Ausstellungen

Gregory Crewdson und Sibylle Bergemann bei C|O Berlin

gregory_crewdsonDas sagt Gregory Crewdson, Sohn eines Psychoanalytikers, und in seinem Leben als Fotokünstler vor allem der Fremdheit in der Welt verpflichtet. Aufgewachsen in New York, habe er dort nicht ein einziges Mal zur Kamera gegriffen, sagt der 49-Jährige. Die Settings für seine extrem aufwendigen Bild-Inszenierungen findet er in seiner Wahlheimat Massachusetts. Dort lebt der detailversessene Melancholiker in einer renovierten Kirche. Dort in der Umgebung findet er auch die Darsteller seiner schönen und traurigen Bilder, die filmischen Gemälden mehr ähneln als Fotos. In monatelanger Arbeit entstehen sie nach ausgefeilten Scripts – namenlose Vororte mit leergefegten Straßen und einsamen Protagonisten oder Interieurs, die das Grauen der Normalität in den Mittelpunkt rücken. Crewdsons Blick ist von außen nach innen gerichtet, wobei er letztlich sein Inneres nach außen kehrt. In die Tradition von Edward Hopper, Walker Evans, David Lynch bis Bill Viola reiht er sich ein als Bilderfinder mit Tiefen- und Langzeitwirkung. Seine erste Ausstellung in Berlin „In a lonely Place“ schnürt einem fast die Kehle zu, so wuchtig existenziell erscheinen die mysteriösen Großformate aus der Serie „Beneath the Roses“ (2003–2008).

Der düster-morbide Charme des Postfuhramtes tut ein Übriges, die Wirkung dieser um Verlorenheit und Ausgeliefertsein des Menschen kreisenden, nach Transzendenz strebenden Werke zu verstärken. Auch den rund 150 zwischen 1979 und 2010 entstandenen Polaroids von Sibylle Bergemann im Erdgeschoss ist das Ambiente idealer Partner. Im Unterschied zu Crewdsons elaboriertem Arbeitsstil wird hier der flüchtige Augenblick absichtsvoll zelebriert. Dabei sind Bergemanns Momentaufnahmen dann doch dem gleichen Ziel verpflichtet: Vergänglichkeit zu veranschaulichen und märchenhafte Schönheit. Denn der Moment reichte auch ihr nicht, es sollte schon die Ewigkeit sein. So passt das Sofortbild mit seinen verblassenden Farben auch als Angedenken an die im November verstorbene Fotografin, die wider das Vergessen anknipste und in ihren kleinen Bildern ebenso Geschichten erzählt wie Crewdson in seinen großen.

Text: Andrea Hilgenstock

Foto: Gagosian Gallery, New York. White Cube, London. Gregory Crewdson

tip-Bewertung: Herausragend

Gregory Crewdson. In a Lonely Place

Sibylle Bergemann. Polaroids
C|O Berlin, Oranienburger Straße 35/36, Mitte, tgl. 11–20 Uhr, bis 4.9.

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