Ein radikaler Blick auf das Unsagbare: Fotografin und 68er-Ikone Gisela Getty hat ihre Zwillingsschwester Jutta Winkelmann beim Sterben begleitet und diesen Prozess in Bildern festgehalten. Mit „Ashes to Rishikesh“ zeigt sie eine zutiefst persönliche Fotoausstellung während der Berlin Art Week. Im Interview spricht die Fotografin darüber, warum diese Bilder weit über das Private hinausweisen und einen neuen Zugang zu Endlichkeit eröffnen.

Gisela Getty (geb. 1949) und ihre Zwillingsschwester Jutta Winkelmann (1949–2017) wurden in Kassel geboren und gehörten zu den prägenden Figuren der 68er-Generation. Sie standen für ein Leben jenseits bürgerlicher Konventionen zwischen Kunst, Politik und Spiritualität. In Berlin, Rom und Los Angeles drehten sie Filme, lebten in Kommunen, trafen auf Andy Warhol, Dennis Hopper und Leonard Cohen. Ihr gemeinsamer Weg war bestimmt von Experimentierlust und dem Anspruch, gesellschaftliche Grenzen zu überschreiten. Die Krebserkrankung ihrer Schwester hat Getty dokumentiert und zeigt eine Auswahl der Fotos nun erstmals im Rahmen der Berlin Art Week in der Ausstellung „Ashes to Rishikesh“ im Studio des Künstlers Ryan Mendoza.
Gisela Getty im Gespräch: Der Tod ist „das große Geheimnis, vor dem wir Angst haben“
tipBerlin Frau Getty, wenn Sie den Tod in einem Satz fassen müssten – welcher wäre das?
Gisela Getty: Das große Geheimnis, vor dem wir Angst haben.
tipBerlin Sie haben Ihre krebskranke Schwester Jutta Winkelmann beim Sterben fotografisch begleitet. Konnten Sie etwas vom Geheimnis lüften?
Gisela Getty Als Kinder waren wir vom Sensenmann in den Büchern von Wilhelm Busch mit seinem schwarzen Umhang fasziniert. Aber in diesem Sterbeprozess dann wirklich dabei zu sein und ihn zu beobachten, das ist nochmal ganz was anderes. Man realisiert, dass man überhaupt keine Kontrolle hat über gar nichts. Dass man eigentlich nur zuschauen kann, was da passiert, ohne es wirklich zu verstehen. Aber immer mit diesem Mut hinzuschauen und anzunehmen.
tipBerlin Wie kamen Sie darauf, den Tod Ihrer Schwester mit der Kamera zu begleiten?
Gisela Getty Sie hatte lange mit dem Krebs gelebt und da habe ich sie schon fotografiert. Ich wollte das dokumentieren, weil ich das Gefühl hatte, das ist wichtig. Ich fotografiere ohnehin alles.
tipBerlin Und sie hatte damit kein Problem, in so einem verletzlichen Zustand?
Gisela Getty Wir haben das zusammen gemacht. Sie war Subjekt und Objekt zugleich. Sie hat mich ermuntert, Bilder zu machen. Ich habe alles mit dem iPhone fotografiert; in dieser intimen Situation war es gut, keine große Kamera zu nehmen. Mit einigen Fotos hat sie für ihr Buch „Mein Leben ohne mich“ gearbeitet, ein Comic, in dem sie ihre Krankheit verarbeitet. Darin sind ihre ganze Verzweiflung und Wut darüber, dass sie sterben muss.
Gisela Getty: Wie lebten ein neues Leben und wollten ein neues Sterben
tipBerlin Hatten Sie von Anfang an die Idee, ihre Fotos zu veröffentlichen?
Gisela Getty Nicht direkt. Ich dachte, irgendwann mache ich etwas damit. Als Jutta ihren Tod akzeptiert hatte, veränderte sie sich sehr. Sie wollte noch ein anderes Buch machen, um Leuten zu helfen. Aber sie hatte nicht mehr die Kraft dafür. Sie wollte, dass ihr Sohn und ich etwas machen.
tipBerlin Und wie kam es jetzt, knapp acht Jahre später, zu dieser Ausstellung?
Gisela Getty Mein Neffe Severin Winzenburg hatte ihr letztes Lebensjahr gefilmt, und wir wollten gemeinsam zunächst einen Film schneiden, aber emotional ging das nicht. Die Jahre vergingen, bis wir wieder ins Material schauten und merkten: Jetzt geht es. Da habe ich auch an meine Fotos wieder gedacht und beschlossen, dass ich eine Ausstellung machen möchte.
tipBerlin Welche Gedanken standen bei Ihnen hinter der Entscheidung, die teils heftigen Fotos öffentlich zu zeigen?
Gisela Getty Als Teil der 68er, die ein neues Leben gelebt haben, auch den Tod eben nochmal neu erleben wollen und eine andere, spirituellere Einstellung dazu finden. Das Sterben ist noch das Tabu in unserer westlichen Welt. Also die Menschen sterben, kommen ins Krankenhaus, der Tod wird verdrängt. Es gibt überhaupt keinen geistigen Zugang zum Sterben bei uns. Aber Jutta und ich haben immer gesagt, das Sterben muss noch irgendwie anders sein.

tipBerlin Sie zeigen Fotos aus dem letzten Lebensjahr von Jutta Winkelmann, in dem sie an Gewicht verloren hat. Aufnahmen von solch einem abgemagerten, einem sterbenden Körper sehen wir vornehmlich aus Berichten über Krieg und Leiden in anderen Teilen der Welt – aber nicht bei uns.
Gisela Getty Das ist ein interessanter Punkt, das sehe ich nämlich auch so. Also, wir kennen natürlich Fotos von Konzentrationslagern, aus der deutschen Geschichte, die uns mit diesen Bildern konfrontiert. In den Kriegen heute ist das ja immer noch ein bisschen weit weg. Das sind noch immer die anderen. Hier nicht. Und das bringe ich eben jetzt sehr nah. Und eigentlich ist es nur eine Einladung. Ich sage: Das ist der Sterbensprozess meiner Schwester.
tipBerlin Durchaus eine Zumutung.
Gisela Getty Man kann sich darauf einlassen, aber das ist mit aller Freiheit. Und ich weiß auch, wenn Leute aggressiv darauf reagieren, dass bei ihnen natürlich der Angstpunkt berührt ist. Man will sich dann dagegen wehren.
tipBerlin Hatten Sie Bedenken?
Gisela Getty Ja, die Bedenken habe ich bis heute. Die ganze Sache ist auch sehr konfliktbeladen. Aber ich stehe dazu.
tipBerlin Was halten Ihre Familie und Freunde davon?
Gisela Getty Bei den erschreckenderen Bildern habe ich Rücksprache mit Juttas Erwachsenen Kindern gehalten. Einige Bilder, die ich problematisch fand, hielten sie für besonders wichtig. Ich habe das Gefühl, dass sie mir da voll vertrauen. Von meinen Freunden habe ich bisher auch Unterstützung erhalten. Wenn man das aushält, auch die eigenen Gefühle dazu, dass man selbst sterblich ist, hat das etwas Befreiendes. Ich möchte mit dieser Ausstellung in einen Dialog treten mit Menschen und sagen, wir können da auch einen anderen Zugang finden.
Das Schöne neben dem Schrecklichen entdecken
tipBerlin Welcher wäre das?
Gisela Getty Wir können schon während wir leben, durch Meditation das Sterben lernen. Loslassen, indem wir immer leichter und freier werden, auch von der Identifikation mit dem Körper. Diese Praxis gehört zu der Arbeit, die wir in unserer Gruppe mit Rainer und den anderen Frauen machen (Anm. d. Red.: Jutta Winkelmann lebte mit 68er-Ikone Rainer Langhans in einer Gemeinschaft in München). Meine Schwester ist meditierend und sehr bewusst gestorben. Zwar sehr leidend auch, denn sie hat Schmerzmittel abgelehnt. Sie hatte wahnwitzige Schmerzen, und das sieht man in den Bildern. Dennoch konnte ich dabei auch das Schöne und Eigenständige in ihr wahrnehmen.
tipBerlin Mit Schönheit wird der Tod selten assoziiert.
Gisela Getty Dieses Sterben als Eingang in ein neues Leben, auch in Liebe – das habe ich bei Jutta wirklich beobachten können. Und ich hoffe, dass ich das in den Bildern aufgefangen habe. Das ist mir wichtig bei der Ausstellung: dass man neben dem Schrecken eben auch die Liebe sieht und dass man sich von dieser Zärtlichkeit berühren lässt.

tipBerlin Gab es Momente, in denen das Fotografieren für Sie schwer auszuhalten war
Gisela Getty Ja. Als ich gesehen habe, wie dünn sie geworden ist und das zu fotografieren, war das hart. Da musste ich mich überwinden. Aber wir haben immer darüber gesprochen, Ehrlichkeit war uns wichtig. Tabus entstehen ja, wenn man nicht hinschaut oder sich Märchen erzählt. Deshalb habe ich mit dem iPhone fotografiert – eine große Kamera hätte in dieser intimen Situation nicht gepasst. Ich habe ihr die Bilder gezeigt, und sie machte sogar Witze: „Der Teufel hat wirklich nichts mehr an mir zu nagen.“
tipBerlin Sie haben die 68er-Generation erwähnt – dieses Aufbruchsgefühl nach den 50ern, das sehr aufs Leben gerichtet war, teils hedonistisch, teils politisch, teils spirituell. Was davon steckt in Ihrer Arbeit, auch in der Idee, den Tod anders zu leben oder gar zu revolutionieren?
Gisela Getty Ich denke, 68 versteht man bis heute nicht richtig. Es gab politische Bewegungen, Hedonisten, Mode, Musik – aber die Jugendkultur war sich einig in „Make Love Not War“. Es ging um Liebe, um Zärtlichkeit. Es war eine spirituelle Bewegung. Nachher ging dieses Fenster zu, einige sind verzweifelt und sogar gestorben. Die Frage blieb: Wie kann ich das weiterleben, von dem ich weiß, dass es das Wirkliche ist, nämlich die Liebe. Wie geht es weiter mit der Welt? Wir hatten das Glück, Rainer zu treffen, der sagte: Es geht nach innen. Diese spirituelle Suche hat sich durch unser Leben gezogen. Mit vielen Regressionen, aber sie blieb der rote Faden. Auch im Tod meiner Schwester, der Entschluss, bewusst zu sterben, trotz Angst und Wut nach vorne zu blicken – diese Perspektive hat sie durchgeleitet.

tipBerlin Die Fotos sollen den Tod als Anfang zeigen. Was verstehen Sie unter diesem Anfang?
Gisela GettyDass dieses schwere Materielle nun von einem fällt. Die Angst als Tür, und dahinter ist ein neues Leben.
tipBerlin Also ein Weiterleben wie im Buddhismus?
Gisela Getty Ja, so kann man es beschreiben. Unser Meister sagt: Man kommt erst durch den Tod ins wahre Leben. Uns als Kinder der Aufklärung fällt das Glauben schwer. Aber es geht nicht ums Glauben, sondern darum, Erfahrungen zu machen.
tipBerlin Also die Vorstellung, dass sich nach dem Tod die Seele erneut manifestiert, in eine Form, die wir uns gar nicht vorstellen können?
Gisela Getty Wir können nur über Erfahrungen sprechen. Durch Meditation etwa – wenn man sich vom Körper löst und nach innen fällt, statt nach außen zu blicken. Oder auch unter Drogen, wenn sich das Materielle auflöst: Es wird heller, das Licht kommt rein. Leonard Cohen sagt: „There is a crack in the wall where the light comes in.“ Solche Momente sind punktuell erfahrbar – und wirken oft wirklicher als das, was wir sonst zu sein vorgeben. Genau das habe ich auch bei Jutta gesehen: Während ihr Körper in den letzten Tagen verfiel, wurde sie immer schöner, immer lichtvoller.
Man ist Gefangene und Gefängniswärterin zugleich
Gisela Getty
tipBerlin Wie war dieser Prozess für Sie emotional?
Gisela Getty Für mich ist es eigentlich der härteste Verlust, den ich je gehabt habe. Also kurz davor ist auch Paul, mein Ex-Mann, gestorben, den ich durch den Tod begleitet habe. Und bei meiner Mutter auch. In dem Fall war sie die Ältere, da ist etwas Natürliches dabei. Aber bei meiner Zwillingsschwester, wo meine ganze Identität noch in dieser Konstellation mit verwickelt ist… Ein paar Jahre danach habe ich noch gedacht: Ich werde nie wieder froh.
tipBerlin Sie galten als unzertrennlich.
Gisela Getty Ja, wir hatten immer eine solche Bindung. Aber sie hat uns auch gehemmt. Dieser ewige Vergleich. Man ist Gefangene und Gefängniswärterin zugleich.
tipBerlin Ausbruch unmöglich?
Gisela Getty Wir haben viel an uns gearbeitet. Aber die tiefste Trennung konnte nie passieren. Kurz vor ihrem Tod sagte Jutta: „Ich trenne mich jetzt von dir. Die letzten zehn Meter gehe ich alleine.“ Und plötzlich war dieses ganze Zwillingssein mysteriös weg.

tipBerlin Wie würden Sie diese Arbeit in Ihrem künstlerischen Gesamtwerk einordnen?
Gisela Getty Die Ausstellung ist der erste Schritt, diesen Zirkel meiner Zwillings-Identität abzuschließen. Ganz verschwinden wird er wahrscheinlich nie. Dazu kommen der Film und ein geplantes Buch über sie. So habe ich das Gefühl, ihr etwas zurückzugeben für die Freiheit, die sie mir geschenkt hat. Ich gehe den ganzen Prozess noch einmal durch, und die letzten Wochen waren dabei ziemlich hart, aber bereuen tue ich es aber keineswegs, im Gegenteil. Denn ich entdecke selbst, was ich mir von den Betrachter:innen erhoffe: dass sie das Schöne erkennen. Nicht im üblichen, ästhetischen Sinn, sondern in der Konfrontation mit sich selbst. Man entwickelt eine gewisse Offenheit und einen anderen Blick, unterscheidet nicht mehr strikt zwischen schrecklich und schön, sondern erkennt das Leben in seiner Gesamtheit und traut sich, ihm ins Gesicht zu blicken.
- Studio Ryan Mendoza Streustr. 89, Weißensee, 10.–14.9., Do+Fr 16–20 Uhr, Sa 17–20 Uhr, So 17–22 Uhr, Eröffnung und Gespräch zwischen Gisela Getty und Gast: Mi 10.9., 17–22 Uhr
Alle wichtigen aktuellen Ausstellungen findet ihr hier. Wie umgehen mit dem Lebensende? Charlotte Wiedemannhat vom ahorn Space am Hermannplatz in Neukölln versucht, neue Wege im Umgang mit dem Tod aufzuzeigen. Es sind melancholische, besinnliche Orte: Besondere Friedhöfe in Berlin, die ihr besuchen solltet. Sie erzählen Stadtgeschichte: Berühmte Gräber in Berlin – zu Besuch bei Knef, Dietrich, Brecht. Auch als Ausflug geeignet: Radtour zu Berliner Friedhöfen entlang bedeutender Gräber. Ihr wollt mehr über die 68er in Berlin wissen? Lest hier, wie mit einem Ostermarsch der Gründungsmythos der Bewegung in West-Berlin begann.

