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Gerhard Altenbourg im Kupferstichkabinett

Gerhard Altenbourg im Kupferstichkabinett

Ekel. Inneres Verletztsein. Schocküberwindungsversuche. Anderswerden. Hineinsehen“, schrieb der 1926 in Thüringen geborenen Gerhard Ströch, der sich später seinen Künstlernamen vom Heimatort Altenburg lieh. Für ihn wurde das Zeichnen zur meditativen Übung, mit der er seelische Verletzungen verarbeitete, die er in zerfaserten Linien aufs Papier br“achte. Das Kriegstrauma des Infanteristen und Panzerjägers von 1944 bis 45, offenbar auch sexuelle Enttäuschungen, Entbehrungen und Ängste übertrug er Ende der 1940er-Jahre in fast pubertärer Hilflosigkeit und Aggression und mit einer geradezu überwältigenden Intimität in seine Kunst: „Ecce Homo, geschält, entschalt, gezeichnet, abgezogen, nageldurchbohrt; ein Blick in das Labyrinth, dem wir so gern eine Maske anlegen“, notierte Altenbourg.
Der 1989 mit 63 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommene Künstler führte das Dasein eines Eremiten, der sich angeekelt von der äußeren Wirklichkeit zurückzog. Von der Hochschule für Baukunst und Bildende Kunst in Weimar, wo er seit 1948 studiert hatte, wurde er 1950 wegen „gesellschaftlichen Außenseitertums“ exmatrikuliert. Seine skurrilen, verstörenden Figuren passten nicht in das Raster des sozialistischen Realismus. Erfolg hatte der Zeichner im Westen, wo ihn Galeristen wie Dieter Brusberg und Rudolf Springer ausstellten und dafür sorgten, dass er im Museum of Modern Art in New York oder bei der documenta II in Kassel vertreten war.
Als „inneren Emigranten und verschwiegenen, aber unbeirrbaren Dissidenten“ beschrieb ihn der deutsche Kunstkritiker Eduard Beaucamp. Altenbourg selbst nannte sich unpolitisch, er wollte seine Kunst über alle gesellschaftlichen Formen hinausgehend verstanden wissen. Das literarische Werk Gottfried Benns war seine „Wurzellinie“. Ein Pastorensohn wie Altenbourg und durch Erlebnisse im Ersten Weltkrieg als Militärarzt von der Menschheit angewidert, schien ihm Benn wie ein Seelenverwandter. Auch Bauhäusler Paul Klee und Dadaist Kurt Schwitters waren für ihn wichtige Wegweiser. Er las Freud, Jung, Proust, Goethe. Die Literaturliste des leidenschaftlichen Lesers Altenbourg war endlos.  
Ein Foto zeigt den Künstler: versunken über seine Schreibtischplatte gebeugt, an einem beengten Arbeitsplatz – die Gardinen vors Fenster gezogen, Farbtuben und Pinsel ordentlich in Reih und Glied. Es ist eine Zeichenhöhle, ein Rückzugsort. In späteren Zeichnungen zeigt sich mehr Gelassenheit in der Betrachtung des Menschen, auch wenn für den Melancholiker das Paradies für immer verloren war. Lange Wanderungen in der Natur und die Beschäftigung mit fernöstlicher Mystik, aber auch dadaistische Ironie und Poesie lösen die aggressiven Schreckensbilder ab.
Ständige Besucher des zurückgezogenen Künstlers, der mit seiner ebenfalls unverheirateten Schwester im Haus der Eltern wohnte, waren das Sammlerpaar Solgärd und Rolf Walter aus Stockholm. Die Arbeiten Altenbourgs dienten oft als Bezahlung für die zahlreichen Bücher, Kataloge und das Künstlermaterial aus dem Westen. Die Walters schafften die Blätter des Künstlers für Ausstellungen über die Grenze, ebenso die Korrespondenz aus dem Westen, die sonst von der Stasi abgefangen worden wäre. Erst 1986, zu seinem 60., erfuhr Altenbourgs Kunst in der DDR durch die allmähliche Liberalisierung des Kunstbetriebes Anerkennung und wurde in großen Einzelausstellungen gezeigt. 

Text:
Constanze Suhr

Fotos:
Jan Erik Johansson/ bpk/ Kupferstichkabinett/ SMB/ VG Bild-Kunst, Bonn

Kupferstichkabinett Matthäikirchplatz, Tiergarten, ?Di–Fr 10–18 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, bis 7.6.

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