Ausstellungen

Generationswechsel im Georg-Kolbe-Museum

Julia Wallner

Nun also übergibt die Direktorin der ersten Museumsgründung nach 1945 die Leitung an die 1974 geborene Julia Wallner (Foto oben). Diese hat bereits im Kunstmuseum Wolfsburg einige spektakuläre Ausstellungen kuratiert. Dazu zählt ihre glänzende Sicht auf Giacomettis Spätwerk, in der sie es virtuos verstand, die teils winzig kleinen Büsten und Statuetten des Schweizer Bildhauers über eine Fläche von 2.000 Quadratmetern so aufzustellen, dass jedes Exponat zu seinem Recht kam.
Dagegen nimmt sich das Kolbe-Atelier bescheiden aus. Außerdem konnte sich Wallner als Kuratorin im mutmaßlich auch finanziell besser ausgestatteten Wolfsburg praktisch nach Belieben in sämtlichen Genres entfalten. So hat sie zuletzt die aktuelle Schau über Ornamentgrafik von Dürer bis Piranesi arrangiert. Was reizt sie also an der neuen Aufgabe? „Kolbe war der wichtigste deutsche Bildhauer seiner Zeit“, ist Wallner überzeugt. „Seine ausdrucksstarken Skulpturen haben bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Kolbe ging in seiner Plastik immer vom Menschen aus. Die Auseinandersetzung mit der Identität, mit dem, was uns im Kern ausmacht, ist die zentrale Frage des 20. Jahrhunderts.“
Auch dem Spannungsfeld von abstrakter und figürlicher Bild­hauerei möchte Julia Wallner erhöhte Aufmerksamkeit schenken. „Eben dem Ausloten der Grenzen dessen, was heute Bildhauerei und Skulptur ausmacht.“ Gut vernetzt ist sie spätestens seit Wolfsburg sowieso. Die Ausstellungen dort speisen sich aus internationalen Leihgaben.
Zauber des AktmodellsWallner schwebt für ihren neuen Aufgabenbereich ein stark ausgedehnter Plastik-Begriff vor. Bereits in ihrer Doktorarbeit ging sie auf die Licht-Spruchbänder von Jenny Holzer ein, die immer wieder nächtens die Neue Nationalgalerie durchzucken. „0Holzer kann man durchaus als Bildhauerin begreifen“, meint die Neu-Berlinerin, die beeindruckt war von den bunten Schriftzeichen an der Potsdamer Straße. „Georg Kolbe hat anders gesendet – aber natürlich hatte auch er ein Mitteilungs­bedürfnis, das in seinen Skulpturen plastisch zum Ausdruck kommt.“
Wallners Faible für aktuelle Kunst wird sich in ihren Ausstellungsplänen widerspiegeln: „Berlin war zu Kolbes Zeiten ein wichtiges Kunstzentrum, neben Paris wahrscheinlich das wichtigste. Heute ist es das wieder. Neben historischen Entwicklungslinien und Brüchen wird der aktuelle Diskurs eine große Rolle bei meiner Arbeit spielen. Das Kolbe-Museum war zu seiner Zeit ein Produktionsort, ein Künstleratelier. Diesen Geist gilt es zu bewahren und zu aktualisieren.“
Die neue Hausherrin, die mit ihrer Vorgängerin eint, dass Dynamik und Gelassenheit kein Widerspruch sein müssen, freut sich am meisten darauf, „von Kunst umgeben zu sein und mitten im aktuellen Diskurs zu stecken.“ Über ihre konkreten ersten Pläne verrät sie vorerst allerdings nur so viel: „Mein Kopf ist voller Ideen, Lieblingskünstlerinnen und Lieblingskünstlern und wichtigen Themen, die ins Museum passen und dessen Geschichte ins 21. Jahrhundert fortschreiben. Lassen Sie uns in einem halben Jahr nochmals darüber sprechen!“

Text: Martina Jammers

Zauber des Aktmodells, Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, Charlottenburg, Di–So 10–18 Uhr (24.+31.12. geschlossen), bis 10.2.2013

Foto oben: Julia Wallner

Foto unten: Jacob Wilhelm Fehrle

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