Ausstellungen

Fotografien von Robert Lebeck im Martin-Gropius-Bau Berlin

Robert Lebeck zählt zu den großen Fotoreportern.

„Es war Liebe auf den ersten Blick“, erzählt er in seiner Biografie. Als seine Frau ihm zum 23. Geburtstag 1952 eine Retina 1a schenkte, zog Robert Lebeck los, um fortan mit der Kamera die Welt zu entdecken. „Wir hausten zu dieser Zeit in einer dunklen Einzimmerwohnung ohne Bad und Klo in der Heidelberger Kranengasse.“ Wie sie auf die Idee kam? „Weiß der Kuckuck.“ Zufall? Schicksal wohl für den Meister der Momentaufnahme.?
Im Nachkriegsdeutschland war der Beruf des Fotoreporters so gut wie ausgestorben. Erich Salomon, Alfred Eisenstaedt, Martin Munkбcsi, all jene, die mit ihren Fotos die Illustrierten der Weimarer Republik gefüllt hatten, waren entweder emigriert oder in den Konzentrationslagern umgekommen. Dass aus Lebeck einer der Großen seiner Zunft wurde, dazu verhalfen ihm sein Forscherdrang, seine nimmermüde Neugier, sein Selbst- und Gottvertrauen.

Als Erstes marschierte der Autodidakt in den Zoo. Mit den Aufnahmen ging er zur „Rhein Neckar Zeitung“. Die lehnte seine Bären dankend ab. Nicht entmutigt, machte er sich auf zum Baden-Badener Rosenfest und pack­te den Zufall beim Schopf. Konrad Adenauer trat vor seine Linse, ein zweiter Politiker kam hinzu, und Lebeck drückte ab. Diesmal hatte er Glück und ein Stück Zeitgeschichte dingfest gemacht. ?

Groß war sein Erstaunen, als das Honorar für dieses erste gedruckte Foto magere acht Mark betrug, seine Ausgaben aber 50 Mark. Er blieb trotzdem dabei. Berufung, was sonst! Seine Reportagefotos sind heute selbst Geschichte, einzigartig in ihrer Natürlichkeit und Unverstelltheit, die den Blick auf die tiefere Wahrheit von Ort und Person richten. Nein, seine Bilder lügen nicht. Darin liegt ihre Kraft.

„Ich wollte immer ganz nüchtern und journalistisch arbeiten und hätte nie zu den Kindern auf der Straße gesagt, stellt euch so oder so hin“, sagt der Mann mit den Argusaugen im Schmunzelgesicht, das ihm den Spitznamen „Smiling Bob“ eintrug. 1955 wurde er Leiter des Redaktionsbüros der „Revue“ in Frankfurt am Main, später Mitarbeiter von „Kristall“. Seine ungewöhnlichen Fotoreportagen brachten ihn zum „Stern“, für den er rund 30 Jahre unterwegs war.

Im Martin-Gropius-Bau, mittlerweile Topadresse für Fotoausstellungen, kann man nun einen Blick auf seine Kunst werfen, die sich wohltuend vom gestylten Bildwillen mancher Fotokünstler abhebt. Inszeniert ist bei Lebeck nichts, nichts digital bearbeitet oder sonstwie manipuliert. Zu betrachten sind in der großen Retrospektive nachhaltige Zeugnisse seines scharfen Auges und seines Gefühls für das richtige Timing, die oft wie Schnappschüsse wirken.

„Entweder es wird mir geboten, ich sehe es oder ich lasse es. Ich zerbreche mir überhaupt nicht den Kopf, wie man ein Bild macht, ich suche immer nur. Bei Porträts muss man ein bisschen nachhelfen, aber nicht bei allen“, berichtet er. Durch Intuition und Humor, Eigenschaften, die auch viele seiner Bilder zeigen, ist der Sunnyboy dem Charakter vieler Menschen sehr nahe gekommen oder besser: dem Moment ohne Maske.

Romy Schneider sehen wir so, Jackie Kennedy und Lee Radziwill am Sarg von Robert Kennedy 1968 in New York oder den geknick­ten Willy Brandt nach seinem Rück­tritt 1974. Vielleicht ist Lebeck einfach lockerer als andere, und dieser ungezwungene Umgang, die Offenheit, die er auch im Gespräch zeigt, fördern unverstellte Bilder zutage. Bilder, die sich im Kopf festsetzen, weil sie pointiert und wahrhaftig erscheinen.

Beeindruckende Porträts sind darunter, etwa das von Joseph Beuys, das Gottfried Helnwein als Vorlage für ein Gemälde nutzte, Klaus Kinski oder Willy Brandt. Ebenso klassische Reportagen wie „Spanien unter Franco“ oder „Deutschland im März“ (1983). Seine ersten führten Lebeck 1960 nach Moskau, Tokio und Leopoldville, wo der belgische König gerade den Kongo in die Unabhängigkeit entließ.

Zur rechten Zeit am richtigen Ort entstand ein Bild mit Symbolkraft, eine Momentmetapher in­ner­halb der Reportage. Man sieht: Weiß kehrt Schwarz den Rücken. Ein junger Kongolese stürzt auf die Limousine zu und entreißt König Baudouin den Degen. Natürlich wird er gefasst, sein Triumph währt nur kurz. Der Degendieb wurde Lebecks meistgedrucktes Foto. Es steht für den besonderen Augenblick und verkörpert doch mehr als ein Zeitdokument.

Text: Andrea Hilgenstock
Foto: Birgit Kleber

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