Ausstellungen

Gallery Weekend 2014

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Julian Becks Gemälde „Untitled“ in der Galerie Supportico Lopez. Foto: Nick Ash / Fondazione Morra, Naples and Supportico Lopez, Berlin

Das Gallery Weekend wird erwachsen. Viele Altstars sind mit neuen Arbeiten dabei – darunter Blütenstaubkünstler Wolfgang Laib, Exzess-Maler Arnulf Rainer oder das Schweizer Künstlerduo Peter Fischli und David Weiss. Aber auch unbekannte Namen wie Achraf Touloub, Wu Tsang oder Ned Vena bieten die von Berlin aus international agierenden Galerien auf. Das Spek­trum ist so breit wie die Hauptstadt bunt. Dass das Geschäft mit der Kunst globaler geworden ist, merkt man der Künstlerliste an, auch, dass viele Amerikaner anreisen. Sie dürfen sich über alte Vertraute wie Pae White, Gordon Matta-Clark oder Malerstar Richard Phillips freuen. Gerade die Mixtur aus etablierten und zu entdeckenden Positionen macht den Reiz des Gallery-Hoppings aus. Auswahl und Texte: Andrea Hilgenstock

Big Name

Wer Mark Rothko kennt und Jackson Pollock, kommt an Philip Guston nicht vorbei. Er gehörte in den 50er-Jahren zu den wichtigsten Abstrakten Expressionisten. Am internationalen Auktionsmarkt ist er ein Riese, in deutschen Museen hingegen ein Phantom. 1970 löste Guston einigen Aufruhr in der New Yorker Kunstszene aus, als er sich entschloss, figurativ zu malen. „Ich hatte diese ganze Reinheit der abstrakten Malerei satt. Ich wollte Geschichten erzählen.“ Das tat er fortan bis zu seinem Tod 1980. Derzeit wird sein ­Spätwerk in den Hamburger Deichtorhallen gezeigt. Da trifft es sich gut, dass Aurel Scheibler den Vorreiter der postmodernen figürlichen Malerei nach Berlin holt. Es ist seine zweite Soloschau und überhaupt erst die zweite in einer deutschen Galerie. Die Gemälde und Zeichnungen stammen aus dem gut gehüteten Nachlass des Malers.
Aurel Scheibler Schöneberger Ufer 71, Tiergarten

Newcomer

Die Galeristen Nicole Hackert und Bruno Brunnet haben in den 90er-Jahren Jonathan Meese, Daniel Richter und Tal R entdeckt, also eine gute Nase für Individualisten bewiesen, die Trends zu setzen vermochten. Nun gibt die nächste Generation ihre Visitenkarte ab: Borden Capalino, Sachin Kealey, Rosy Keyser, Sam Moyer und Kaari Upson. Die mehrheitlich weiblichen Künstler nehmen Anleihen beim Minimalismus, arbeiten mit Fundstücken, verweigern schöne Aussichten. Weniger scheint derzeit wieder mehr, die reduzierte Geste, Farbigkeit und Materialität sind hip. Insofern mag der Titel der Schau „Maximalism“ in die Irre führen. Er nimmt auch eher die Grenzen des Tafelbildes und der Bilderproduktion ins Visier, die hier erforscht und ausgereizt werden. Keiner der fünf vorgestellten Künstler braucht dazu noch einen Pinsel!
Contemporary Fine Arts Am Kupfergraben 10, Mitte

Kamerahelden

Eine der ersten Fotoadressen der Stadt ist die Galerie von Rudolf und Annette Kicken. Sie schicken eine Handvoll zeitgenössischer Fotokünstler ins Rennen, die sich mit Mensch, Tier, Stadt und Naturzerstörung auseinandersetzen. Während Alfred Seiland antike Stätten zeigt, die von Besuchern regelrecht gestürmt werden, ist Hans-Christian Schink den Spuren eines Tsunamis nachgereist. Seine Landschaftsbilder sind stille Mahnzeichen. Joachim Brohm wurde gewissermaßen vor der Haus­tür fündig und entdeckt in „Ruhrstadt“ das Wesentliche im scheinbar Nebensächlichen. Wie Forscher mit der Kamera sind sie unterwegs. Charles Frйger erkundet die Kulturgeschichte des „Wilden Mannes“, einer Fastnachtsfigur aus Südeuropa. Das Reisen gehört für viele Fotografen eben dazu. Ferne Länder versprechen ausgefallene Schüsse.
Kicken Berlin Linienstraße 161?a, Mitte

Historisch

Es gibt sie nicht nur bei Newcomern, sondern auch bei wiederzuentdeckenden Künstlern: Namen, die selbst für das Expertenohr fremd klingen. Gerhard von Graevenitz, den der Kunsthändler Wolfgang Werner aus der Versenkung holt, zum Beispiel. Der Mann war 1962 Mitbegründer der internationalen Gruppe Nouvelle Tendance. Die neuen Tendenzen, mit denen er sich befasst, sind Licht, Raum, Zeit, Struktur, Zufall und Progression. Außerdem bezieht er den Betrachter in den kreativen Prozess mit ein. Heute nichts Ungewöhnliches mehr. Gezeigt werden monochrome, weiße Strukturen und Prägedrucke sowie kinetische Licht-­Objekte des 1983 verstorbenen, experimentierfreudigen Künstlers.
Kunsthandel Wolfgang Werner Fasanenstraße 72, Charlottenburg

Weiterlesen: Die 38-jährige Maike Cruse verantwortet dieses Jahres das Gallery Weekend Berlin. Mit uns hat die Kulturmanagerin über die Highlights der Jubiläumsausgabe gesprochen

Theaterlegende

Bei Supportico Lopez setzt man ebenfalls auf eine Wiederentdeckung. Die 2003 in Neapel von zwei Künstlern und einem Kurator ins Leben gerufene Galerie zog vor sechs Jahren nach Berlin und hat sich hier gut eingeführt. Erstmals in Deutschland werden jetzt Gemälde und Zeichnungen der amerikanischen Theater-­Legende Julian Beck vorgestellt. Der Schauspieler, Regisseur und Gründer des Living Theatre war auch Maler und Poet, ein Gesamtkunstwerker im besten Sinne. 1925 in New York geboren, versuchte er sich in den 1940er-Jahren als expressionistischer Maler. Aus dieser Zeit bis 1958 stammen die gezeigten Arbeiten. So etwas sieht man nicht alle Tage – eine echte Rarität!
Supportico Lopez Kurfürstenstraße 14?b, Tiergarten

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Alfred Seilands „Mount Nemrut“ bei Kicken Berlin. Foto: Alfred Seiland / Courtesy Galerie Kicken Berlin

Aufsteiger

Der Bildhauer Michael Sailstorfer hält sich schon rund zehn Jahre am Markt. Dabei ist er erst 35 Jahre alt. Den Dingen flößt er neues Leben ein, indem er sie adaptiert, deformiert und in andere Zusammenhänge stellt. Demnächst wird er im Haus am Waldsee eine Werkschau bestreiten. Aktuell bespielt er die Kirche St. Agnes mit der Videoarbeit „Antiherbst“. Über Wochen wurden dafür einem Baum die Blätter wieder angeheftet. Diese Langzeit-Performance fand im Herbst zur EMSCHERKUNST auf dem Rheindeich statt. Der Film dokumentiert die Sisyphus­arbeit. Auch die Amerikanerin ­Jessica Jackson Hutchins, Jahrgang 1971, ist eine Verwandlerin wie der Niederbayer, der Duchamp’schen Spürsinn mit dem Humor eines Karl Valentin verbindet. Bei ihr werden Haushaltsobjekte und Möbel zu rauen Kunststücken. Ihr erster Auftritt bei Johann König in der Dessauer Straße offeriert Skulpturen, für die sie Möbel amputiert und bemalt hat und mit Keramikfiguren verbunden.
Johann König Dessauer Straße 6-7 u. ­Alexandrinenstraße 118-121, Kreuzberg

Weiterlesen: Der Verein Meinblau präsentiert zum ?Gallery Weekend eine Marathon-Performance

Bodenarbeiterin

Auf der vergangenen Art Basel Miami Beach präsentierte Sabine Schmidt eine Soloschau der 33-jährigen Nadira Husain. Jetzt breitet die indisch-französische Künstlerin indische Puderfarbe auch auf Berliner Boden aus. Ungewöhnliche Materialien setzt die in Paris und Berlin lebende Malerin ein. Ihre Installation besteht neben einem ephemeren Puder-Gemälde aus skulpturalen Elementen. Es geht um die Verbindung indischer Miniaturen und zeitgenössischen Comics sowie um die Sprengung des Zweidimensionalen zugunsten einer dritten Dimension. Ein reizvolles Environment von zarter weiblicher Hand.
PSM Köpenicker Straße 126, Kreuzberg

Altmeister

Erstmals nimmt Michael Kewenig am Gipfeltreffen Gallery Weekend teil. Nach 25 Jahren in Köln eröffnete er im Herbst feine Räume in Mitte. Der Galerist baut auf einen seiner Stammkünstler, Altmeister Bertrand Lavier. Der gibt nun sein spätes Debüt in einer Berliner Galerie. Die Frage, was ein Objekt zur Kunst macht, die viele Jüngere umtreibt, verfolgt der Franzose, ähnlich wie Hans-Peter Feldmann, schon seit Jahrzehnten. 2013 widmete das Centre Pompidou dem Maler und Bildhauer eine große Schau. Eine Art Retrospektive mit Werken verschiedener Schaffensphasen, auch brandneue, kann man jetzt vor der Haustür erleben. Darunter einen rabenschwarz übermalten Bechsteinflügel sowie Beispiele aus seiner Serie der „Walt Disney Productions“. Was Mickey Mouse wohl dazu sagen würde?
Kewenig Brüderstraße 10, Mitte

Weiterlesen: Extravagante Locations machen Kunst noch einmal anders erfahrbar als der klassische White Cube

Videokünstler

Er begann als Kunstmaler, ist aber längst ein gefragter Videokünstler. Der Belgier David Claer­bout, Jahrgang 1969, zählt zu den wenigen Teilnehmern, bei denen Filmtechnik, Ton und digitale Medien zum Einsatz gelangen. Wichtiges Thema für ihn, der in Antwerpen und Berlin zu Hause ist: die Verlangsamung. Zum 30-jährigen Jubiläum der Johnen Galerie sah man Vogel und Katze in stummer Eintracht beieinanderhocken. Zum Massaker kam es in dem stillen Videofilm nicht. Im Rotwang Haus sind jetzt drei neue Videoinstallationen zu betrachten. „The Travel“ ist der spektakuläre Versuch, Musik ins Bild zu setzen. Die Kamerabewegung führt durch einen Wald, der komplett am Rechner erzeugt wurde. Bei dieser atemberaubenden Visualisierung geht die Post ab.
Johnen Marienstraße 10, Mitte

Kontrast

Seine Blondinen sind nicht nur am Auktionsmarkt begehrt. ­Richard Phillips ist ein Liebling der amerikanischen Kundschaft. Er malt gern große Formate in ­Werbe- und Pin-up-Ästhetik, woran auch seine vierte Soloschau bei Max Hetzler erinnert. Im Fokus: das Topmodel Catrinel Menghia, das auf den Gemälden mit der Pop-Art und den Werken von Jeff Koons posiert – freizügig, versteht sich. Am zweiten Standort der Galerie nahe dem Steinplatz findet sich ein Kontrastprogramm: Nicht figurativ, sondern abstrakt geht es dort zu. In seiner ersten Einzelschau in Deutschland wartet der 39-jährige Engländer Robert Holyhead mit kleinen Formaten in Öl auf. Er hat zwar schon in der Tate Britain ausgestellt, ist aber trotzdem noch ein Newcomer.
Galerie Max Hetzler Bleibtreustraße 45 u. Goethestraße 2-3, Charlottenburg

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