Ausstellungen

Generationswechsel im Georg-Kolbe-Museum

Dr. Ursel Berger

Künstlerateliers wohnt ein geheimer Zauber inne, manchmal auch ein erotischer. Der Berliner Bildhauer Georg Kolbe hatte in seinem Wohnatelier in der Sensburger Allee meistens seine aktuelle plastische Nackte in der Guten Stube, für die zumeist seine Frau Modell gestanden hatte.
Als Ursel Berger (Foto oben) 1978 die Leitung des Museums übernahm, suggerierte der Eingangsraum mit Kamin, Sesseln, Bücherregalen und Arbeitstisch für Skizzenentwürfe, der 1947 verstorbene Meister habe gerade mal sein Haus verlassen. Die Bücherregale gibt es noch, aber sie sind in den Keller ausgelagert. Peu а peu hat Berger, die ruhige wie energische Chefin, aus der eher bescheidenen Gedenkstätte ein höchst vitales Museum geschaffen, in dem sich bei den sonntäg­lichen Vernissagen schon mal die Besucher stauen.
„Ich bin froh, dass der Berliner Senat öffentliches Geld nur unter der Bedingung dem Haus zufließen ließ, dass es dort mehr als einen einzigen Künstler präsentierte“, sagt Ursel Berger. Denn noch immer muss sie passionierte Kolbe-Fans besänftigen, wenn zu bestimmten Zeiten „fast gar kein Kolbe“ im modernistischen Ziegelhaus zu erblicken ist. „Wenn das Haus sich ausschließlich auf Kolbe konzentriert hätte, wäre es bald eingegangen“, mutmaßt Berger, bis vor Kurzem die dienstälteste Museumschefin Berlins. Sie hatte am magischen Datum 12.12.2012 ihren letzten Arbeitstag.
Zum Abschluss schenkte sich das ursprünglich aus dem Saarland stammende Urgestein der Berliner Museumslandschaft nun selbst eine Ausstellung, die gewissermaßen durchs Schlüsselloch schaut: „Zauber des Aktmodells“ hat sie ihre finale Schau genannt. Eine Menge Recherche war nötig, um hier so manches Betriebsgeheimnis der Künstler zu lüften. Wie Berger bei ihrer Eröffnungsrede festhielt, befanden es die meisten Modelle als zu delikat, ihre Dienstleistung öffentlich zu machen.
Zauber des AktmodelsNoch skurriler ist, dass es ausgerechnet im Fin de Siиcle, in der Hochphase omnipräsenter Darstellungen von Nackten, verpönt war, weibliche Modelle im Evakostüm vor Studenten auftreten zu lassen. Künstler, die sich teure Modelle nicht leisten konnten, mussten sich mit Fotos begnügen. Köstlich sind die nun gezeigten Aufnahmen aus dem Vorlagenfundus der Unterrichtsanstalt des Berliner Kunst­gewerbe­museums. Die Grenzen der Akademien zum Erotikgenre waren fließend. Dies belegen etwa die Fotografien von Wilhelm von Gloe­den: Seine „Italienischen Akte“ – Jünglinge in heroischen südlichen Landschaften – konnten multiple Bedürfnisse stillen.
Im Kolbe-Museum war in den letzten Jahren deutlich eine Verjüngung des Publikums zu beobachten. Dies ist vor allem dem seit 2007 bewährten alternierenden Ausstellungs-Rhythmus von klassischer Moderne und Gegenwartsskulptur zu verdanken. Hier kann man gar nicht genug dem Ausstellungsleiter Marc Wellmann danken, der bestens in der Berliner Bildhauer-Szene vernetzt ist und immer wieder spannende Positionen entdeckt. „Die Macht des Dinglichen“ war solch ein großer Wurf, der die unübersehbare Renaissance der Skulptur unterstrichen hatte. Freilich haben sich die Materialien massiv gewandelt: Wo Georg Kolbe noch den Meißel an den Marmor ansetzte, da stopft Birgit Dieker alte Pullover in Latexhüllen.
Von Verstaubtheit und nostalgischem Künstleridyll also keine Spur im aus Mitte-Sicht doch etwas abgelegenen Museumswinkel. Dass man vom Zoo aus nach nur wenigen U-Bahn-Stationen in Kolbes Atelier- und Gartenreich wandeln kann, hat sich gerade im Ostteil der Stadt zum Bedauern von Ursel Berger noch nicht genug herumgesprochen. Andererseits avancierte die reizvolle Retrospektive über Werner Stötzer vor zwei Jahren zu einer der erfolgreichsten Kolbe-Schauen. „Da konnte man erleben, wie die Ost-Berliner doch sehr viel inniger mit ihren Skulpturen Umgang hatten“, begeistert sie sich in Anspielung auf die reiche figürliche Ausstattung von Plätzen und Straßen zu DDR-Zeiten.

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Foto oben: Georg-Kolbe-Museum 

Foto unten: Jakob Wilhelm Fehrle

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