten es sowieso nicht genehmigt.  

Interview: Jacek Slaski
Foto: Steven Tabbutt/Subcreation

Illustrative 2013 – International Illustration Festival
31.8.–8.9., Direktorenhaus, Am Krögel 2, Mitte, www.illustrative.de

Mittelpunkt der Illustrative 2013 ist eine Ausstellung mit Positionen von etwa 200 internationalen Künstlern, welche den aktuellen Stand und die Vielfalt des Genres und ­deren zukunftsweisende ­Tendenzen zeigt. Neben den klassischen Disziplinen wie Zeichnung und Druck­grafik spielen auch ­digitale Arbeiten, Animationsfilme, ­Buchkunst, 3D-Objekte und Installationen verstärkt eine Rolle. Ein Schwerpunkt der diesjährigen ­Illustrative liegt auf der polnischen ­Grafiker- und ­Illustratorenszene, die in einer ­Sonderschau vorgestellt wird. ­Außerdem werden die Möglich­keiten der abstrakten Illu­stration ­ausgeleuchtet. Workshops, Diskussionen und Partys ergänzen das Ausstellungsprogramm.

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