Ausstellungen

Gespräch mit der Galeristin Susanne Zander

Susanne Zander & Nicole Delmes

tip Frau Zander, Sie gelten als Pionierin für konzeptuelle Outsiderpositionen. Wie entdeckten Sie Ihr Herz für Außenseiter?
Susanne Zander Meine Mutter hatte bereits eine Galerie für die als naiv bezeichnete Kunst von Autodidakten. Dort habe ich einige Jahre gearbeitet und meine Liebe zu den Außenseitern entdeckt. 1988 eröffnete ich dann mein eigenes Domizil in Köln. Meine Partnerin, Nicole Delmes, war Assistentin bei Martin Kippenberger. Sie kam oft vorbei, weil sie sich ebenfalls für diese Kunst interessierte. Seit 2004 leiten wir die Galerie gemeinsam.

tip Seit Ende letzten Jahres haben Sie eine zweite Galerie vis-а-vis der Berliner Volksbühne. Finden Sie hier das Publikum für abgefahrene Künstler wie Harald Bender?
Susanne Zander Wir haben uns für Berlin entschieden, weil wir hier ein internationales Publikum haben und wichtige Künstler. Außerdem zieht es die Kuratoren in letzter Zeit weniger nach Köln. Aber die Künstler sind für uns besonders interessant, sowohl als Gesprächspartner als auch als Käufer. Wir sind ja eine klassische Künstlergalerie. Sie mögen unsere Sachen, für die wir den Begriff „Outsiderkunst“ gar nicht mehr verwenden wollen. Er schiebt uns in eine Abseitsposition. Aber natürlich ist es nicht leicht, ohne ihn auszukommen.

tip Der 2014 in Berlin verstorbene Bender, den Sie zum Gallery Weekend vorstellen, bastelte bombenartige Objekte und setzte dabei sogar seine Wohnung in Brand. Er glaubte zeitweise, er sei eine Frau…
Susanne Zander Letzteres stimmt nicht. Es ist komplexer. Er schuf ein obsessives, unvergleichliches Werk. Bender ging davon aus, eine Gebärmutter in sich zu tragen, in welcher sich ein Atomgeheimnis befand, das es zu bewahren galt. Beinahe das gesamte Werk – bestehend aus Hunderten von Ordnern, gefüllt mit bearbeiteten Fotokopien – befasst sich mit Formeln und Texten zum Thema Atomgeheimnis.

tip Was werden Sie von ihm zeigen?
Susanne Zander Wir werden neben überarbeiteten Fotokopien als Einzelwerke gleichzeitig auch die Ordner zeigen. Die Besucher finden sie ausgebreitet auf einem Tisch. So können sie sich in Vision und System dieses phantastischen Künstlers vertiefen.

tip Sie berieten vor einigen Jahren die erfolgreiche Ausstellungsreihe mit Außenseitern wie Horst Ademeit und Morton Bartlett im Hamburger Bahnhof. Ist die Outsider Art reif fürs Museum?
Susanne Zander Diese Ausstellungsserie hat viel verändert. Erstmals bettete sie Outsider in Einzelausstellungen in den zeitgenössischen Kunstkontext ein. Durch die Länge dieser Reihe gab es eine größere Nachhaltigkeit. Wir führen kein Nischendasein mehr, arbeiten mit wichtigen zeitgenössischen Museen. Im Anschluss an diesen Museumsauftritt konnten wir Werke unserer Künstler nicht nur in die Sammlung des Hamburger Bahnhofs vermitteln, sondern in das Metropolitan Museum, ins Museum Folkwang und an das Chicago Institute of Art. Das sind Kunstmuseen. So etwas wäre vor 20 Jahren nicht denkbar gewesen! Diese Resonanz mitzuerleben, ist schön, besonders weil wir nicht auf einen fahrenden Zug aufspringen, sondern sie mit einleiteten.

tip Mit Ihren Künstlern gastieren Sie gerade in der New Yorker Galerie von David Zwirner, ein ganz Großer der Branche. Verspüren Sie am Markt eine stärkere Nachfrage?
Susanne Zander Ja, das kann man sagen. Aber es ist doch immer noch eine sehr bewusste Entscheidung, eine Arbeit von Ademeit oder Bender zu kaufen. Es wird nie die breite Öffentlichkeit sein, die diese Kunstwerke erwirbt. Es ist ja keine Kunst, die man sich übers Sofa hängt, dafür eine, die die Auseinandersetzung fördert und fordert. Ihre Ehrlichkeit und Direktheit bietet dem Betrachter die Möglichkeit, in eine andere Welt einzutauchen. Je länger Sie sich beispielsweise mit Ademeit, der an Kältestrahlen glaubte, befassen, desto mehr packt Sie die Intensität seiner Werke.

tip Sind die von verschiedenen Zwangsneurosen ebenso wie von neuen Ordnungssystemen besessenen Außenseiter vielleicht die spannenderen Künstler? Sie arbeiten ja im Gegensatz zu ihren Kollegen ohne Kalkül und oft im Verborgenen.
Susanne Zander Nein, das glaube ich nicht. Jeder gute Künstler arbeitet so. Die Grenzen zwischen ihnen und den sogenannten Outsidern sind fließend. Es gibt nur gute und weniger gute Künstler.

tip Was motiviert Sie immer wieder aufs Neue, für diese sperrigen und unverständlichen Welten einzutreten?
Susanne Zander Das ist es, was ich liebe. Ich tauche gern in fremde Welten ein, beschäftige mich ständig mit ihnen. Ich muss ja auswählen und vermitteln. Aber ich will ein Werk auch verstehen. Diese Werke werden nicht für den Markt gemacht und oft erst nach dem Tod der Künstler entdeckt. Dafür setze ich mich gerne ein.

tip In Heidelberg gibt es die Sammlung Prinzhorn, die innerhalb der Uniklinik angesiedelt ist. Wäre so etwas in der Hauptstadt nicht auch denkbar oder gehören die sogenannten Außenseiter besser in den Museumskontext?
Susanne Zander Ich finde, dass die Sammlung Prinzhorn gut und wichtig ist. Sie beherbergt eine der wichtigsten Sammlungen für Außenseiterkunst und ist natürlich auch aus historischer Sicht hochinteressant. Aber ich sehe keine Zukunft für weitere Spezialmuseen! Meines Erachtens wäre es nun an der Zeit, diese Kunst in die gängigen Museen zeitgenössischer Kunst zu integrieren. Denn nur dort werden sie ernst genommen. Es ist wichtig, dass man die Arbeiten in direktem Vergleich mit den anderen Werken sieht. Nur so kann man feststellen, ob sie dem Vergleich standhalten. 

Interview: Andrea Hilgenstock

Foto: Susanne Zander I Nicole Delmes

Delmes & Zander Rosa-Luxemburg-Str. 37, Di–Sa 12–18 Uhr, Ausstellung „Adelhyd van Bender: Das Atom ist unbesiegbar“ 1.5.–27.6.

Mehr über Cookies erfahren