Kunstfestival

Gallery Weekend 2017

Die Galerie als Sehhilfe: Das Gallery Weekend vom 28. bis 30. April ist in den Galerien der Höhepunkt des Jahres: Wir haben drei spannende Kunst-Touren vorsortiert

1. Stanley Whitney arbeitet seit den 1960er-­Jahren an seiner eigenen Form abstrakter Malerei. Auf quadratischen Leinwänden reiht er annähernd rechteckige Farbflächen aneinander, wobei Form und Farbwahl diesen einen jeweils ganz spezifischen Rhythmus verleiht. Fast kann man diese Abfolge von Farbe und Form als Notation bezeichnen. Kein Wunder eigentlich, malt Whitney doch in enger Beziehung zur Musik, vor allem zum Jazz, was sich auch in vielen Titeln seiner Werke niederschlägt. Auch wenn er, vor allem in New York, in Künstlerkreisen seit langem bekannt ist, kam sein internationaler Durchbruch erst im Jahr 2015 im Anschluss an seine Ausstellung im Studio Museum Harlem. Seitdem reiht sich Ausstellung an Ausstellung. Er ist auch auf der diesjährigen Documenta sowohl in Athen als auch in Kassel vertreten.
Zum Gallery Weekend kann man sich jetzt auch in Berlin bei Niels Borch Jensen mit den frisch aufgelegten Editionen Whitneys auseinandersetzen. Der Maler nähert sich diesem zeichnerischen Medium auf experimentelle Weise. Die Rhythmisierung der Fläche bleibt bestehen, in den als Auflagen hergestellten Drucken hat er sich jedoch für eine monochrome Palette entschieden und verdoppelt die Rhythmisierung, indem er von der Flächigkeit, die sein Werk sonst auszeichnet, abweicht und zeichnerisch die einzelnen Felder mit Linien und Abstufungen zwischen weiß, grau und schwarz in sich selbst noch einmal in Schwingung versetzt.
Im Anschluss bietet sich an ein Besuch im Nebenhaus bei Zak | Branicka an, wo Robert Kusmirowski den gesamten Galerieraum transformieren wird. In einer zweiten Ausstellung in der Encode Factory präsentiert er zudem fiktive Musikapparate und entwirft eine alternative Musikgeschichte. Danach weiter zu den neuen Skulpturen und Zeichnungen von Thomas Schütte bei Carlier | Gebauer, auch von der Räumlichkeit her eine der interessanteren Galerien in Berlin. Im selben Gebäudekomplex stellt Barbara Thumm eine großartige Installation der peruanischen Künstlerin Teresa Burga aus den siebziger Jahren aus, die sich tatsächlich nahtlos in den zeitgenössischen Kontext einzufügen scheint. Wer dann noch Lust auf einen Spaziergang hat, kann über Johann Königs Kunst-Kirche in der Alexandrinenstraße zum Moritzplatz gehen. In dessen Umkreis haben sich in letzter Zeit spannende Galerien angesiedelt, darunter ChertLuedde (früher Chert) und Kwadrat.

Stanley Whitney Niels Borch Jensen, Lindenstr. 34 (2. Stock), Kreuzberg, bis 29.7.
Robert Kusmirowski Zak | Branicka Lindenstr. 35, Kreuzberg, bis 2.9.
Euphonia Schützenstr. 40, Mitte
Thomas Schütte Carlier | Gebauer Markgrafenstr. 64,  Kreuzberg, bis 7.6.
Conceptual Installations of the Seventies – Teresa Burga Barbara Thumm Markgrafenstr. 8, Kreuzberg, bis 29.7.
Galerie König Anselm Reyle, Michaela Meise, Holle-Vanderbilt Alexandrinenstr. 118-121, Kreuzberg, bis 21.5.
ChertLuedde Double Standards – Kasia Fudakowski Ritterstr. 2a, Kreuzberg, bis 17.6.
Kwadrat ManaMana – Björn Geipel Manteuffelstr. 92, Kreuzberg, bis 3.6.

2. Die kroatische Künstlerin Ivana Franke schaut schon jetzt auf eine beeindruckende Karriere zurück. Ihre Arbeiten sind Teil einiger der wichtigsten privaten und institutionellen Sammlungen, und sie vertrat ihr Land auf der Biennale von Venedig. Auch in Berlin, wo sie seit längerem lebt, hatte sie schon manche institutionelle Ausstellung, und so ist es fast ein Wiedersehen mit einer alten Bekannten, wenn man sich nun im Projektraum der Schering Stiftung durch ihre Kunst an die Grenzen der eigenen Wahrnehmung führen lässt.
Mit ihrem Projekt „Retreat Into Darkness. Towards a Phenomology of the Unknown.“, das schon vom Titel her wie ein wildes Crossover von Philosophie, Science Fiction und Naturwissenschaft klingt, setzt sie ihre umfassende Untersuchung der Grenzen unserer Wahrnehmung fort, die seit langem ihre künstlerische Praxis bestimmen. In der SCHERING STIFTUNG wird der Raum abgedunkelt. In der Dunkelheit schweben Lichtreflexionen in der Luft und gaukeln dem Betrachter Objekte vor, die erst still stehen, sich aber auf unerwartete Weise im Raum bewegen, wenn der Betrachter sich bewegt, und dabei gegen die Gesetzmäßigkeiten unser vorgefassten Erfahrung zu verstoßen scheinen. Es geht um das Eröffnen von neuen Wahrnehmungshorizonten, die zu einer grundlegenden Auseinandersetzung mit Wahrnehmung und alternativen Realitäten anregen.
Im Anschluss bietet sich ein Besuch im Collegium Hungaricum an. Dort wird schon seit einiger Zeit an vier Orten im Haus die Arbeit der letzten Artist in Residence Hajnalka Tarr gezeigt, die mit ihrem Interesse für subjektive Wahrnehmung und objektive Realität auch inhaltlich Überschneidungen mit dem Werk Ivana Frankes aufweist. Vom Collegium sind es nur ein paar Schritte zum Haus Bastian, in dem zum Gallery Weekend die letzten Ausstellungen gezeigt werden, bevor das Haus Ende Mai als Schenkung an die Staatlichem Museen geht. Die Galerie Bastian zeigt, neben der noch laufenden Anselm-Kiefer-Ausstellung, mit Emma Stibbon eine spannende englische Künstlerin. Und CFA  wartet mit Katja Strunz auf. Wer eine U-Bahnfahrt nicht scheut: Nach erfolgreichem Start als Gruppenausstellung im letzten Jahr hat sich Paper Positions im Bikini Berlin jetzt zu einer richtigen kleinen Kunstmesse mit Fokus auf Papierarbeiten und Zeichnung entwickelt.

Ivana Franke Projektraum Schering Stiftung Unter den Linden 32-34, Mitte 27.4.–16.7., Do–Mo 13–19 Uhr (auch zum Gallery Weekend)
Haus Bastian Am Kupfergraben 10, Mitte
Galerie Bastian Anselm Kiefer bis 13.5., emma STIBBONS  bis 8.7.
CFA / Katja Strunz bis 20.5.
Paper Positions Bikini-Berlin, Budapester Str. 81a, Charlottenburg, 28.–30.4., Fr+Sa 10–20 Uhr, So 10–18 Uhr

3. Poesie ist der Ort, wo sich bildende Kunst und Literatur besonders nahe kommen, sind doch beide ganz komprimierte und dichte Formen. Dara Friedman bringt die zwei Gattungen in ihrer Video-Installation „Dichter“ zusammen, die zum Gallery Weekend bei Supportico Lopez erstmals zu sehen ist. Für die Produktion lud Friedman im Oktober 2016 Berliner Schauspieler in ein Fotostudio zum Vorsprechen. Sie sollten mithilfe des Stimmtraining-Ansatzes von Jerzy Grotowski, also unter vollem Körpereinsatz, ein Gedicht vortragen, das ihnen am Herzen liegt. So werden die im Gedicht ausgedrückten und vom Vortragenden empfundenen Emotionen nicht nur in Worten, sondern auch über die Körper wirksam.
Aus diesem Material stellt die Künstlerin ihre Installation her. Vier große vertikale Projektionen mit je vier Gedichten,  schachbrettförmig angelegt. Durch das Abspielen der Filmstreifen in Endlosschleife kommt es zu Momenten der Stille, zu deutlich hörbaren Gedichtfetzen, manchmal gar zu einem kakofonischen audiovisuellen Überfall, wenn alle 16 Gedichte – Bachmann, Rilke, Morgenstern ebenso wie russische, englische und italienische – zufälligerweise gleichzeitig vorgetragen werden.
Im Anschluss bietet sich an ein Besuch bei Blain | Southern an, mit eher klassischer figurativer Malerei des Berliners Jonas Burgert, allerdings in gigantischem Format. Unglaubliche 22 Meter lang ist das Hauptwerk der Ausstellung. Es setzt damit auf eine Mischung aus Überwältigung und Verlorengehen in den dargestellten Details – und passt gerade einmal so in die ehemalige Druckereihalle des „Tagesspiegel“. Zweiten Zwischenstopp in der Potsdamer Straße bei Baudach, mit Jürgen Klauke bietet die Galerie einen Überblick über die Arbeiten des Ausnahmekünstlers seit den 1970er Jahren. Klauke hat mit seinem performativen Ansatz viele Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst mit angestoßen. Und am Schöneberger Ufer bei Barbara Wien wird mit Ian Kiaer ein spannender  Künstler gezeigt, der sich konzeptuell mit Architektur und Architekturgeschichte auseinandersetzt.

Dichter – Dara Friedman Supportico Lopez Kurfürstenstr. 14b, Tiergarten, bis 3.6.
Zeitlaich – Jonas Burgert Blain | Southern Potsdamer Straße 77-78 (Mercator Höfe), Tiergarten, bis 29.7
Jürgen Klauke GALERIE GUIDO W. BAUDACH Potsdamer Straße 85, Tiergarten, bis 10.6.
Endnote, tooth. – Ian Kiaer Barbara Wien Galerie und Buchshop Schöneberger Ufer 65 (3. Stock), Tiergarten, bis 28.6.

Gallery Weekend 2017 28. bis 30.4. Alle Termine siehe Tagesprogramm oder auf www.gallery-weekend-berlin.de

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