Ausstellungen

Gespräch mit Klaus Biesenbach und Fredi Fischli – Teil 2

Based_in_Berlintip: Der Open Call war ein klassisches Bewerbungsverfahren mit eingereichten Mappen?
Fischli: Viele Bewerbungen kamen online, die Künstler haben sich vorgestellt und ihre Arbeiten eingeschickt. Das andere sind natürlich persönliche Kontakte. Wir haben uns neben den institutionellen Ausstellungen auch das Programm der von Künstlern geführten Projekträume angeschaut. Berlin ist eine Stadt, wo vieles parallel nebeneinander funktioniert, wo eine einzelne Person nicht wirklich die Übersicht haben kann, was alles passiert. Deshalb war es wichtig, dass wir fünf Kuratoren sind, und zwar fünf aus verschiedenen Kontexten. Ich habe noch nie in Berlin gelebt, sondern komme aus Zürich, aber ich kannte Künstler hier und habe schon Ausstellungen gemacht mit Künstlern aus Berlin.

tip: Ein weiterer Vorwurf war, die Kuratoren sind zu jung, die kennen sich gar nicht richtig aus in der Stadt.
Biesenbach: Ich habe die Kunst-Werke angefangen, da war ich 23. Damals hieß es, ich sei zu jung. Hans-Ulrich hat angefangen, da war der noch unter 20. Da hat auch jeder gesagt, der ist zu jung. Man muss den Mut haben, das Brett vorm Kopf zur Waffe zu machen. Ich finde, Fredi, Ihr habt auch eine Unerschrockenheit auf eurer Seite gehabt.

tip: Wie unerschrocken muss man denn sein, um die Aufgabe anzugehen, 80 Künstler aus 6.000 herauszufiltern, und von den 80 auch noch zu behaupten, dass das die wichtigsten sind?
Fischli: Wenn die Aufgabe gewesen wäre, zu bestimmen, welche sind die wichtigsten Künstler, dann wäre das ganz ganz schwierig gewesen. Aber wenn man, wie wir es gemacht haben, schaut, von welchen Künstlern wichtige Impulse aus gehen, dann findet man sie schon, weil man induktiv vorgeht. Man schaut sich die Kunst an, sieht dann, was für Tendenzen es gibt, und wer welchen Space betreibt. Und da merkt man, welche Leute die treibenden Kräfte sind.
Biesenbach: Wir hatten damals bei der ersten Berlin-Biennale drei plus zwei Kriterien. Die drei Kriterien waren: Eine Arbeit sollte neu sein in der Aussage, oder neu in der Form, oder neu in der Bedeutung. Und dann haben wir zwei weitere Kriterien angewendet. Erstens, es sollte nicht aussehen wie Kunst – also alles, was überrascht. Und wir haben außerdem extrem versucht, die zeitgenössische Praxis mit Musik, Mode, Film, Theater und Performance zu betonen – und Bless und Christoph Schlingensief in der Ausstellung gezeigt. Mittlerweile ist das so selbstverständlich, dass es keiner mehr erwähnt. Wir hatten in der ersten Berlin-Biennale keinen einzigen Maler. Das ist bei Based in Berlin ganz anders. Da ist eine Handvoll Künstler dabei, die nicht beleidigt wären, wenn man sie als Maler beschreiben würde.
Fischli: Wir haben mit Thomas Sauter beispielsweise einen Maler dabei, der macht eine Art Pattern Paintings. Auf den ersten Blick würde man sagen, dass er aus der Praxis der 50er-Jahre kommt, wie Action-Painting. Aber das ist eigentlich ein Umgang mit Mustern, die man vielleicht so in der U-Bahn auf Sitzpolstern findet, wo wirklich High and Low zusammenkommt, nicht mehr so ein Ankämpfen gegen die Hochkultur.

Fredi_Fischlitip: Und was kann eine Ausstellung wie Based in Berlin leisten? Eine Momentaufnahme?
Fischli: Unsere Ausstellung hat auch etwas mit Anerkennung zu tun, und mit dem Sichtbarmachen der Künstler. Wir mussten ja die festen Hierarchien in der Stadt durchbrechen und neue Künstler präsentieren. Und gerade weil die Stadt so heterogen ist, bekommt der normale Berliner gar nicht mit, was hier so passiert.
Biesenbach: Sogar als Kunstprofi, als Ausstellungsmacher oder Berliner Galerist, hat man fast nicht die Zeit, sich diese Übersicht zu verschaffen, wenn man morgens noch frühstücken will. Insofern war das wichtig, dass fünf Leute einfach ein halbes Jahr für diese Aufgabe freigestellt werden. Ich kannte jedenfalls sehr, sehr viele der von euch präsentierten Künstler vorher nicht.

tip: Wie groß war Ihr Einfluss auf die Künstlerauswahl, Herr Biesenbach?
Biesenbach: Was Christine, Hans-Ulrich und ich der Ausstellung hoffentlich gegeben haben, ist ein gewisser Rhythmus. Ihr brauchtet eine Balance zwischen drei Orten, die etwa die gleiche Größe haben, und zwei Orte, die kleiner sind. Niemand, der zu einem der kleineren Orte fährt, darf enttäuscht werden. Man kann auch nicht 15 Räume hintereinander mit Videos bespielen. Es ging immer um die Frage von Gleichgewicht. Und unsere Predigt war: Neue Arbeiten, neue Arbeiten, neue Arbeiten. Die Ausstellung ist eine Chance, dass die Leute neue Arbeiten produzieren. Ich glaube, unser Beratung war mehr auf diesen Ebenen, als zu sagen: Der Künstler ja, der Künstler nein.

tip: Wer mitmachen darf, ist jetzt ein gemachter Künstler?
Biesenbach: Nein.

tip: Wie wichtig ist Based in Berlin denn außerhalb von Berlin?
Biesenbach: Ich weiß, dass ganz viele Kollegen vielleicht nicht zur Eröffnung kommen, aber sich die Ausstellung anschauen werden, weil der Berliner Markt einfach so einen Sog hat. Die Perspektive der Leute von außen auf Berlin ist der Verdacht, dass dies eine grandiose Stadt ist. Das muss immer wieder belegt werden. Und dafür ist die Ausstellung eine sehr schöne Möglichkeit.

tip: Sie haben 1991 mit den Kunst-Werken angefangen. Heute denkt man vielleicht retrospektiv: Klar, dass der Aufstieg Berlins zur Kunstmetropole so kommen musste. Wie war das damals?
Biesenbach: Ich bin im Herbst 1989 nach Berlin gekommen, und da war gerade eine Revolution passiert. Diese ersten paar Jahre waren großartig. Damals war Köln die Kunsthauptstadt. Als dann mit Schipper und Krome die ersten Galerien aus Köln nach Berlin kamen, war das ein ungeheurer Umbruch, aber das hat damals keiner so gesehen. Und wer konnte wissen, dass Olafur Eliasson und Thomas Demand als Künstler so erfolgreich werden würden? Dass Monica Bonvicini oder Douglas Gordon hier in der Stadt bleiben würden? Heute sehe ich, dass die Stadt die Möglichkeit hat, diese Offenheit und diesen Überraschungsmoment zu behalten. Berlin hat immer noch diese ungeheure Qualität des: Morgen kommt der große Durchbruch.

tip: Hat eine Kunststadt einen natürlichen Lebenszyklus?
Biesenbach: Ob es eine Halbwertszeit gibt? Ich dachte eigentlich so 91, 92, in zwei, drei Jahren ist hier alles vorbei. Dann haben wir einen „Club Berlin“ zur Biennale in Venedig gemacht, und da haben Mercedes Bunz, Daniel Pflumm, Monica Bonvicini, Katharina Sieverding und ich geglaubt, jetzt haben wir die Unschuld Berlins verkauft. Das war 1995. Dann kam 97 der Hybrid Workspace als kleine Dependance auf der Documenta, wo Christoph Schlingensief verhaftet wurde, und da dachten wir auch wieder, jetzt ist alles vorbei. Nach der ersten Berlin-Biennale hatten wir einen ungeheuren Erschöpfungskater. 2000 war Berlin pleite – alles vorbei. Als ich 2004 nach New York gegangen bin, habe ich schon aus Trotz gesagt, alles ist vorbei. Und es ist immer ganz anders gekommen. (Zu Fredi Fischli) Aber jetzt, mit Based in Berlin, ist wirklich alles vorbei, oder? (lacht)

Interview: Stefanie Dörre und Heiko Zwirner

Fotos: Harry Schnitger

zurück | 1 | 2 |

 

Mehr über Cookies erfahren