Ausstellungen

Gallery Weekend 2013: 13 Ausstellungen, die man nicht verpassen sollte

ourtesyRobertMontgomeryKoeln

Mi 24.4.
Mittwoch ist in Berlin noch immer der Tag, ab dem man als Angehöriger der Ausgehgesellschaft fünf Tage wach zu bleiben hat. Deswegen zelebriert man den Auftakt des Gallery Weekends auch am besten dort, wo die Feierprofis schon ganze Jahre außerhalb der Zeit verbracht haben: im wilden Brachland um die Jannowitzbrücke, das von der KaterHolzig-Crew jetzt mit einer Galerie erweitert wird. Da zeigt AJL Art eine nächtlich leuchtende Installation des Londoner Künstlers Robert Montgomery mit dem passenden Titel: „The City Is Wilder Than You Think“. Stimmt so!
AJL [email protected], Michaelkirchstraße 23, Mitte, Eröffnung 24.4. 19 Uhr bis open end, www.ajlart.com

Warum einfach, wenn es kompliziert geht? Matthias Held, der kein Galerist oder Kurator sein will, lädt sich den China-Experten Drew Hammond ein – der wiederum das kontroverse chinesische Künstler-Paar Sun Yuan und Peng Yu beauftragt, vier ihrer Meinung nach relevante Positionen aus dem zeitgenössischen Kunstkontext Chinas für eine Ausstellung auszuwählen. So reisen, inspiriert von Marcel Duchamps „Boоte-en-valise“, Arbeiten von Guan Shi Yin, Xiao Han Si, Zhe Gang, Li Ni und Nao Mi in einem Koffer um die halbe Welt zu „Maximum Self Part 1.“. Den zweiten Teil der Ausstellung bestreiten im September in Berlin ansässige international bekannte Künstler.
Heldart, Bülowstraße 98–100, Schöneberg, Eröffnung 24.4. 19–22 Uhr, 25.–28.4. 14–19 Uhr, 29.+30.4. 17–19 Uhr

Neues aus der Abteilung „Auferstanden aus Ruinen“: Nachdem immer mehr junge Künstler ihre Ateliers nach Hohenschönhausen, Weißensee oder Rummelsburg verlegen, zieht nun auch Großsammler Axel Haubrok in den wilden Osten. Auf dem Gelände der ehemaligen Fahrbereitschaft des DDR-Ministerrats zeigt er zum Gallery Weekend mit „art & project bulletins 1968–1989“ und „abstrakt“ gleich zwei Ausstellungen. Letztere versammelt spannende Positionen von Künstlern wie Raoul de Keyser, Günther Förg, Rodney Graham, Lone Haugaard Madsen, Jacob Kassay, Imi Knoebel, Karin Sander und Wolfgang Tillmans.haubrokprojects: FAHRBEREITSCHAFT, Herzbergstraße 40-43, Lichtenberg, Eröffnung 24.4. 19–22 Uhr, 26.–28.4. 12–18 Uhr, bis 29.6. mit Anmeldung, www.sammlung-haubrok.de
VeneKlasen_Werner_01_c_AdamReichDo 25.4.

Es gibt zahllose gute Gründe, um über das Vermächtnis der 90er-Jahre und ihre verlorenen Möglichkeiten nachzudenken – und mit der von dem Londoner Galeristen Charles Asprey kuratierten Ausstellung „Beautiful Way“ einen sehr guten, wenn auch tragischen Anlass dazu: Gezeigt werden erstmals öffentlich die Arbeitsräume des mit nur 35 Jahren bei einem Flugzeugabsturz verstorbenen Künstlers Michel Majerus, die nun seinem Werk eine dauerhafte Präsenz schaffen. Sein radikales Sampling warf Pop- und Hochkultur in einen wilden, aufregenden Mix und mittels Installation erweiterte er die Möglichkeiten der Malerei – so viel Aufbruch war so konsequent und so gekonnt in jüngerer Vergangenheit selten.
Michel Majerus Estate/Susanne Küper, Knaackstraße 12, Prenzlauer Berg, 25.–28.4. 11–19 Uhr, [email protected]

Die Eröffnung von „The Cool, The Classy And The Haunted“, der aktuellen Accrochage bei MILA, ist nicht nur Pflichtprogramm für alle classy Mitte-Hipster, die sich gerne mal im Spannungsfeld zwischen cooler Mode- und Celebrityfotografie (JD Ferguson) und von Urban Art inspirierter Malerei (Charlie Anderson) tummeln – auch alle anderen Berliner hätten eigentlich wenigstens ein Motiv, die junge, von Mailändern mit Mode-Hintergrund gegründete Galerie zu besuchen: Dort gibt es private Aufnahmen von John „Ich bin ein Berliner“ F. Kennedy und Familie zu sehen, die Mark Shaw (1921–1969) gemacht hat. Und wenn Kennedy nicht gleichzeitig „cool“, „classy“ und „haunted“ war – wer dann?
MILA Linienstraße 154, Mitte, Eröffnung 25.4. 19 Uhr, bis 11.5., cargocollective.com

Der Arabische Frühling hat die Kunst erreicht. Das zumindest lassen die weltweiten Aktivitäten des mit Basis London operierenden Netzwerks Edge of Arabia hoffen, das mit zeitgenössischen Mitteln verhandelt, was ansonsten zumindest in Saudi-Arabien öffentlich weitgehend tabuisiert bleibt. Um diese Prozesse weiterhin zu befördern, eröffnen Künstler Abdulnasser Gharem und Kunsthändler Akim Monet nun in den Räumen der Side by Side Gallery im Rahmen einer Ausstellung von Gharems Fotos, Skulpturen und Filmen ein provisorisches Büro zur Gründung einer eigenständigen Kunststiftung. Angemessenes Motto: „Have a bit of Commitment!“
Side By Side Gallery, Potsdamer Straße 81b, Tiergarten, Eröffnung 25.4. 18–21 Uhr, www.sidebysidegallery.com

Fr. 26.04
Was ist eigentlich aus „Wild“ Billy Childish geworden – dem holzschnittartigen Antifolk-Berserker, den wir in den 80er-Jahren im Hamburger Underground erlebten? Aus dem Londoner Kunstrebellen, den wir um die Jahrtausendwende im East End wiedertrafen, wo er mit der Antikunstbewegung der Stuckists gegen die etablierte Kunstszene und ihren Turner-Prize demonstrierte? Man ahnt es: Wie jeder originäre, brennende Außenseiter wurde Tracey Emins Ex-Boyfriend doch noch vom Betrieb entdeckt – und zeigt bei neugerriemschneider neue großformatige Ölgemälde mit erstaunlichen malerischen Qualitäten.
neugerriemschneider, Temporärer Ausstellungsraum, Münzstraße 23, Mitte, Eröffnung 26.4. 18–21 Uhr, bis 22.6., www.neugerriemschneider.com

Das nennt man wohl – ächz! – postmodern: Beeinflusst vom satirischen Magazin „MAD“ und einigen der schönsten Franzosen des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der amerikanische Künstler Peter Saul (Jahrgang 1934) zu einem Vorläufer der Pop Art und zog die Darstellung profaner Haushaltsgeräte einem existenziellen Gestus vor. Inzwischen selber MoMA-kompatibel, zeigt er ein halbes Jahrhundert nach seiner ersten Soloschau eine neue Serie großformatiger Ölgemälde, in denen er sich an der Ikonografie Walt Disneys abarbeitet. Staun!Veneklasen Werner, Kochstraße 60, Kreuzberg, Eröffnung 26.4., 18–21 Uhr, www.vwberlin.com

Ökonomischen Exzess, Wahnsinn und individuelle Eitelkeiten als gesellschaftliche Seelenzustände thematisiert der Amerikaner George Condo anlässlich der Leistungsschau des Berliner Galeriebetriebs – dessen oberes Segment gar nicht so schlecht von genau diesen drei Grundnahrungsmitteln lebt. Zwischen Mythologie und Groteske, Figuration und Abstraktion und zwischen Malerei und Zeichnung wildert der Mann, wo es ihm gerade gefällt  – und wer es etwas seriöser mag, ist bei dem Konzeptkünstler Joseph Kosuth und dem Minimalisten Richard Artschwager auch gut aufgehoben.
Sprüth Magers, Oranienburger Straße 18, Mitte, Eröffnung 26.4. 18–21 Uhr, bis 22.6., spruethmagers.com

FotografiesammlungArthurDeGanaySa 27.4.
DAG – das klingt nach Jim Avignon und seinen Kollegen von der „U-Kunst“-Rasselbande. Das ist nicht verkehrt, wird der Sache aber nicht mehr ganz gerecht. Inzwischen werden DAGs Werke in Ausstellungen wie „Rasterfahndung – Das Raster in der Kunst nach 1945“ gemeinsam mit Lichtenstein oder Polke im Kunstmuseum Stuttgart gezeigt. Und ganz so lustig bunt wie früher geht es bei ihm auch nicht mehr zu: In seinen neuesten schwarz-weißen Gemälden verschachtelt sich geometrisches Personal zu kontrastreichen Szenen. Mit dem Formenkanon der Suprematisten und Kon­struktivisten, den Kompositionen von Bauhaus bis Op-Art, den Rastern und der seriellen Ästhetik des Industrie- und Computerzeitalters erschafft er eine spielerische Welt, in der sich das Sichtbare nicht hinter dem Denken versteckt. Galerie Laura Mars, Sorauer Straße 3, Kreuzberg, Empfang 27.4., 16–20 Uhr, bis 18.5., www.lauramars.de
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Jenseits der international renommierten Luxus-Galerien gibt es auch an diesem Wochenende noch echte Entdeckungen wie den Kreuzberg Pavillon zu machen: So arbeitet, versteckt in einem Gartenstudio, eine Gruppe von Künstlern daran, ein „möglichst wenig Ausschluss produzierendes System der Kunst“ zu entwickeln, und hat sich mit mehr als 80 Ausstellungen und 500 KünstlerInnen seit September 2010 zu einem der aktivsten Projekträume in Berlin entwickelt. Die aktuelle Gruppenausstellung „All Coiffeurs Are Brushmakers“ versammelt Arbeiten von Shila Khatami, Jens Nippert, Patrick Farzar, Jean Kirsten und Hubi W. Jäger.Kreuzberg Pavillon, Gartenstudio, Naunynstraße 53, Kreuzberg, Eröffnung 27.4. 20 Uhr, kreuzbergpavillon.tumblr.com

Auch wenn sich viele der zum Gallery Weekend anreisenden Sammler kaum aus der VIP-Blase rausbewegen werden, ihn kann man persönlich treffen: Der junge Fotosammler Arthur de Ganay öffnet die Türen seiner in einer umgebauten Kreuzberger Marmeladenfabrik gelegenen Räume und präsentiert dort Arbeiten von Fotokünstlern wie Thomas Ruff. Ambitioniertes Ziel des an einer „modernen Form der Melancholie“ interessierten Sammlers ist es, die Gleichwertigkeit von Malerei und Fotografie zu behaupten.
Collection Arthur de Ganay, Köpenicker Straße 10a, Kreuzberg, Führung 27.4. 14 Uhr, Anmeldung: [email protected]

So 28.4.

Immer eine gute Idee für eine zünftige Afterhour ist die Musik, die die gefühlte Hälfte aller Berliner Musiker und Künstler sich nach Feierabend gibt – Country. Ehrlich, bisweilen sentimental und natürlich von Künstlern wie Laura Bruce und ihrer Band Dangerpony vorgetragen. Laura Bruce nahm 2010 im Zusammenhang mit einer Präsentation ihrer Porträtzeichnungen von Stars des Nashville Sounds ein Vinylalbum auf und hat zusammen mit dem Musiker Laurent Lavolй zehn berühmte Songs der porträtierten Country-Stars neu arrangiert.Dangerpony Konzert, NBK, Chausseestraße 128/129, Mitte, 28.4. 20 Uhr, Eintritt frei

Fotos: Courtesy Robert Montgomery, Koeln (oben); Vene Klasen Werner / AdamReich (Mitte); Fotografiesammlung Arthur DeGanay

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