Ausstellungen

Frühe Porträtfotografie in Indien im Museum für Fotografie

Portraetfotografie_Indien_vorschauDas älteste Fotostudio ist nicht in Frankreich, wo Niиpce die Fotografie erfand. Nicht in England, wo Talbot das Negativ-Verfahren entdeckte. Das älteste, 1863 unter anderem Namen gegründete und seither ununterbrochen arbeitende Fotostudio der Welt, Bourne & Shepherd, befindet sich in Kalkutta. Die Fotografen Samuel Bourne und Charles Shepherd, zwei Engländer, suchten und fanden ihr berufliches Fortkommen im unter britischer Kolonialherrschaft stehenden Indien. Und sie waren damit keineswegs Pioniere. Wohl schon 1839, wenige Monate nach Einführung der Fotografie in Europa, wurden die ersten Kameras auf den Subkontinent verschifft, in den 1850er-Jahren eröffneten in allen großen Städten Indiens Fotostudios. Mit großem Erfolg, denn ihre Betreiber trafen in dem in zahlreiche Fürstentümer zerfallenen Land auf eine Adelsschicht, die liebend gern ein repräsentatives Bild von sich haben wollte.

Stolz thront der Maharadscha Tukojirao II. Holkar von Indore auf seinem Stuhl. Der glänzende Säbel, die prächtigen Ketten, all das sagt: Hier geht es um die Darstellung von Macht und Reichtum. So ein Bild zu inszenieren, darauf verstand sich das Atelier Bourne & Shepherd, von dem die Aufnahme aus dem Jahr 1875 oder 1876 stammt. Auch die Begum Shah Jahan von Bhopal ließ sich von ihnen in reich verzierten Gewändern und üppig geschmückt ablichten. Energisch schiebt sie ein Bein vor und schaut selbstbewusst in die Kamera. Beide Fotos sind Teil der neu eröffneten Ausstellung „Das Koloniale Auge. Frühe Porträtfotografie in Indien“. In Bildaufbau und Prachtentfaltung ist auf den Aufnahmen das Vorbild Europa unverkennbar, wobei sich die damalige Porträtfotografie schon ganz ungeniert bei ihrer Vorgängerin, der Porträtmalerei, bedient hatte. Eine tolle Überraschung: Zwischen den in der Schau zu sehenden Maharadscha-Porträts aus Kaschmir oder Nepal und den Fürstenporträts in Öl, die in Schloss Schwerin oder Rheinsberg hängen, gibt es viele ikonografische Ähnlichkeiten: von der selbstgewissen Körperhaltung über die Säbelprotzerei bis zum kiloschweren Goldschmuck.

Die Fotostudios mussten für diese Art der Inszenierung bei ihrer Kundschaft nicht werben, gemalte Adelsporträts nach europäischem Muster erfreuten sich in Indien bereits großer Beliebtheit. Und die Fotografen boten einen Service, den die Maler nicht kannten: Vervielfältigung. Mit gedruckten Karten machten die Fürsten ihr Bild bei den Untertanen bekannt. Ein Geschäft, bei dem alle Gewinner waren. Das sieht man an der Mühe, die sich die Fotografen bei der Inszenierung gaben, wie an den selbstzufriedenen Gesichtern der Adligen. Nur Gewinner, das kann man leider nicht von allen Menschen sagen, deren Fotos die Ausstellung zeigt. Neben den Porträts von Adligen und Kaufleuten hängen dort vor allem Bilder von Tänzerinnen und Musikern, Goldschmieden und Schlangenbeschwörern, Asketen und „Eingeborenen“. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die positivistische Vermessung der Welt an Fahrt auf, Ethnologie und Anthropologie wurden wichtiger, und mit ihnen die Menschenvermessungslehre Anthropometrie. Die Fotografie erschien als probates Mittel, die Unterschiede in Körperbau, Hautfarbe und Gesichtsform der verschiedenen „Rassen“ und Berufsgruppen überall auf der Welt festzuhalten und einer Untersuchung zugänglich zu machen.

EdwardTaurines_Tnzerinnen_c_StaatlicheMuseenZuBerlin_EthnologischesMuseumDas war die zweite große Einkommensquelle der Fotografen in Indien: Sie holten die „Typen“ ins Studio oder organisierten Expeditionen zu den „Eingeborenen“ und verkauften die Ausbeute gewinnbringend an die Völkerkundemuseen in Europa. Alle 300 in der Ausstellung gezeigten Aufnahmen stammen aus Berliner Archiven, des Ethnologischen Museums, des Museums für Asiatische Kunst und der Kunstbibliothek. Wollten die Menschen nicht vor die ihnen unbekannte Kamera treten, wurde nachgeholfen: Mit Drohungen, Prügel oder Schnaps. Ängstlich und leer ist der Blick der Menschen, deren Porträt auf diese Weise erzwungen wurde. Einige stehen neben einem Zentimetermaß. Die Köpfe anderer sind als Frontal- und Seitenansicht auf Karton aufgeklebt, ähnlich einer Verbrecherkartei. Diese Fotos sind überaus verstörend, denn man spürt, welch abwertendes Menschenbild sie möglich gemacht haben. Asketen mit Vorhängeschloss am Penis sind zu sehen, zaghafte Tänzerinnen, Jäger, die im Atelier posieren müssen. Den Fotografierten gelingt es unterschiedlich gut, einen Rest ihrer Würde zu behalten. Doch keinem der zwecks Typologisierung Abgebildeten macht es Spaß, vor die Kamera zu treten. Der von den Kuratoren gewählte Ausstellungstitel „Das Koloniale Auge“ trifft dieses Machtgefüge sehr genau. Fotografie ist eine Beziehungstat, das zeigt kaum eine Foto-Ausstellung so deutlich wie diese. Da die Belichtungszeit damals etwa fünf Sekunden betrug, musste der Fotografierte mitmachen, damit der Fotograf ein scharfes Bild erhielt. Bei den Maharadscha-Porträts spürt man den wechselseitigen Respekt. Doch je abwertender der Blick des Fotografen, desto stumpfer blickt der Fotografierte zurück.

Text: Stefanie Dörre

Foto: Staatliche Museen zu Berlin/Ethnologisches Mueum

„Das Koloniale Auge – Frühe Porträtfotografie in Indien“ Museum für Fotografie, Jebensstraße 2, Charlottenburg, Di-So 10-18 Uhr, Do bis 22 Uhr, bis 21.10.

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