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„Gottfried Lindauer. Die M?ori Portraits“ in der Alten Nationalgalerie + Video

Gottfried Lindauer. Die M?ori Portraits

Darauf muss man erst einmal kommen: die Maoris in der Alten Nationalgalerie vorzustellen. Sie spiegelt seit jeher den europäischen Kunstkanon. Schon die französischen Impressionisten hatten es schwer, hier neben deutschen Malern wie Adolph von Menzel Fuß zu fassen. Inzwischen ist der Kampf um die Moderne ausgefochten, Paul Cйzanne und Claude Monet haben ihren Platz erobert. Gottfried Lindauer war bisher kein Begriff. Was macht er bei den Stars?
Die Ausrichtung des Museums auf die europäische Kunstgeschichte klammerte den Kontext einer schon im 19. Jahrhundert beginnenden Globalisierung aus. Das ändert sich nun. Udo Kittelmann hat den Auswanderer Gottfried Lindauer entdeckt. Der schiffte sich 1874 nach Neuseeland ein und blieb. Zu wenige Aufträge zu Hause und die drohende Einberufung zum Militär im ungarisch-österreichischen Krieg motivierten seinen Entschluss.
Tatsächlich fand der Mann aus dem böhmischen Pilsen (heute Tschechien) in der Ferne sein Glück: Er traf auf einen Mäzen. Der Geschäftsmann Henry Partridge besaß ein Faible für die Maori-Kultur und beauftragte den an der Wiener Kunstakademie ausgebildeten 35-Jährigen, deren markante Gesichter zu porträtieren. In akribischem Realismus brachte Lindauer die Tätowierungen der oft mit Federn geschmückten Häupter auf die Leinwand.
Dass diese Darstellungen von ranghohen Maori nach Berlin reisten, ja, erstmals überhaupt außerhalb von Neuseeland zu sehen sind, sei „eine große Sensation“, sagt Kuratorin Britta Schmitz. Nicht nur für die Besucher der Alten Nationalgalerie, die dort Romantiker, Impressionisten oder die Bilder des Berliner Sezessionisten Max Liebermann anzutreffen gewohnt sind, und keine Krieger-Porträts eines weithin unbekannten Malers. Es war auch für die Nachfahren der dargestellten Maori ein großer Schritt, sich von den Abbildungen ihrer Vorfahren zeitweilig zu trennen, halten die Porträts doch die Erinnerung wach, vergegenwärtigen ihre Identität und Geschichte. Die Werke kommen aus einem Wertesystem, das dem westlichen Kunstmarkt-Denken fremd ist. In der Annäherung beider Welten liegt die Chance zum besseren Verständnis der anderen Kultur und zur Erweiterung des Blicks auf die haus­eigene Sammlung.
„Wir wollen die Bilder in einem kunsthistorischen Zusammenhang präsentieren. Würden wir sie in den außer­europäischen Sammlungen in Dahlem zeigen, würden wir sie auf das Fremde reduzieren. Wir sind aber eine Bildwissenschaft und reflektieren: Warum haben wir das bisher nicht wahrgenommen?“  Bislang wurden solche Darstellungen nämlich eher in der Ethnologie verortet und ihr Niveau verkannt. Es gebe aber „verschiedene Qualitäten“, die es zu entdecken gilt, findet die Kunsthistorikerin.
Die 49 Porträts rahmen gleichsam die Werke der deutschen Romantik. In ihnen „begegnen sich die Kulturen zweier weit voneinander entfernten Weltgegenden“, so Nationalgalerie-Direktor Kittelmann. Denn die Ureinwohner des pazifischen Insel­staates brachte ein Europäer ganz im Stil abendländischer Bildgestaltung auf die Leinwand. Es sind stolze Überlebende der verheerenden Umwälzungen, die indigenen Völkern im 19. Jahrhundert zusetzten.
Neuseeland war britische Kolonie und Einwanderungsland. Der Anteil der Ureinwohner wurde durch eingeschleppte Krankheiten der Europäer, Auseinandersetzungen mit Siedlern, aber auch Kämpfe untereinander dezimiert. Er liegt heute bei etwa 15 Prozent der rund vier Millionen Neuseeländer. Das Vertrauen in den Ankömmling aus Österreich, der sie detail­getreu malte, muss groß gewesen sein.
„Lindauers Bilder waren farbig, im Gegensatz zur frühen Fotografie. Die Ähnlichkeit hat die Maori überzeugt. Er begegnete ihnen mit Würde, und sie fühlten sich schön dargestellt“, sagt Britta Schmitz.

Gottfried LindauerDer bärtige Maler mit der Nickelbrille wurde von den Maori bis zu seinem Tod 1926 hoch verehrt. Für sie spiegeln die einfühlsamen Bildnisse die Geschichte ihres Volkes, individuellen Schmerz und Freude wider.
Sie gaben auch selbst Arbeiten bei ihm in Auftrag. So erstaunt es nicht, dass die fotorealistischen Gemälde, die eine idealistische und spirituelle Bedeutung für die Einheimischen besitzen, jetzt vor ihrer Abreise gesegnet wurden. Partridge, der 1931 starb, hielt seine Sammlung eisern zusammen – trotz Anfragen auch aus Berlin, wo man das Exotische schon früh schätzte. Heute hängen sie in der Auckland Art Gallery, die für diese Schau mit der Nationalgalerie kooperiert.
In unmittelbarer Nähe zu Caspar David Friedrich und Karl Friedrich Schinkel, wo schon die Porträts von Anton Graff hingen, blicken uns nun statt Schiller und Goethe die Besucher aus Neuseeland entgegen: Eruera Maihi Patuone, Eru Tamaikoha Te Ariari und Mrs. Paramena. Jeder Porträtierte bringt seine Geschichte mit. Etwa Eruera Maihi, ein weises Stammesoberhaupt mit vollständig tätowiertem Gesicht und aufwendig geschnitzten Kampfstock.
In Dahlem und anderen ethnologischen Sammlungen, in London oder Paris, finden sich Artefakte wie die kunstvoll verzierten Waffen, welche einige der Abgebildeten halten. Es sind Zeugnisse, die Forscher und Entdecker aus den fernen Ländern und Kolonien wie Neuseeland mitbrachten. Sie werden in absehbarer Zeit das Humboldt-Forum füllen und damit auch Fragen aufwerfen. Da ist es gut, wenn die Diskussion schon mal an anderer Stelle beginnt.
Echte bikulturelle Wechselbeziehungen wie zwischen dem böhmischen Maler und den Maori waren selten, jedenfalls selten so respektvoll. Seine präzisen Bildnisse bieten eine neue Lesart im Umgang mit Bildern und Museumssammlungen an. Menzels „Eisenwalzwerk“ etwa lese man „völlig anders“, wenn man Lindauer sehe und Geschichte anders interpretiere, glaubt die Kuratorin: „Dazu brauchen wir die Erzählungen von Fremden.“

Text: Andrea Hilgenstock

Foto: Museum of New Zealand Te Papa Tongarewa/ Fotograf unbekannt / Turnbull Library, Wellington (PUBL-0092-001)

Alte Nationalgalerie Bodestraße 1-3, Di–So 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, bis 12.4.

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