Ausstellungen

Gerd Rohling bei Contemporary Fine Arts

Gerd Rohling bei Contemporary Fine Arts

„Irgendetwas ist anders. Das Plakat, das in Gerd Rohlings Küche hängt, zeigt Nofretete. Sie sieht auf den ersten Blick aus wie immer. Doch wie leicht lässt man sich täuschen! Was sehen wir eigentlich? Oft nur die Hälfte. Ihr Auge wirkt erhaben. Wo im Original die Pupille fehlt, klebt ein schwarzer Fremdkörper. Er wahrt den Schein und spielt seine Rolle perfekt. Es ist ein Kaugummi, mit dem der Künstler ins Schwarze trifft.
Rohling foppt und fordert den Betrachter. Aber es ist nicht einfach die Irritation unserer Wahrnehmung, die er perfekt inszeniert. Im Grunde ein Romantiker, arbeitet der 68-Jährige unermüdlich an der Verwandlung der Welt, einer Umwertung der Werte. Alles könnte so anders und besser sein. Aus Fundstücken vom Schrottplatz, ja selbst von der Straße geklaubte Kaugummis macht dieser Mann mehr.
Im Atelier veredelt, schickt er das Profane, achtlos in die Gegend Gespuckte als Teil eines neuen Bildes von der Realität ins Rennen. Vor einigen Jahren konnte man seine Installation kostbar anmutender Gefäße im Hamburger Bahnhof bestaunen. Am Strand von Neapel aufgelesenen Plastikmüll schnitzte und schweißte der Meister der visuellen Alchemie zu prächtigen Gläsern. Andere Werkblöcke präsentierte zuletzt das Bremer Museum Weserburg.
Rohling ist in der ganzen Welt herumgekommen. Seine Ziele setzte er sich stets selbst und blieb so unabhängig vom Markt. Aktionen, in denen er Fiktion und Realität durcheinander­wirbelte, zählen ebenso zu seinem Repertoire wie Bilder, Skulpturen und Videos. Ob als Schlangenbeschwörer in Indien oder Schelm, der das Licht der Welt einsperrt, seine Arbeit am schönen Schein führt oft auf den Boden der Tatsachen zurück.
Nun sind erstmals Bilder dieses großen künstlerischen Einzelgängers, der seit den 70er-Jahren in Berlin lebt, bei Contemporary Fine Arts zu sehen. Auch hier verwandelt er sozusagen Wasser in Wein, indem er die Poesie des Chewing Gum entdeckt. Anders als seine jüngeren Kollegen beschäftigen Rohling die Schandflecken auf Gehwegen schon lange. In New York und Berlin kratzte er die Über­reste vom Trottoir und verarbeitete sie in verschiedenen Serien.
„Sie bekommen ihr zweites Gesicht“, findet Rohling, der mit starken Bildern Zeichen setzt und die Rückkehr des Wertlosen in den Kreislauf des Begehrten vorantreibt. Wie Pralinen verpackte er die Versteinerungen in Gold- und Silberfolie und deponierte sie etwa vor Tiffany’s. Dann legte er sich auf die Lauer, um die Begierde der Passanten zu fotografieren. Seine Kaugummi-Reinkarnation zeigt die Schau in Collagen auf Aluminiumblechen. „Jedes Ding kann, wenn man sich drum kümmert, eine ganz andere Bedeutung erlangen“, kommentiert der Künstler die Wiedergeburt „Sweet ’n’ Sour“.
Bei seinen täglichen Touren findet er stets Brauchbares. Dem gönnt er in seinem Weddinger Atelier neues Eigen­leben. Wer in ihm jedoch nur einen Objekt­künstler sieht, liegt falsch. Rohling zimmert am treffenden Bild, und dies nicht nur mit armen Materialien.Das kann durch­aus abstrakt wirken. Seine „Süßen Seelen“ gleichen ephemeren Landschaften und machen mit einer anderen Seite dieses Magiers der Materie bekannt. Er malt, sprayt und gestaltet auch vielschichtige Bildräume. Sie beleuchten fragile Schwebemomente, Zwischenzustände weit jenseits des Realen. Ein schwieriges Feld. Eben das, was unsere Seele ausmacht – Bewegung im Ungefähren, weg von der sichtbaren Welt.

Text: Andrea Hilgenstock

Foto: David von Becker

Contemporary Fine Arts Am Kupfergraben 10, Mitte, Di–Sa 10–18 Uhr, ?13.2.–14.3.

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