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Gespräch mit dem Kurator Simon Njami

Gespräch mit dem Kurator Simon Njami

tip Herr Njami, dieser Tage denken wir viel über Flüchtlinge nach.
Simon Njami?Das reflektieren wir auch in „Xenopolis“. Fast alle unserer Künstler sind im weitesten Sinne Getriebene. Wenn wir über Fremde in Europa nachdenken, was wir jeden Tag sehen – nun, ich möchte, dass die Leute verstehen, dass wir doch alle Fremde sind. Wenn wir einen Fremden sehen, sollten wir besser denken: Dieser Fremde, das könnte ich selbst sein. Vielleicht haben wir durch den Kapitalismus vergessen, dass es Orte gab mit einem Tisch des Willkommens in jedem Haus. Da gab es einen Teller für die Reisenden, die Fremden, die an die Türe klopften. Um ihnen eine Zuflucht anzubieten. So etwas haben wir vergessen in unseren ach so modernen Städten.

tip „Xenopolis“ heißt Ihre Schau. „Fremdstadt“. Sind wir alle Fremde in der Großstadt?
Simon Njami Viele Menschen in einer Haupt­stadt kommen aus Klein­städten oder Dörfern. Die Stadt steht jedem offen, denn sie hat keine so festgefahrene Identität wie Dörfer oder kleine Städte. Die Großstadt gehört niemanden, weil sie jedem gehört. In einer Kleinstadt verlässt man sich auf den anderen. In einer Großstadt verlassen wir uns auf die Anonymität. Wir haben nicht die Menge Zeit, um Beziehungen zu pflegen wie auf dem Dorf.

tip Tickt Berlin so besehen anders als Paris, das Sie auch sehr gut kennen?
Simon Njami Ich glaube, alle Hauptstädte haben gemeinsam, dass sie irgendwie snobistisch sind. Mit Snobismus meine ich nicht Reichtum, sondern „sich anders fühlen“. Als junger Mensch kam ich nach West-Berlin, wie es damals hieß. Ein Ort mit einem bestimmten Vibe, wie ihn kein anderer Ort in Deutschland hatte. Ein Ort des Exils also für junge Menschen, lange bevor Berlin eine Metropole war.

tip In der Ausstellung beziehen Sie sich auf Roland Barthes’ Konzept der Stadt als einer Sprache, die es zu lesen gilt.
Simon Njami Barthes schreibt in diesem Essay über die Stadt als Blätterteig­cremeschnitte. Sie besteht aus verschiedenen Schichten. Die Stadt lebt überhaupt nur dadurch, dass wir sie ins Auge fassen. Die Stadt wird durch ihre Bewohner erfunden. Zugleich erfindet die Stadt ihre Bewohner. Das ist wie mit der Sprache. Je nachdem, ob Sie in Kreuzberg oder Neukölln wohnen, haben Sie eine unterschiedliche Kartografie der Stadt. Diese Stadt reproduziert Dörfer, die allerdings nicht auf Ethnizität basieren, sondern auf sozialer Attraktion und Wahl. Wenn zwei Berliner sagen: „Ich bin ein Berliner“, meinen sie jeweils etwas Eigenes damit. Der Stadtteil, der in sie eindringt, der sie vielleicht sogar heimsucht, ist der, in dessen Sprache sie am meisten diskutieren. Städte machen Leute. Leute machen Städte. Städte beeinflussen die Wahrnehmung, wie auch Sprachen die Wahrnehmung beeinflussen. Ich war mal bei einem Freund in New York, Up­town, westlich des Central Parks. Ich sagte ihm: „Ich gehe mal nach SoHo.“ Daraufhin er verblüfft: „Wozu? Warum sollte man da hingehen?“ Für ihn und die ganze 8th Street war SoHo schon ein anderes Land.

tip Welche anderen Denker neben Barthes haben Sie bei der Ausstellung inspiriert?
Simon Njami Einen Schock versetzt hat mir auch ein Buch, das ich als Kind las: „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin. Lange bevor ich einen Fuß auf Berliner Boden setzte. Die Idee einer Stadt, die organisch ist, mit Zellen, die ein Metro-Leben erzeugen. Spätestens nach den Paris-Büchern von Йmile Zola habe ich das Gefühl, dass Städte Lebewesen sind. Gute oder böse Monster, die einen dazu treiben, etwas zu tun, das man andern­orts nicht tun würde.

tip Die Ausstellung soll ein Labyrinth der Wahrnehmungen werden, sagen Sie.
Simon Njami Wir alle werden von unserer Stadt heimgesucht. Und wir suchen unsere Städte heim. Jeder unserer Künstler bringt seinen eigenen Blick mit und kreiert sein eigenes Berlin. Berlin an sich gibt es gar nicht: Berlin ist eine Konstruktion verschiedener Berlins, durch die uns die Künstler lotsen. Alle Künstler, die mitmachen, sind laut Pass Ausländer. Ihre Studios sind ihre Ländereien.

tip „Xenopolis“ ist Teil der „Stadt/Bild“-Kooperation mit drei anderen Häusern. Haben Sie sich mit den anderen Kuratoren besprochen, um sich abzustimmen?
Simon Njami Nein. Mich interessiert, wie die anderen letztlich für sich Berlin interpretieren. Aber wenn ich eines als Kurator nicht mag, ist es das: sich im Vorfeld abzustimmen.

Interview: Stefan Hochgesand

Foto:
David Damoison

Deutsche Bank Kunsthalle Unter den Linden 13-15, Mitte, ?tgl. 10–20 Uhr, 16.9.–8.11.; ?Eröffnung: Di 15.9., 18 Uhr

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