Ausstellungen

Festival Transmediale 2012

Transmediale_Herman_Kolgen_DUST_c_JONATHAN_DWie würden Sie jemandem, der die transmediale nicht kennt, das Festival erklären?
KRISTOFFER GANSING: Die transmediale bietet eine ungewöhnliche Mischung aus avantgardistischer Medienkunst, einem Treffpunkt für Forscher und Aktivisten, und einem Angebot für die breite Öffentlichkeit. Für eine Woche entsteht im Haus der Kulturen der Welt ein interdisziplinärer Ort voller Überraschungen, die von politisch sehr kritischen Projekten bis hin zu kreativen Nutzungsformen von neuesten Technologien reichen.

Sie leiten in diesem Jahr erstmals das Festival. Was haben Sie sich vorgenommen?
Seit 2002 kenne ich das Festival als Besucher und stehe jetzt im Jahr des 25. Jubiläums als künstlerischer Leiter natürlich vor einer großen Herausforderung, weil das Festival diese lange Geschichte hat. Mein Vorteil ist, dass ich von außen hierhergekommen bin und mit dieser Unbefangenheit die Chance erhalten habe, manche Dinge neu zu gestalten. Denn vor einigen Jahren stellte ich, auch bei der transmediale, eine Art Krise der Medienkunst fest. Die einzelnen Szenen werkelten sehr abgeschieden vor sich hin, es fehlte die Durchlässigkeit, und der politische Diskurs wurde von der immer gleichen Gruppe von Menschen geführt und geriet dadurch etwas aus dem Blick. Es drehte sich ständig alles um die gleichen Fragen, wie Medien auch kritisch genutzt werden können und wie sich das im Alltag abbildet, aber es fehlten die durchschlagenden Antworten.

Haben Sie diese Antworten gefunden?
Wir haben geschaut, wer derzeit auf dem Gebiet aktiv ist und an spannenden Projekten arbeitet, diese aber nicht unbedingt als Medienkunst bezeichnet. Auch jenseits der institutionalisierten Welt. Ich möchte mit dem Festival eine deutliche Position finden und es in einen politischen Kontext stellen, bei dem aktuelle gesellschaftliche Diskurse aufgegriffen werden und dabei den transdisziplinären Charakter beibehalten und vielleicht sogar noch stärker herausarbeiten.

Das übergeordnete Thema des Festivals in diesem Jahr ist Inkompatibilität. Was können wir aus der Unvereinbarkeit lernen?
Wenn zwei Dinge nicht miteinander funktionieren, ist das ein bekanntes Phänomen, das jeder täglich erlebt, der mit Computern arbeitet. Überträgt man dies nun auf soziokulturelle Systeme, zum Beispiel das Finanzwesen oder auf politische Umwandlungen, Stichwort Arabischer Frühling, erkennt man auch hier die Inkompatibilität, etwa ­zwischen Regierung und Volk. Wir sprechen bei dem Festival aber nicht nur darüber, dass Dinge nicht funktionieren, sondern ebenso über die Modifikation und die Produktivität der Inkompatibilität, aus der eine Neugestaltung des ursprünglichen Zustands entstehen kann.

Transmediale_Joshua_Light_Show_1967_c_Joshua_Light_ShowHat das Festival den Anspruch, die Situation zu verbessern?
Es geht nicht direkt um Weltverbesserung oder so was, wir verfolgen eher einen anarchistischen Zugang und präsentieren Projekte, die einen absurden oder künstlerischen Weg weisen. Sie stellen ein Prinzip vor, dass nicht im linearen Modus anwendbar ist, es geht um die Chance, aus der jeweiligen inkompatiblen Situation heraus das Ganze neu zu überdenken und vielleicht ein System durch ein anderes komplett zu ersetzen. Wir zeigen im Haus der Kulturen der Welt zum Beispiel ein Projekt der Telekommunisten, in dem das Phänomen der Misskommunikation behandelt wird. Die Berliner Künstlergruppe ordnet dazu analoge Telefongeräte in einem Netzwerk an, so dass eine Art Telefonkette entsteht. Wann immer man den Hörer abnimmt, hat man eine wildfremde Person auf der anderen Seite der Leitung. Das führt zu neuen Verbindungen innerhalb einer Gemeinschaft und zu völlig neuen Möglichkeiten.

Weshalb spielt poltischer Aktivismus in der Medienkunst so eine wichtige Rolle?
Bei der Transmediale liegt es sicherlich an der Entstehungsgeschichte des Festivals, das als VideoFilmFest Ende der 1980er-Jahre von Medienaktivisten gegründet wurde. Seitdem gibt es diese Tradition der Gegenöffentlichkeit, des Kollektivs und Do-It-Yourself-Gedankens. Man muss auch sehen, dass viele Leute, die in dem Bereich aktiv sind, abseits des kommerziellen Kunstmarktes arbeiten und ihren Arbeitsmittelpunkt eher im universitären Betrieb haben. Dadurch sind sie zum einen nicht unbedingt dazu gezwungen, mit ihrer Kunst Geld zu verdienen, und zum anderen bewegen sie sich in einer Welt, die stark von Diskursen und Theorien geprägt wird, woraus schließlich im weitesten Sinne politische  Projekte resultieren können. Nicht zuletzt ist es auch der Grund dafür, weshalb bei der transmediale die Theorie, neben Ausstellung, Performances und dem Videoprogramm, eine wichtige Rolle spielt.

Der digitalen Welt wird Schnelllebigkeit und ein kurzes Gedächtnis nachgesagt. Sie interessieren sich stark für Medienarchäologie. Fordern Sie ein stärkeres Geschichtsbewusstsein von den mit neuen Medien operierenden Künstlern?
Vor allem in dem Performancesegment präsentieren wir eine ganze Reihe von Künstlern, die analoge Systeme mit digitalen Mitteln untersuchen. Flora Könemann hat etwa eine alte Schreibmaschine in ein digitales Musikinstrument verwandelt. Durch die rasante technologische Entwicklung kommt es ja auch hier schnell zum Problem der Inkompatibilität, weil sich die Software und Hardware ständig verändert. Medienarchäologie behandelt dabei Phänomene, die teilweise nur wenige Jahre zurückliegen. Im Rahmen der Rückschau anlässlich des 25. Jubiläums der transmediale zeigen wir deshalb im Videosegment Netart-Projekte aus den späten 90ern, und bei der Eröffnung soll das erste Programm des VideoFilmFestes von 1988 laufen und zwar von den Originalbändern.

e-waste_found_c_Vibek_Raj_Maury_-Blacksmith_InstituteIm vergangenen Oktober ist der Medientheoretiker Friedrich Kittler verstorben. Sucht man seinen Namen im Programm, fehlt dieser. Wäre die transmediale nicht der richtige Schauplatz, um an ihn zu erinnern?
In dem Zeitraum zwischen seinem Tod und dem Festival hat sich einfach keine adäquate Veranstaltungsform gefunden, deshalb taucht er tatsächlich nicht explizit im Programm auf. Seine Gedanken werden jedoch durchaus präsent sein. Die Medienwissenschaftler Stefan Heidenreich, Robert Sakrows­ki und Wolfgang Ernst, die im Rahmen des Symposiums sprechen werden, sind allesamt Kittler-Schüler.

Die Schattenseiten der digitalen Technik sind ein wiederkehrendes Element im transmediale-Programm. Wünschen Sie sich manchmal eine analoge Welt?
Nein, ich bin kein Nostalgiker. Ich glaube, die Trennung zwischen analog und digital ist heute unmöglich. Wir werden immer mehr zum Teil dieser technologischen Netzwerke, selbst wenn wir nicht online sind. Wir können diese Entwicklung nicht mehr aufhalten.

Kristof_Gansinger_c_harryschnitgerInterview: Jacek Slaski
Fotos: Harry Schnitger, Jonathan D., Joshua Light Show, Vibek Raj Maury/Blacksmith Institute

transmediale 2012
Haus der Kulturen der Welt,
1.–5.2., Eröffnung: 31.1., 17 Uhr,
www.transmediale.de

Zur Person: Kristoffer Gansing
Der neue Leiter der transmediale wurde 1976 im schwedischen Karlstad geboren. Er studierte Film­wissenschaften, für seine Doktorarbeit an der Universität Malmö untersuchte er die zunehmende Hybridisierung alter und neuer ­Medientechnologien in der medialen Kunst und Network Culture. Gemeinsam mit Linda Hilfing initiierte er das medienarchäologische Projekt „The Art of the Overhead“ und leitet seit 2006 tv-tv, einen von Künstlern betriebenen Fernsehkanal in Kopenhagen. Gansings Spezialgebiet sind die Schnitt­stellen zwischen Medienkultur, Kunst und Alltag.

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