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Florian Neufeldt: Der Heimwerker

Florian_Neufeldt_Bad_GasteinFlorian Neufeldt packt sein Werkzeug zusammen. An den Wänden hängen noch ein paar seiner Zeichnungen, doch auch die werden gleich fürs Erste verschwinden. Vier Wochen lang hat ihm ein renovierungsbedürftiger Raum im alten Kraftwerk am Wasserfall als temporäres Atelier gedient, morgen geht es in aller Frühe zurück nach Berlin. Der hochgewachsene Mann mit dem Sieben-Tage-Bart, der mit seinen 36 Jahren noch angenehm jugendlich wirkt, ist einer von acht Stipendiaten eines Residenzprogrammes für aufstrebende Künstler, das die Tourismusdirektion von Bad Gastein aufgelegt hat, um frischen Wind durch die bröckelnden Gründerzeitkulissen in den Höhen des Salzburger Lands wehen zu lassen.

Das Ergebnis von Neufeldts Arbeit ist eine Etage tiefer zu besichtigen: Ein Abschnitt eines massiven Baumstamms wird hier von einer einzelnen Querstrebe in einem heiklen Schwebezustand zwischen Boden und Decke gehalten und scheint sich auf geheimnisvolle Weise den Gesetzen der Statik zu entziehen. Die Balkenkonstruktion, die das Gewicht des Baumstamms trägt, ist zunächst unsichtbar im Nebenraum verankert. Dort baumelt auch noch ein Findling von der Decke, an dem ein kleiner Lautsprecher befestigt ist, der in endloser Schleife ein paar hastige Sätze zum Thema „Ausdauer“ ausspuckt. Die ganze Installation macht einen robusten und zugleich filigranen Eindruck; Neufeldt nennt sie „Die unsichtbare Hand“, eine Anspielung auf Adam Smith’ Theorem von der ordnenden Kraft des freien Marktes. So spielt der fragile Ausgleich von Gewicht und Gegengewicht, den Neufeldt hier im alten Kraftwerk hergestellt hat, nicht nur mit den Prinzipien der Schwerkraft, sondern verweist auch auf die Zusammenhänge der Weltwirtschaft, bei deren Stabilität es sich allenfalls um eine fragwürdige Hypothese handelt.

Wegen seines schlechten baulichen Zustands sollte der Raum, den Neufeldt sich für seine Arbeit ausgesucht hat, eigentlich verschlossen bleiben, und genau deshalb wollte er da unbedingt rein. Es gehe ihm darum, „vorhandene Räume zu manipulieren und neu zu konfigurieren, und zwar so, dass man nicht drum herum kommt“, sagt er. Dabei verwendet er zumeist vorgefundene Objekte und profanes Baumaterial, das er in Heimwerker-Manier zersägt, bearbeitet und verschraubt. Den Baumstamm zum Beispiel hat Neufeldt sich im örtlichen Sägewerk besorgt. „Hier bietet es sich einfach an, mit Holz zu arbeiten“, sagt er. Auch den Stein, der im Nebenraum an der Decke hängt, hat er bei einer Wanderung in der Umgebung gefunden.

Neufeldt wandert gerne, er ist auf Umwegen zum Künstler geworden. Er brach sein Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf ab, weil ihm die Selbstbezogenheit des Kunstbetriebs zuwider war, und widmete sich stattdessen der Soziologie. In seiner Abschlussarbeit beschäftigte er sich mit dem Sozialverhalten in der Weinerei, einem Lokal in Veteranenstraße, in dem jeder Gast nur so viel bezahlt, wie er es für angemessen hält – und das erstaunlicherweise trotzdem funktioniert. Als er sein Diplom in der Tasche hatte, war das Bedürfnis, Kunst zu machen, auf einmal wieder da, und es war schnell klar, dass er dreidimensional arbeiten und dabei auch Geräusch und Bewegung einbeziehen würde. Seine sperrigen Interventionen erinnern mitunter an verlassene Baustellen, die ein merkwürdiges Eigenleben führen. Sie sind zumeist untrennbar mit den Räumen verbunden, in denen sie entstehen, und weisen zugleich darüber hinaus.

Seinen ersten großen Auftritt hatte er vor drei Jahren in der Berliner Galerie Opdahl. Für seine Arbeit „I and it, it and I“ zog er im leeren Ausstellungsraum eine Zwischendecke ein, die von einem unsichtbaren Bohrmaschinenroboter nach dem Zufallsprinzip perforiert wurde. Zwischen seinem Weg als Künstler und seinem soziologischen Hintergrund sieht Neufeldt nur einen indirekten Zusammenhang: „Die Soziologie kann über Kunst nichts aussagen, nur über die Bedingungen, unter denen sie entsteht.“ Es zählt jedoch zu den besonderen Qualitäten seiner Arbeit, dass er diese Bedingungen sehr genau analysiert und dabei immer wieder Bezüge zu den großen Narrativen zulässt, mit denen wir versuchen, der Zusammenhanglosigkeit des Weltgeschehens einen Sinn zu verleihen – sei es nun Adam Smith’ Ökonomie-Bibel vom „Wohlstand der Nationen“ oder ein Kinderbuch wie „Alice im Wunderland“. Schon ganz am Anfang seiner Karriere hat Florian Neufeldt einmal sein altes Skateboard zu gleichmäßigen Streifen zersägt. Die Arbeit trug den Titel „Rosebud“, wie der Schlitten aus „Citizen Kane“: ein Objekt, das für die Sehnsucht nach einer verlorenen Kindheit steht. 

Text: Heiko Zwirner

Die jüngste Arbeit von Florian Neufeldt ist vom 17. bis 19.8. im Rahmen des Programms „Sommer.Frische.Kunst“ im alten Kraftwerk von Bad Gastein zu sehen. Ausstellung im Kreuzberger Projektraum Ozean ab 5.9. 

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