Installation

Gülsün Karamustafa im Hamburger Bahnhof

Popkultur trifft auf Politik: Gülsün Karamustafa zählt zu den wichtigsten Künstlerinnen aus der Türkei und zeigt ausgerechnet jetzt erstmals in Deutschland eine große Ausstellung

Gülsün Karamustafa
Staatliche Museen zu Berlin / Thomas Bruns

Drei kleine Jacken hängen in einer Ecke.  Durch den Stoff schimmert etwas, das sich nicht sofort erkennen lässt. Fotonegative vielleicht, in Zeitungspapier Gewickeltes, befestigt mit Sicherheitsnadeln. Begleitet wird die Installation von einem auf den Boden geschriebenen Satz: „Wenn wir die Grenzen überschritten, versteckten wir das, was uns wertvoll war, eingenäht in den Jacken der Kinder“. „Courier“ heißt die Arbeit, sie stammt aus dem Jahr 1991.
Dringlichkeit und Aktualität zeichnen das Werk der türkischen Künstlerin Gülsün Kara­mustafa aus. „Courier“ ist nicht die einzige Arbeit im Hamburger Bahnhof, die wirkt, als sei sie erst vor kurzem entstanden, obwohl es zehn, 20 oder vielleicht sogar 30 Jahre her ist. Kein Wunder, dass weder Direktor Udo Kittelmann noch Kura­torin Melanie Roumiguière die erste große Einzelausstellung Karamustafas in Deutschland Retrospektive nennen wollen.

Der Begriff scheint etwas zu lasch für das gegenwärtige Werk der fast 70-jährigen Istanbuler Künstlerin. Zu sehen ist da etwa die Videoinstallation  „Memory of a Square“, die die Geschichte des Taksim-Platzes aufarbeitete, lang bevor er Symbol für die Proteste gegen die türkische Regierung wurde. Oder die Installation „Mystic Transport“ von 1992, Satindecken, die das Publikum in Industriekörben herumrollen kann. Auch hier geht es um Flucht, Heimat, Ausbeutung.
Karamustafas große Themen sind Migration, Gender, Popkultur, türkische ­Politik, orientalistische Blicke des Westens auf den Nahen Osten. Die Künstlerin arbeitet mit Textilien, ­Videos, Found-Footage, verarbeitet Kitschiges und Autobiografisches neben Hochpolitischem, meist alles auf einmal. Und auch die Schau, die Karamustafas Werk nicht chronologisch geordnet zeigt, sondern die Exponate thematisch miteinander verwebt, stellt all das nah nebeneinander. Frühe Malereien zeigen Mai-Aufmärsche oder aber verliebte Pärchen vor Fotos von Stars und Sternchen, die sie wohl aus der Zeitung ausgeschnitten haben. Unweit davon steht  die einzige Installation, die für diese Ausstellung entstand, eine Menschen­pyramide, Männchen übereinander gestapelt mit verbundenen Mündern.

Die Ausstellung räumt Karamustafa umfassend und doch licht den Raum ein, den sie verdient. Udo Kittelmann spricht von einer  Herausforderung für einen westlichen Blick. Doch ist das so? Eine kleine, dezente Arbeit, mehrere Cover von deutschsprachigen Groschenromanen sind nebeneinander aufgestellt: Männer schauen fragend auf Frauen, Frauen blicken verträumt in die Ferne, all die Bergdoktoren, Adelsschicksale und Liebesdramen. Und dann sind sich der Kitsch Mitteleuropas und der des Nahen Ostens plötzlich sehr, sehr nah.
„Werde ich wieder Fragen zu ‚Frauen und Islam’ beantworten müssen? Muss ich ein Statement zur Situation im Nahen Osten abgeben? Werde ich erklären müssen, das meine Beziehung zum Islam komplex ist?“, fragt Karamustafa in einer Arbeit zu Orientalismus aus dem Jahr 1996. Doch wahrscheinlich lautet die Antwort noch immer: ja.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50/51, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18, Do bis 20 Uhr, Sa + So 11–18 Uhr, bis 23.10

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