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Gallery Weekend 2013: Cйdric Aurelle im Gespräch

Cederic_AurelHerr Aurelle, Sie haben sich mit dem Galerien-Austausch Berlin-Paris 2009 auf einen Schlag in der hiesigen Kunstwelt bekannt gemacht. Was motivierte Sie zu dieser Initiative?
Ich kam als Lobbyist für die französische Kunstszene nach Berlin. Hier fiel mir auf, wie wichtig die Galerien­szene war. Gleichzeitig war mir bewusst, wie groß das Interesse der Franzosen für Berlin war. Ich fragte mich, wie man mehr zusammenarbeiten könnte. So habe ich mit Galeristen gesprochen, und es entstand die Idee, diesen Austausch ins Leben zu rufen. Ich merkte auch, dass Berlin eine Stadt ist, wo die Leute sich gerne zusammentun. Unbewusst bestand da bereits eine Parallele zum Gallery Weekend.

Berlin blickte als Kunsthauptstadt bis dato gern nach Westen, Osten oder Norden, aber weniger nach Süden. Wie nehmen Sie diese Veränderungen wahr?   
Ich habe das Gefühl, dass Deutschland in der Kunstszene lange Zeit atlantisch geprägt war. Man blickte in der Nachkriegszeit, vor allem seit den 60er-Jahren, nach Amerika. Mit der politischen Wende 1989 kam es zu Veränderungen. Berlin tauchte neben Köln auf der Landkarte der Kunst-Schauplätze auf. Die Stadt profitierte zunehmend von der Globalisierung der Kunst-Welt. Es gibt ja heute viele Zentren und mit ihnen Künstler, die von überall herkommen, sei es aus Paris, Istanbul oder Sao Paulo. Auch Galerien zieht es aus der Ferne hierher. Bestes Beispiel sind Nature Morte aus Indien, die erstmals am Gallery Weekend
teilnehmen. Berlin schlägt in dieser globalisierten Welt Brücken nach allen Himmelsrichtungen.

Waren Sie überrascht, als die Initiatoren von abc und Gallery Weekend Berlin Sie fragten, ob Sie die Events managen wollen und die Marke ausbauen?  
Überrascht weniger. Ich hatte das Gefühl, die Entscheidung der Initiatoren ist ein klares Statement. Sie wählen jemand von außen, der kein Galerist ist und trotzdem ein guter Kenner der Kunstszene.


Sie sind nun der Mann für die Zahlen und die Kontaktpflege, während die Galeristen weiterhin selbst für ihr Programm verantwortlich zeichnen. Wie gestalten sich die Gespräche mit Galeristen, Politikern, Sponsoren und Institutionen? Gibt es Fortschritte zu vermelden?
Die Fortschritte sind vielfältig. So werden einige Institutionen zum Gallery Weekend Ausstellungen eröffnen, etwa die Kunst-Werke oder die Berlinische Galerie. Axel und Barbara Haubrok weihen ihr neues Projekt in Lichtenberg ein. Außerdem freuen wir uns sehr, die Zusammenarbeit mit unserem Sponsor BMW verstärkt zu haben. Der Senat hat indes die Kooperation zwischen den unterschiedlichen Kunstakteuren im Rahmen der Berlin Art Week im Herbst ermuntert. Dies zeigt, dass alle an einem Strang ziehen wollen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Gallery Weekend Berlin?
Sehr positiv, weil die Galerien eine Stärke der hiesigen Kunstszene sind.

Wo wollen Sie die Veranstaltung positionieren im internationalen Ranking, auch mit Blick auf die Messen?
Berlin ist eine Stadt, in der es eine große Anzahl an international agierenden Galerien gibt, die auch kuratorisch arbeiten. Der Galerieraum ist wie ein Kondensat der Kunstwelt. Hier treffen Künstler, Werke, Kunstfreunde, Sammler und Markt aufeinander. Hier funktioniert eine bestimmte Alchimie, die in einer zunehmend virtuellen Welt der Entmaterialisierung und Informationsflut so sonst nicht mehr funktioniert. Man kann die Werke nur hier wirklich verstehen lernen. Zu den Messen stellt das Weekend eine gute Ergänzung dar.   

In diesem Jahr nehmen 51 Galerien teil, die in Berlin ansässig sind. Was erwartet die Besucher?
Künstler von der Klassischen Moderne mit dem italienischen Impressionisten Medardo Rosso bei Wolfgang Werner bis zu hippen Newcomern wie dem 26-jährigen Maler Oscar Murillo bei Isabella Bortolozzi oder Alex Israel bei Peres Projects. Daneben sind viele Stars der Kunstwelt vertreten. Ugo Rondinone bei Esther Schipper oder Isa Genzken bei Neugerriemschneider etwa. Hinzu kommen zeitgenössische Altmeister, Joseph Kosuth bei Sprüth Magers oder Jan Dibbets bei Konrad Fischer.

Gibt es besondere Schwerpunkte oder Trends?
Die Malerei zeigt eine steigende Präsenz – Tomma Abts, George Condo, Maria Lassnig, um nur einige Namen zu nennen. Außerdem lässt sich die Tendenz erkennen, in Wohnungsräume zurückzukehren, nachdem in den Nullerjahren gerne große Hallen bezogen wurden. Die Galerien Buchholz, Klosterfelde und andere nutzen heute die Belle Etage gediegener Altbauwohnungen. Vielleicht hat dieses Phänomen mit einer Rückkehr zu mehr Intimität und Gemütlichkeit zu tun. Übrigens sind diesmal noch zusätzliche Räume zu entdecken. Der Münzsalon mit dem Maler Billy Childish etwa oder die St.-Agnes-Kirche, wo die Bildhauerin Alicja Kwade ausstellt.  

Die Liste der Künstler weist von Monica Bonvicini bis zu Jorinde Voigt mehr Frauen als Männer auf. Schlägt jetzt die Stunde der Frauen am Kunstmarkt?
Ich glaube, das stimmt, zumindest teilweise. Künstlerinnen haben am Kunstmarkt nicht die gleichen Chancen. Auf Auktionen werden ihre Werke kaum gehandelt, weil sie keine hohen Preise bringen. Deutschland ist ein gutes Beispiel. Ich habe das Gefühl, dass Frauen in Deutschland benachteiligt wurden in beruflicher Hinsicht. Erst seit wenigen Jahren sind sie im Kommen, etwa als Museumsdirektorinnen. Auch unter den Galeristinnen gibt es viele Powerfrauen.

Wie viele Sammler wollen das Gipfeltreffen der Stars in diesem Jahr besuchen?
Rund 1?000 Sammler, die eingeladen wurden, werden die Stadt besuchen. Aber es gibt auch solche, die spontan kommen. Schätzungsweise 10?000 bis 20?000 Leute wird das Gallery Weekend anziehen. Selbst aus Südamerika reisen Sammler nach Berlin.

Gibt es in Paris, London oder New York eigentlich ähnliche Ver­anstaltungen?
Wenn es so etwas gäbe, hätte man davon gehört! Nein, ich glaube, dass das Gallery Weekend inzwischen ein Synonym für Berlin in der Kunstwelt ist.

Im Vergleich mit diesen Metropolen, wo sehen Sie das Potenzial der deutschen Kunst-Hauptstadt?  
Das Potenzial liegt in dem, was vorhanden ist, ein toller Nährboden in Form des kreativen Austauschs, von immer noch günstigen Mieten und viel Spielraum für die Künstler und Galeristen. Im Vergleich zu London, Paris oder New York ist dieser Spielraum enorm. Daneben profitiert die Stadt vom wachsenden Zuzug der Leute aus der Kreativwirtschaft. Berlin ist nicht mehr die arme Stadt, die es einmal war, selbst wenn es noch eine arme Stadt ist.

Interview: Andrea Hilgenstock

Gallery Weekend Berlin 26.–28.4., Fr 18–21 Uhr, Sa+So 11–19 Uhr, www.gallery-weekend-berlin.de

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