Ausstellungen

„Gertrud Arndt. Weberin und Fotografin“ am Bauhaus 1923–1931

Gertrud_ArndtAuf ihren Fotos sieht man sie mit opulent bestückten Blümchenhüten des Fin de siиcle und transparenten Capes. Oder mondän mit Netzschleier und entblößter Schulter. Die Roben und Accessoires stammen aus dem Fundus ihrer in Wien lebenden Großmutter. Seltener blickt Gertrud Arndt mit schielenden Kulleraugen und Kussmündchen in die Kameralinse. Die vielfach begabte Arndt räumt freimütig ein, dass ihre Travestien sich der schieren „Langeweile“ verdanken, in die sie nach dem Umzug des Bauhauses nach Dessau verfiel. Beseelt war die 1903 im schlesischen Ratibor Geborene von dem Wunsch, „eigentlich Architektin“ zu werden – eine nach dem Ersten Weltkrieg praktisch ausschließlich Männern vorbehaltene Domäne. Nachdem sie ihr Rüstzeug im Erfurter Architekturbüro von Karl Meinhardt, Mitglied des Deutschen Werkbundes, erworben hatte, startete sie in den Vorkursen von Klee und Kandinsky am Weimarer Bauhaus.

Bereits Meinhardt hatte ihr ausdrücklich Sinn für Form-und Farbgefühl sowie Rhythmus attestiert. Zwar bestand für fortgeschrittene Studierende durchaus die Möglichkeit, im Büro von Walter Gropius mitzuarbeiten. Doch diese Weiterbildung versagte man ihr trotz ihrer Vorbildung. So landete Gertrud Arndt, die 1927 den Bauhaus-Meister der Wandmalerei Alfred Arndt heiratete, wie so viele ihrer Kolleginnen in der Weberklasse des Bauhauses. Dabei hatte sie die „vielen Fäden“ nach späteren Aussagen gar nicht geschätzt. Prunkstück der aktuellen Schau im Bauhaus-Archiv ist jener riesengroße wie aparte Teppich, den sie für das Esszimmer des Hamburger Reeders Eberhard Thost wirkte. Die kurzweilige Serie ihrer Maskenfotos, die 1931 abrupt endet, provoziert die Frage nach der realen Gleichberechtigung der Frauen am Bauhaus. Ihnen eignet etwas Elegisches. Die verhinderte Architektin, die wider Willen eine erfolgreiche Weberin war, phantasierte sich in verschiedene Weiblichkeitsmuster.

Text: Martina Jammers

Foto: VG Bild Kunst, Bonn 2013 / Bauhaus Archiv Berlin

tip-Bewertung: Sehenswert

Gertrud Arndt. Weberin und Fotografin am Bauhaus 1923–1931 Klingelhöferstraße 14, Tiergarten, Mi–Mo 10–17 Uhr, bis 22.4.

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