Ausstellungen

Global am Bosporus: die Istanbul Biennale

istanbul biennale 2011Schon auf der Berlin Biennale 2010 stellte sich eine Frage: Spielt es im globalisierten Biennale-Geschäft überhaupt noch eine Rolle, an welchem Ort sie stattfindet? Auch die zwölfte Istanbul Biennale mit dem Titel „Untitled“, die Anfang September in zwei alten Lagerhallen am Ufer des Bosporus eröffnete, könnte inhaltlich ebenso in irgendeiner anderen Stadt der Erde gezeigt werden.

Auch dank einer vermögenden Sponsorengruppe zählt die seit 1987 alle zwei Jahre in der türkischen Metropole stattfindende Kunstschau mittlerweile neben den Biennalen in Venedig und Sao Paulo zu den wichtigsten Biennalen weltweit. Aber gerade an ihrem Anspruch, international mitzuspielen, kränkelt die diesjährige Ausstellung. Vom Kuratorenduo Adriano Pedrosa aus Brasilien und Jens Hoffmann aus Costa Rica organisiert, lässt sie jeglichen Bezug auf die Türkei vermissen. Und nicht ein einziger Ausstellungsort in der Stadt wurde genutzt.

Als Ideengeber der Schau wählten die Kuratoren Felix Gonzalez-Torres (1957-1996). Die fünf Themenblöcke Abstraktion, Reisepass, Geschichte, Death by Gun und Ross sind Paraphrasen jeweils eines Werks des verstorbenen kubanisch-amerikanischen Konzeptkünstlers und sollen seine Gedanken weiterführen. Für die Ausstellungsarchitektur mit fünf Gruppenschauen und 50 Einzelpositionen verfrachtete der japanische Architekt Rye Nishizawa Aluminiumboxen in die orangefarben gestrichenen Lagerhallen.

Wie Geschichte manipuliert und umgeschrieben wird, beschreibt der Abschnitt „Untitled“ (Geschichte). Der Ägypter Wael Shawky erzählt in „Cabaret Crusades: The Horror Show File“ (2010) mit 200 Jahre alten italienischen Marionetten die Geschichte der Kreuzzüge (1096-99) aus arabischer Sicht. Das düstere, aber brillante Marionettentheater in Spielfilmlänge stellt wichtige Fragen zum westlichen Blick auf die arabische Welt und vice versa. Sie ist die einzige Arbeit, die als Bezug zu Istanbul gelten kann. Schade eigentlich, denn schließlich erobert türkische Kunst derzeit weltweit Galerien, Museen und Sammlungen. Zum Glück zeigt das Kunstmuseum Istanbul Modern, gleich neben den Biennale-Hallen gelegen, zeitgleich die kluge Ausstellung „Dream and Reality“, in der türkische Künstlerinnen die soziale und kulturelle Transformation ihres Landes sichtbar machen.

Text und Foto: Laila Niklaus

„Untitled“ (12. Istanbul Biennale), 2011 bis 17.11.2011

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