Ausstellungen

Galerist Werner Müller im Interview

werner_muellertip: Die Galerie Zwinger eröffnete 1986 in der Dresdener Straße in Kreuzberg, damals ein Paradies für schräge Vögel und wilde Partys. Der Ladenraum maß gerade mal 20 Quadratmeter und war höher als breit. Wie kamen Sie in der Zeit zu einer Galerie? Werner Müller: Das Filmemachen war meine eigentliche Passion, aber Anfang der 80er-Jahre gab es in Deutschland keine Chance für ein Kino, wie es mir vorschwebte. Die Tätigkeit des Galeristen bot interessanten Ersatz. Es gibt Ähnlichkeiten zum Filmemachen. Das Zusammenführen unterschiedlicher Künstler und Talente wird nie langweilig. Nach Marcel Proust macht man im Leben sowieso immer das, was man am zweitbesten kann.

tip: Berlin hatte im Vergleich zum Rheinland einen geringen Stellenwert im deutschen Kunstmarkt. Wie haben Sie angefangen?
Müller: Angetreten bin ich nicht mit einem ausformulierten Konzept. Eines jedoch war klar: Keine expressive Malerei, weder abstrakt noch figurativ. Westberlin war voll davon, und anderes drang kaum durch. Es gab eine Reihe von Mitstreitern in der Presse und Kunstszene. Wir bekamen schnell große Aufmerksamkeit.

tip: Noch heute vertreten Sie die Künstler, mit denen Sie anfingen, wie Eran Schaerf, Ulrike Grossarth, Heinz Emigholz, Susi Pop, Ueli Etter, Nikolaus Utermöhlen und Käthe Kruse von Die Tödliche Doris.
Müller: Alle diese inzwischen „gestandenen“ Künstler sind noch unterwegs und bieten Überraschungen, ausgenommen Nikolaus Utermöhlen, der vor 15 Jahren jung verstorben ist. Sie zeichnen sich durch scharfe Intellektualität aus, was allerdings auch verhindert, dass sie vom Mainstream des Kunstmarkts aufgenommen werden. Man wird als Galerist zum Spezialisten für ungewöhnliche künstlerische Positionen und backt etwas kleinere Brötchen. Im Wesentlichen ist die Galerie ein Einmannbetrieb geblieben.

tip: Nach der Wende kam es zu einer spektakulär anwachsenden Kunstszene, die sich zunehmend kommerzialisierte. Nur wenige Galerien Ihres Schlags bestehen noch heute. Was unterscheidet Ihre Arbeit von dem Wirken der jüngeren Generation? Müller: Vor 25 Jahren gab es den Ausbildungsberuf des Galeristen oder Kulturmanagers noch nicht. Man legte einfach los, aus einem idealistischen Interesse am Gegenstand heraus, und brauchte auch noch nicht viel Geld dafür. Heute steigen die jungen Neugründer ganz anders ein: professionell, versorgt mit genügend Kapital, um sofort einen Standard zu behaupten, der einen Platz im Kunstmarktgefüge garantiert. Manche mögen sich auch vom Glamour des Kunst-Jetsets verführen lassen. Es wird inzwischen so viel Geld umgesetzt, dass man nicht automatisch als Spinner abgetan wird, wenn man sich mit Kunst beschäftigt.

Ulrike_Grossarthtip: Als Jubiläums-Ausstellung zeigen Sie eine Einzelschau zu Ulrike Grossarth. Deren Zeichnungen, Projektionen und Malereien (Abb.) beziehen sich auf Fotografien von Stefan Kielsznia, der in den 1930er-Jahren das jüdische Viertel in Lublin fotografierte. Was gefällt Ihnen an Grossarths bildnerischen Reflexionen?
Müller: Genau das: Es sind Bild gewordene Reflexionen. Ulrike Grossarth betont immer, dass es ihr nicht allein um die Herstellung von Kunstwerken geht, sondern um die Generierung von erfahrbaren und anschaulichen Denkräumen. Das gibt ihr die Freiheit, völlig unkonventionell mit ihren künstlerischen Mitteln umzugehen.

tip: In den 90ern sind Sie mit Ihrer Galerie nach Mitte umgezogen, dieses Jahr ins nördliche Schöneberg. Weil die Gegend angesagt ist?
Müller: Trends gingen immer an mir vorbei. Auch die Künstler, die später hinzukamen, wie Gunter Reski, Gerhard Faulhaber oder Birgit Schlieps, habe ich nicht angefragt aus dem Kalkül heraus, sie könnten einen angesagten Zeitgeist repräsentieren. Interessiert bin ich an eigenwilligen, vielleicht solitären künstlerischen Positionen. Die Entscheidung für die Mansteinstraße hat wenig mit dem Hype um die Potsdamer Straße zu tun.

Interview: Laila Niklaus

Fotos: Zwinger Galerie

Galerie Zwinger Mansteinstraße 5, Schöneberg, Di–Sa 12–18 Uhr, Ulrike Grossarth: „Ulica Nova“ bis 17.12.2011

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