Ausstellungen

Fünf Kurzkritiken zu „Based in Berlin“

Mariechen_DanzEtwas zu homogen
Meine Favoriten: Schlau und schön: Kajsa Dahlberg hat die Studenten-Anmerkungen aller in Berliner Bibliotheken verfügbaren Übersetzungen von Virgina Woolfs „A Room of One’s Own“ in einem einzigen Reclamheft verdichtet und davon 10.000 drucken lassen – und zeigt damit auch, wie großartig der Text und das Reclam-Design sind. Kommunikation und Körper sind die großen Themen bei Mariechen Danz, von deren Arbeiten eine unglaubliche Energie ausgeht. Trevor Lloyd zeichnet seine Mutter mit linker Hand und auf dem Kopf stehend. Eine Rückkehr zur Basis, wie auch Fiete Stoltes schlafender Körper, in Beton abgedrückt.
Gesamturteil: Im Hamburger Bahnhof ist eine Art überspanntes Möbelgeschäft aufgebaut, der Großteil der Arbeiten präsentiert Regale, Espressotassen oder mit Servietten überhäufte Tische. Für alle, die die Schrecken der Warenwelt nicht kennen? Den Ort meiden, diese Mimikry an die Banalität des Alltags entnervt. Was auch auf fast alle gezeigten Werke im Bereich Malerei zutrifft. Hier galt offenbar das kuratorische Diktum, eingeladen wird, wer auf hässliche Muster referiert. Doch sonst findet sich vor allem in den Bereichen Installation, Skulptur, Performance, eingeschränkt auch Video, vieles, was sehr anregend ist. Ganz toll: Simon Fujiwara in der Berlinischen Galerie, eine narrative Installation mit unzähligen Subtexten. Trotzdem ist die Schau insgesamt etwas zu homogen, es bleibt das Gefühl, das kann doch nicht alles gewesen sein.               

Text: Stefanie Dörre

Bewertung: Sehenswert


Nur eine Karikatur
Meine Favoriten: Christian Diaz Orejarena hat das Richtige getan. Genervt von einem undurchsichtigen System, in dem drei total wichtige Oberkuratoren fünf Hauptkuratoren dabei begutachten, wie sie zum Beispiel einen Projektraum wie After the Butcher dazu einladen, eine Ausstellung im dritten Stock der Kunst-Werke zu gastkuratieren, hat der von Thomas Kilpper eingeladene Orejarena noch einen draufgesetzt und hoffentlich das ganze Modell zur Kenntlichkeit entstellt: Er stellte am 9. Juni zwischen 14 und 16 Uhr „The Youngest Berlin Based Artists At KW With New Works“ vor. Warum man von denen noch nie gehört hatte? Nun ja: Durchschnittsalter 15. Dennoch ging es fast zu wie bei den Großen – Abhängen auf Bastmatten und „junge Künstler zeichnen alles für einen Euro“ – das klingt schon ganz schön nach Grundstudium an der UdK. Dazu zeichnete man nach dem Wowi-Porträt von Clegg & Guttmann Karikaturen des Regierenden.
Gesamturteil: Verdienterweise wurden diese Karikaturen gezeichnet, schließlich handelt es sich bei Based in Berlin ja auch sowohl in der Organisation als auch in der Kommunikation um die Karikatur eines ernst zu nehmenden Projekts. Einziger Pluspunkt der ganzen Chose: Dass Kunst nicht nur schön ist, sondern auch viel Arbeit macht, und dass irgendjemand diese Arbeit auch bezahlen sollte, ist richtig. Und wichtig.      

Text: Gunnar Luetzow

Bewertung: Ärgerlich


Viel Ratlosigkeit im Happening
Meine Favoriten: „Astronauts saw my work and started laughing“, steht auf dem Schildchen vor den Bohnen, die Petrit Halilaj neben den Bunker gepflanzt hat. Wilde Brennnesseln mussten weichen für das zarte „Kultur“-Pflänzchen, über dessen Kunstwert man streiten oder eben schmunzeln kann. Ernsthaft dagegen die Wandreliefs von Alexandra Leykauf, theatralische Räume von eigenartiger Ruhe und unverwechselbarer Originalität. Die bestimmt auch die Gedanken des Duos Jay Chung & Q Takeki Maeda, das den politischen Werdegang Klaus Wowereits mit Fotos seiner früheren Herausforderer nachzeichnet. Interessante Idee: Wer uns da erspart blieb – womöglich nur eine Frage der Optik?
Gesamturteil: Wie ein großes Happening mutet der Überblick über die „emerging artists“ an. Die Unterhaltungsmaschinerie Kunst wirkt dabei allerdings recht ausgelaugt. Titel wie „Afraid of being made“ (Roseline Rannoch) oder „Nothing to see, nothing to hide“ (Mandla Reuter) zeugen von der Ratlosigkeit einer mutlosen Generation, die nur ungern große Themen anpackt. Wer ein Ölbild mittels Altöl-Getröpfel aus einem Kanister vorstellt (Rocco Berger), trägt bei zu einer schwachen Auslese zwischen Hippie- und Konzeptkunst, die wohl nicht umsonst den Begriff „Leistungsschau“ scheut. Einige Namen wird man sich trotzdem merken: Matthias Fritsch etwa, Trevor Lloyd und die eingangs Genannten.

Text: Andrea Hilgenstock

Bewertung: Annehmbar


Huch, so ein großes Ding!
Mein Favorit: Die Mixed-Media Installation „Phallusies“ (An Arabian Mystery, 2010) von Simon Fujiwara. Die Installation dokumentiert mit Baustellengerät, Video- und Fotomaterial sowie Aussageprotokollen, wie unter den Fundamenten eines Museumsgebäudes irgendwo in der Wüste ein gewaltiger Phallus entdeckt wird. Das steinerne Artefakt verschwindet dann allerdings spurlos. Ein erotischer Krimi in Arabien? Die Wahrheit legt Fujiwara in die Hände des britischen Ausgrabungsteams. Die vier raubeinigen Zeugen der Entdeckung rekonstruieren nicht nur die Geschichte des Funds, sondern bilden auch den meterlangen Phallus samt Wüstenstaub nach. Der 1982 in London geborene Fujiwara führt mit seiner amüsanten Inszenierung die britische Kolonialsicht auf die Welt ad absurdum und hinterfragt den Einfluss individuellen Erlebens auf das kollektive Gedächtnis.
Gesamturteil: Nach heftigen Diskussionen ist die staatliche Kunstförderungsschau zu einem guten Ergebnis gelangt. Herausragend ist die Künstlerparade dennoch nicht. Es gibt wenig Überraschungen oder Neues. Auch die Frage nach dem Sinn einer Berliner Kunsthalle bleibt offen, wird doch ausgerechnet der Hauptausstellungsort, das Atelierhaus am Monbijouplatz, im Herbst eingerissen. Das temporäre Hochblubbern junger Kunst aus Berlin könnte dennoch zur Methode werden. Immerhin bekommen die Künstler enorme Aufmerksamkeit, was manche klug für sich nutzen werden.            

Text: Laila Niklaus

Bewertung: Sehenswert


Kuratorische Diplomatie
Meine Favoriten: Von ihnen stammen interessante Details: Pantha du Prince, Ming Wong, Rocco Berger, Mandla Reuter, Kajsa Dahlberg, Nina Beier.
Gesamturteil: Klaus Wowereit müsste mit Based in Berlin eigentlich sehr zufrieden sein: Dies ist eine Ausstellung, in der es in zweiter Linie um Kunst, in erster Linie um ein Lebensgefühl geht (das sich auf die Stadt zurückbeziehen lässt). Ein neuer Ort wurde gefunden, vorhandene Orte wurden einbezogen, wir durchqueren Berlin auf den Pfaden dieser kuratorischen Diplomatie und sammeln ein, was zwischen Biennalen, documenten, Gallery Weekends und sonstigen Shows und Schauen gerade noch so bleibt. Nicht genug, und das liegt nicht nur an den einzelnen Arbeiten, die in dieser Präsentation zu Teasern ihrer eigenen Ideen werden. Wegen der guten Location im Monbijoupark wird man Based in Berlin vielleicht in Erinnerung behalten, lieber nicht aber wegen öder Großgesten wie den Brummern von Oliver Laric, für die eigens eine Bühne in den Himmel gebaut wurde, von der man nun toll auf die Synagoge und die Museumsinsel schauen kann.          

Text: Bert Rebhandl

Bewertung: Zwiespältig

Foto: Galerie Tanja Wagner, Berlin

Based in Berlin bis 24.7., Eintritt frei; Atelierhaus Monbijoupark, Oranienburger Straße 77, Mitte, tgl. 12–24 Uhr. Weitere Ausstellungsorte: KW Institute for Contemporary Art, Hamburger Bahnhof, n.b.k., Berlinische Galerie; Eintritt frei, reguläre Öffnungszeiten

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