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„German Angst“ in der n.b.k.

German Angst in der n.b.k._Foto_DanielKnorrtip: Welche Angst haben denn die Deutschen?
Marius Babias: Die Ängste der Deutschen sind nicht das Thema der Ausstellung. Es geht mir gerade umgekehrt darum, Festschreibungen und Konstruktionen wie „typisch deutsch“ entgegenzuarbeiten. Denn mit „typisch deutschen“ Eigenschaften wurde in der Vergangenheit viel Unheil legitimiert. Die Ausstellung verfolgt einen anderen Ansatz. Es geht mir um die Politisierung der „deutschen Frage“, nicht um ihre Essentialisierung oder Ethnifizierung. Ausstellung und Vermittlungsprogramm sind als ein gesellschaftliches Medium komponiert, d. h. es sind exemplarische Beiträge aus Kunst, Literatur, Film und Theater versammelt und sie beziehen sich auf brisante Aspekte des „Deutschseins“, auf Vergangenheitsbewältigung ebenso wie auf die Computerspiele-Kultur, wo der „Deutsche“ immer der „Nazi“ ist. Eduard Constantin zeigt eine künstlerische Arbeit über in
Deutschland verbotene Computerspiele. Ich möchte mit dieser Ausstellung einen doppelten Vorschlag machen: den begrifflichen Ballast der nationalen Selbstkonstruktion über Bord werfen und zugleich den Blick schärfen für die politischen Zusammenhänge, in die Kunst und Kultur verstrickt sind. Denn gerade Kunst und Kultur generieren ja das identitäre Bild, das wir von uns selbst haben.

tip: Wie ist das Selbstbild der Deutschen heute?
Babias: Das Selbstbild der Deutschen fällt nicht vom Himmel, es wird in einem mu.hevollen und langwierigen gesellschaftlichen Prozess erstritten. Zudem nehmen uns andere Nationen unter Umständen ganz anders wahr, als wir sind oder wie wir uns selbst wahrnehmen. Diese doppelte Wahrnehmung von innen und außen bringt der Titel „German Angst“ zum Ausdruck. Im angloamerikanischen Raum wird „Angst“ als gebräuchliche Vokabel benutzt, weil es im Englischen keinen adäquaten Begriff dafür gibt. Lawrence Weiner
hat 1982 gemeinsam mit Peter Gordon einen Song mit dem Titel „Deutsche Angst“ herausgebracht, der in der Ausstellung zu hören ist.

german Angst in der n.b.k._Foto_DanielKnorrtip: Sie nehmen die Wende als Ausgangspunkt, für die neue nationale Souveränität, warum ist es gerade jetzt, nach etwa 18 Jahren an der Zeit, der deutschen Identität nachzuforschen?
Babias: Die Wiedervereinigung hat einen Prozess in Gang gebracht, der unter dem Begriff „Normalisierung“ subsumiert wird. Das verbindet man mit der Ära Schröder: Die Normalisierung der deutschen Geschichte bedeutet, dass sich die Deutschen nun auch als Opfer fühlen du.rfen und dass der Holocaust sozusagen ein impliziter Teil der deutschen Erzählung geworden ist. Die Beiträge in der Ausstellung „German Angst“ entwerfen ein Deutschland-Bild, das jenseits der Selbstbereinigung der deutschen Geschichte liegt. In
geschichtlichen Reflexionen, biografischen Erzählungen, Alltagsbeobachtungen und filmischen Essays zeigen sie uns das positive Gegenstück zur „Normalisierung“: die Anerkenntnis der belasteten Geschichte, den Respekt für den „Anderen“ und das „Andere“, sowie der Bezug auf ein transkulturelles Dispositiv, in dem das „Deutsche“ nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Junge Videokünstler wie Amir Fattal aus Israel oder Antje Engelmann aus Berlin zeigen solche Räume, in dem alte Prinzipen wie Nation und Ethnie überwunden sind. Und Thomas Hirschhorn ist mit einer Skulptur vertreten, die den Weltbürger adressiert.

tip: Wie macht die „Normalisierung“ der deutsch-deutschen Geschichte aus?
Babias: Was auffällt: Während die äußeren Grenzen mehr und mehr fallen und die europäischen Länder sich allmählich zu den Vereinigten Staaten von Europa konstituieren, wachsen im Westen immer mehr die inneren Grenzen. Die Wohlstandsstaaten schotten sich ab und verteidigen zunehmend ihren Reichtum, den sie nicht mit dem „armen Osten“ teilen wollen. Integration wird ausschließlich ökonomisch verstanden und nicht kulturell. Ein ähnliches Gefälle kennzeichnet das Verhältnis Westdeutschlands zu Ostdeutschland:
Während die neuen Territorien ökonomisch weitgehend integriert sind, herrscht in kulturellen Fragen weiterhin Segregation vor. Man sieht das aktuell an der Diskussion, wie mit der Linkspartei umgegangen werden soll. Hans Haacke verweist mit seiner Arbeit „Silberblick“, die die Währungsunion thematisiert, auf einen Schlu.sselmoment dieses Problems.

tip: Nennen Sie bitte ein Beispiel für ein Werk eines Künstlers in Ihrer Ausstellung.
Babias: KP Brehmer, der von 11 Jahren gestorben ist und den wir mit einer Einzelpräsentation im Showroom des n.b.k. zeigen, hat bereits 1970 einen Vorschlag zur Korrektur der Nationalflagge gemacht, das Symbol Deutschlands schlechthin. Er schlug vor, die Farben Schwarz-Rot-Gold nach den Einkommensverhältnissen im Land neu zu gestalten. Diese Arbeit haben wir für „German Angst“ aus dem Nachlass neu produziert. Anlässlich der Fußball-WM und EM erlebte die deutsche Nationalflagge, die bis dahin eher diskret zum
Einsatz kam, eine Renaissance im Stadtbild. KP Brehmers Fahne, stellvertretend für andere Beiträge, ist die Replik auf dieses Phänomen.

Interview: Laura Ewert

German Angst
n.b.k.
Chausseestraße 128/129,
20.9.-2.10., Di-So 12-18 Uhr, Do bis 20 Uhr
Rahmenprogramm unter www.nbk.org

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