Ausstellungen

Gespräch mit Klaus Biesenbach und Fredi Fischli

Based_in_Berlintip: Herr Biesenbach, Sie sind mit Christine Macel und Hans-Ulrich Obrist einer der drei Berater für Based in Berlin, außerdem gibt es fünf Kuratoren. Warum diese Konstruktion?
Klaus Biesenbach: Hans-Ulrich Obrist und ich haben vor knapp 15 Jahren die erste Berlin-Biennale zusammen gemacht. Damals waren wir 15 Jahre jünger, und bei den Künstlern war der jüngste Jonathan Meese und der älteste Christoph Schlingensief. Das war unsere Generation. Daher dachten wir, es ist ganz wichtig, dass jetzt die nächste Kuratoren-Generation drankommt und mit ihrer eigenen Künstler-Generation umgeht. Du bist jetzt 24, Fredi? Zwischen uns liegen 20 Jahre.
Fredi Fischli: Wir fünf Kuratoren sind zwischen 24 und 32.
Biesenbach: Wir hatten bei der Vorbereitung der Ausstellung drei Grundgedanken: Erstens eine jüngere Künstler-Generation und jüngere Kuratoren. Zweitens eine direkte Künstlerförderung, wir wollten nicht aus aller Welt teure Werke einschippern, sondern lieber mit Künstlern vor Ort produzieren. Und drittens die Einbeziehung der bestehenden Institutionen für zeitgenössische Kunst. Die vier Institutionen, die mitmachen, leisten da ja ohnehin schon hervorragende Arbeit. Das darf man nicht vergessen. Man diskutiert immer über eine Kunsthalle, aber vielleicht sind die vier ja zusammen eine komplexe, aber arme Kunsthalle.

tip: War das von Anfang an der Plan? Oder kam die Überlegung, die Institutionen einzubeziehen, erst, als es auf einmal scharfe Kritik  gab, die in einem Offenen Brief gegen die Ausstellung kulminierte?
Biesenbach: Das war von Anfang an der Plan, nur waren wir zwangsläufig langsam darin, das zu kommunizieren. Aber als der Offene Brief kam, waren wir schon mit allen Institutionen im Gespräch. Ich finde den Offenen Brief gar nicht schlecht. Mit Ellen Blumenstein, einer der Initiatorinnen, habe ich jahrelang zusammengearbeitet. Wir kennen uns sehr gut.

tip: Sie haben 2005 zusammen die RAF-Ausstellung in den Kunst-Werken gemacht.
Biesenbach: Ja. Und ich glaube, dass das, was Ellen auf den Weg gebracht hat, ein wesentlicher Bestandteil der Diskussion ist. Ich sehe das in keiner Weise negativ.

tip: Ein Vorwurf in dem Offenen Brief war, dass die Ausstellung im Wahljahr kommt, also ein Wahlkampfspektakel sei.
Biesenbach: Wie kann man sich von einer Ausstellung wünschen, dass sie ein Beitrag zum Wahlkampf ist? Man weiß doch nie, in welche Richtung es geht. Wir haben damals in den Kunst-Werken mit Santiago Sierra eine Ausstellung gemacht, in der Asylbewerber täglich vier Stunden in Pappkartons verbrachten. Die „Bild“-Zeitung kam, und wir dachten, es gibt einen Riesenskandal. Den gab es aber nicht. Und wir haben damit gerechnet, dass die RAF-Ausstellung eine Ausstellung ist, die von Thomas Bayrle über Gerhard Richter bis Katharina Sieverding wichtige Künstler zusammenbringt. Dann war es auf einmal ein großer Skandal. Man kann zeitgenössische Kunst nicht für oder gegen etwas verwenden.

tip: Die Ausstellung Based in Berlin hat sich auch zum Ziel gesetzt zu zeigen, wo die Förderung von Kunst hingehen kann.
Biesenbach: Die Ausstellung ist ein Experiment. Wir machen direkte Künstlerförderung, das heißt, die Künstler produzieren in den Ateliers speziell für die Ausstellung. Wir arbeiten mit vier Institutionen zusammen. Und wir versuchen, durch die fünf jungen Kuratoren einen frischen Blick auf die Kunstproduktion in Berlin zu bekommen. Hans-Ulrich, Christine und ich wären zu voreingenommen gewesen. Wir sind beispielsweise mit Douglas Gordon und Olafur Eliasson eng befreundet. Man kennt sich seit zwanzig Jahren. Die fünf Kuratoren haben schon allein dadurch, dass sie jünger sind, eine Unabhängigkeit, die ich gut finde.

Klaus_Biesenbachtip: Die Debatte darüber, was die Stadt für die Kunst und Künstler tun kann, findet vor dem Hintergrund statt, dass die Mieten steigen und die Räume für Künstler enger werden. Wie viel Staat braucht die Kunst?
Biesenbach: Berlin war die letzten 20 Jahre extrem im Umbruch und hat eine Künstlerszene hervorgebracht, die beispiellos ist im Sinne von Produktion. Wenn man sich überlegt, wie viele bekannte Künstler hier leben und arbeiten, das ist ungeheuer. Und das ist fast ohne staatliche Förderung passiert. Obwohl ich genau der Falsche bin, das zu sagen, weil ich einer der Miterfinder der KW bin, und natürlich hat die Stadt die Kunst-Werke getragen. Ich habe die Berlin-Biennale mit erfunden, und natürlich haben die Stadt und der Bund das getragen – bis heute. In New York wird auch alle paar Jahre viel Geld ausgegeben, um eine Ausstellung mit Künstlern zu machen, die vor Ort leben. Paris macht das, London ebenfalls. Moskau auch.  

tip: In Berlin scheint es mehr und mehr ein Selbstverständnis zu geben, dass Kulturschaffende sagen: Wir haben jetzt einen besonderen Schutzbedarf.  
Biesenbach: Ich reise viel. Manchmal sind Städte nicht besonders toll, aber wenn man nach den Mietpreisen fragt, schlägt man lang hin. In Berlin ist es sicher schwieriger geworden, bezahlbare Räume zu finden, aber immer noch möglich.

tip: Kann man es überhaupt in einer Stadt verankern, dass sie Kunstmetropole ist? Oder sind Künstler Nomaden und gehen irgendwann woanders hin?
Biesenbach: Sie haben eigentlich die Antwort schon formuliert. Man kann glücklich sein, dass die Künstler bleiben, solange sie bleiben. Und wenn sie gehen, dann – hasta la vista – ist es vorbei. Aber noch ist Berlin eine ungeheuer liberale Insel und hat eine schöne Unübersichtlichkeit.

tip: Fredi Fischli, wie sind Sie und die andern vier Kuratoren denn an die Aufgabe rangegangen, in dieser Unübersichtlichkeit eine Übersicht über die Künstler zu bekommen?      
Fischli: Auf verschiedenen Wegen. Es gab zum einen den Open Call mit den Einsendungen, und zum anderen …
Oh, hier brennt was.
(Die Stofftasche von Fredi Fischli hat sich durch eine brennende Zigarette entzündet)
Fischli: Meine schöne Tasche. (lange Pause) Da ist mein Laptop drin. (Er löscht das Feuer vorsichtig mit Mineralwasser.)
Biesenbach: Nimm mal lieber das Laptop raus bevor du es mit meinem Mineralwasser begießt. (Pause) Wahrscheinlich hast du jetzt den Faden verloren. (Gelächter)
Fischli: Also … wie wir vorgegangen sind. Wir sind zum einen eingestiegen mit dem Open Call, um Künstler zu finden, die nicht bereits in Ausstellungen sichtbar sind. Zum anderen war die Diskussion um die Ausstellung schon im Gange, und das förderte sowieso die Kommunikation. So spricht man mit allen möglichen Leuten über die Künstler, die in der Stadt aktiv sind und jetzt den Moment formen.

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Fotos: Harry Schnitger (oben), Ofer Wolberger 

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