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Mein Blick: Fotografien von Herlinde Koelbl

Fotografie von Herlinde KoelblDie Metamorphosen des Grünen-Politikers Joschka Fischer könnten gewaltiger kaum sein. Zunächst irritiert ein um das Jeans­hemd gewickelter Schlips, der Embonpoint gedeiht prächtig. Doch mit dem Ergrauen geht ein fast schon beängstigendes Abmagern einher. Flankiert wird das mondphasenartige Auf- und Abschwellen von erstaunlich offenherzigen Reflexionen: „Die Verwandlung des Amtes durch den Menschen dauert etwas länger als die Verwandlung eines Menschen durch das Amt.“ Über acht Jahre lang hat die Fotografin Herlinde Koelbl deutsche Spitzenpolitiker ins Visier genommen. Wie schafft die fast siebzigjährige Herlinde Koelbl es bloß, Menschen zu solch – gegenüber der Öffentlichkeit doch riskanten – Geständnissen zu bewegen? „Ich begegne jedem Gegenüber mit dem gleichen, unbedingten Respekt. Das merken die Leute, es scheint Vertrauen einzuflößen“, lüftet Koelbl ihr Betriebsgeheimnis. Mit ethnografischen Feldstudien könnte man ihre Neugierde und ihren Forscherdrang vergleichen, wenn sie auf die Fotopirsch geht. Und währenddessen die Würde ihrer Objekte niemals infrage stellt. Bloß in ihrer Folge der „Feinen Leute“ decouvriert sich die Münchner Bussi-Bussi-Schickeria mit drallen Ausschnitten und aggressiv nach Fingerfood grapschenden Diamantfingern höchstselbst. Selbst die scheuesten aller Wesen, die Schriftsteller, springen über ihren Schatten und geben den Blick frei auf ihr Allerheiligstes: ihr Arbeits­zimmer. Keimfrei und wohlsortiert wie die Dienststelle eines Standesbesamten erleben wir da den Schreibtisch von Rainer Kunze. Ernst Jünger scheint ein Renaissance-Studiolo als Maß aller Dinge zu nehmen, um sein Universalgenie zu unterstreichen. Legendär dagegen Friederike Mayröckers wabernde Zettelhöhle. Am eindringlichsten hat Koelbl selbst ihre Sequenz der „Jüdischen Portraits“ erlebt, an der sie fünf Jahre lang gearbeitet hat. Lange vor Steven Spielberg erzählt sie hier die Geschichte der Überlebenden des Holocaust: der jüngste ist 70, der älteste 94. Inzwischen lebt nur noch eine Handvoll dieser bemerkenswerten Menschen.“Diese Serie ist ein Markstein für mein persönliches Leben. In den Gesichtern habe ich so viel Spuren von einem schwierigen Leben entdeckt, so viel Traurigkeit, aber auch so viel Weisheit und Bescheidenheit“, erinnert sich Herlinde Koelbl.

Text:
Martina Jammers
Bild: Herlinde Koelbl

tip-Bewertung:
Herausragend

Mein Blick: Herlinde Koelbl – Fotografien im Martin-Gropius-Bau
(Adresse + Googlemap), tgl. 10-20 Uhr, bis 1.11., der im Steidl-Verlag erschienene Katalog kostet im Museum 29 Ђ

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